Tokio, Lindenstrasse – »I want to fuck you« von Peter-Paul Hartnett

 

Die Hauptfiguren dieses Buches sind der Abiturient Akio, der seine Schönheit in einem Bordell alten Männern verkauft, ja geradezu „opfert“, der sich dafür in verschiedene Rollen begibt und seine Attraktivität in den Dienst des Klischees eines Strichers stellt; Takeo, ein Junge, der darauf hin arbeitet, endlich seinen ersten Orgasmus zu haben, und dabei ständig an seinen Sportlehrer Handa denkt; Handa wiederum benötigt seine gesamten Kräfte dazu, nicht in die Situation zu kommen, seine zwölfjährigen Schüler zu verführen, und daher auch die Dienste von Akio braucht; Liam, ein Model aus London, das mit seinem Kollegen, einem windigen Amerikaner, in einer Wohnung lebt und die oberflächliche Welt der Laufstege kennen lernt; ebenso ein übergewichtiges pubertierendes Mädchen, das Sex auf der Straße sucht; ein älterer Schwuler, der Takeo von seinem Fenster aus beobachtet; eine gelangweilte Hausfrau mit ihrem kleinen Kätzchen; und letztendlich ein weiterer homosexueller Junge, der sich wegen seiner sexuellen Orientierung umbringt, während seine Eltern im Urlaub sind. Die Wege dieser Figuren kreuzen sich hinter der Fassade eines Wohnblocks.

Der bereits im Jahre 1992 erschienene Roman bekam einen neuen Namen, während er anfangs und auch im Original „I want to fuck you“ heißt, trägt er nun den Namen „Tokio, Lindenstraße“. Beide Titel sind irreführend. Weder eine Art Else Kling taucht auf, noch kann man von einem besonderen politischen Anspruch reden, den die Serie sicherlich vorweisen kann. Der Autor vermag es nicht gerade, sehr viel Tiefgang in diesen Roman zu bringen. Allerdings leistet er mehr als einen pornografischen Roman abzuliefern, was der ursprüngliche Titel nahe legt.

Das Buch ist an vielen Stellen sehr deprimierend. Vielleicht ist die Welt ja auch häufig so, aber man wünscht sich doch gelegentlich ein wenig mehr Glück, Lebensfreude, gute Laune, Seele. Der Inhalt erinnert manchmal ein wenig an Bücher von Sybille Berg, allerdings ohne deren Tiefe zu besitzen. Viel zu oft bleibt das Geschriebene an der Oberfläche. Die Figuren leiden alle, vor allem der Junge, der sich selbst umbringt. Allerdings erfährt man gerade von dieser Figur sehr wenig – dieser Handlungsstrang mutet an, als diente er lediglich dazu, noch mehr Niederdrückendes in den Roman zu packen. Die Ehe der Frau ist langweilig, sie fühlt sich gelangweilt. Auch der junge Abiturient Akio stirbt vor Langeweile, hat überhaupt keinen Tiefgang und feiert regelrecht seine Oberflächlichkeit und seine nicht gerade beneidenswerte Fähigkeit, in sexueller Hinsicht jegliche Wünsche befriedigen zu können. Warum der Autor überproportional viele Homosexuelle für seine Handlung braucht, bleibt sein Geheimnis. Vermutlich um in diese leidige Sparte: Schwulenliteratur zu gelangen. Eine Sparte übrigens, die es genauso wenig geben sollte wie so genannte Frauen-Bücher.

Für manch Einen wird das Buch sicherlich erotische Situationen bereithalten – all jenen viel Spaß dabei. Etwas Anspruchsvolles ist hier nicht zu erwarten, Pornografie pur ist es wie gesagt allerdings auch nicht, eher ein Porträt der Talk-Show-Generation: viel Geschwätz, Sex als alles beherrschendes Thema, Depression und fehlender Tiefgang.

Der Roman „Tokio, Lindenstrasse – »I want to fuck you« – Blick hinter der Fassade eines Wohnblocks in Japan“ von Peter-Paul Hartnett ist 2007 im Männerschwarm Verlag erschienen, umfasst 280 Seiten und ist in einer Taschenbuch-Ausgabe für zwölf Euro neunzig im Fachhandel erhältlich.

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Der Garten der toten Bäume von Jossi Avni

 

„Diese Stille – weißes Todesraunen fallenden Schnees. Es gibt keine schönere Musik als das Pochen der weichen Berührung dieser dicht gesponnenen Tropfen, die die feuchte, nächtliche Erde kosen. Mach mir die kleine Katze, flüstere ich ins Kissen, und ich höre Andreas´ genießerische Zunge miauend an meinem Ohrläppchen und meinem Hals lecken. Ich stöhne, genüsslich an die Wand gepresst, und Andreas kichert mir das Kichern der bösen Hexe zu, das mich immer zum Lachen bringt, und bedeckt mich mit seinen Küssen.“

Rasch wird deutlich, worum es in diesem Roman in fünfzehn Episoden geht: um eine stilistisch schöne Sprache, um Bilder, die sich jeder gut vorstellen kann, um Sehnsucht, um die Liebe, die jeder sich erhofft. Doch selten ist sie zu sehen wie hier, in ihrer genussvollen Variante. In allen Geschichten steht eine Figur im Mittelpunkt, die sich unglücklich in jemanden verliebt – teilweise genießt sie kurze Zeit das Glück in der Zweisamkeit, um dann abermals verlassen zu werden. Teilweise allerdings wird die zerstörerische Sehnsucht nicht gestillt. Im Ersten Teil des Romans taucht hin und wieder Jossi auf, der sich unsterblich in einen jungen Mann verliebt, der in einem Kibbuz arbeitet. Es ist ein ständiges Hin und Her. Zunächst kann der Angebetete nicht damit aufhören, sich im Park oder sonst wo mit Zufallsbekanntschaften herumzutreiben, dann tut er sich mit einer Frau zusammen, um sie später zu heiraten und Kinder zu kriegen. Doch insgeheim lässt ihn die Liebe zu Männern und insbesondere zu Jossi nicht los. Dies geht vielen Figuren so: sie sehnen sich nach Menschen, die unerreichbar sind, egal ob es mit Konventionen, mit dem eigenen Status oder eigenen Moralvorstellungen zu tun hat. Dies ist übrigens auch die Verbindung zum zweiten Teil, bei dem man sich in den ersten drei Kapiteln fragt, was dieser mit dem ersten Teil zu tun hat.

Der Park Tel Avivs, in dem gecruised wird, gibt dem Buch den Titel:

„Viele einsame, durstige Menschen treiben sich dort wie blinde Falter zwischen den Bäumen herum. Wie oft habe ich mir geschworen, dass ich auch in den schwersten Augenblicken nicht mehr an diesen fürchterlichen Ort gehen werde, aber Wahnsinn und Lust haben mich besiegt. Ich laufe dort mit all diesen Menschen zwischen den toten Bäumen herum, die Sonnenbrille habe ich trotz der Dunkelheit auf. Dies ist ein Garten, in dem nichts wächst und gedeiht; es ist der Garten der toten Bäume.“

In schonungsloser Offenheit beschreibt er die kleinen Niederlagen, die Selbstbetrügereien, die Scham, das schlechte Gewissen, die kurzfristige Befriedigung, die bald nachlässt und noch trauriger macht. Der Melancholiker, so sagten bereits die alten Griechen, ist wollüstig. Doch er merkt bald, dass nach der schnellen Befriedigung eine noch größere Leere entsteht.

„Fremde, die sich aus der großen Stadt auf die stillen und bösen Wege des Parks flüchten, um zu finden. Um was zu finden? Sie wandern zwischen den Bäumen umher, suchen, fragen: ‘Verzeihung, wie spät ist es?’, prüfen den Körperbau im Licht einer Laterne, ziehen sich zurück, sie senken ihre Stimme und flüstern ‘Willst du?’ Sie räuspern sich, und von der Stille beschämt lassen sie sich wieder von der Dunkelheit verschlucken, oder sie flüchten zitternd vor Erwartung an den Fuß der Mauer oder zu den Kalknischen, die zum Strand blicken, lassen die Hose herunter, nach Haut und Fleisch verlangt es sie, und hinterher sagen sie: Okay, man sieht sich‘’, kehren um und suchen und finden nicht.“

Nein, seine Episoden sind selten positiv, selten hat man was zum Lachen. Da ist Jossis Mutter traurig, weil er nicht heiraten möchte. Da ist der junge Soldat, den er auf der Straße kennenlernt, der sehr sexy ist, und von dem er vermutet, dass der ihn nur ausrauben wollte und zwar eine wertvolle Statue aus Jossis Zimmer entwendet hat, deren fehlen er nach dessen Besuch bemerkt. Da ist der Professor, der in seinen Studenten vernarrt ist, ihm tausend Briefe schreibt, auf ein Zeichen wartet. Da ist der Arzt, der homosexuell ist, seit Jahren mit einer Frau verheiratet, eine Tochter hat. Und der plötzlich von einem jungen Mann verfolgt wird und seine alten Sehnsüchte aufkommen sieht. Doch die Geschichten haben manchmal kuriose Wendungen, die dann doch das eine oder andere Mal ein Schmunzeln hervorlocken.

Nein, ich möchte nicht den Eindruck erwecken, dass man dieses Buch nicht lesen dürfe, im Gegenteil: zu schön ist die Sprache:

„Und dann sprangen plötzlich vom Meer ein paar weiche Wolken herbei und wickelten sich um den Rand des Himmels. Das stechende, gnadenlose Licht erbarmte sich, fühlte sich angesichts dieses Anblicks beschämt und wurde dunkler, und eine gespannte Erwartung war in der Luft, als könnte jeden Augenblick ein wohltuender Regen niedergehen.“

Und der Inhalt ist zu wahr:

„Allein wie immer lief ich durch die dunklen Straßen, und dieses Etwas kicherte boshaft in mir, bis ich eine süße Gelassenheit spürte, seit langem vertraut, die Gelassenheit der Einsamen. Allein lief ich durch die Straßen dieser Stadt, in der kein Wind weht, um ihren nächtlichen Durst zu mildern…“

Es tut, was ein gutes Buch tun soll: das innere Eismeer zerteilen. Ja, das kann es. Aber am Ende möchte ich auch ein Schmankerl bringen, denn manchmal lädt das Buch auch zum Träumen und Phantasieren ein, zum Beispiel, wenn es im Internat spielt, in der Kindheit von Jossi.

„Siko ließ den Kopf auf die Stuhllehne zurückfallen (der Ventilator blies lange Locken aus seiner Stirn), fing meine Finger und näherte sie seinem Kopf. Ich strich mit den Fingern durch sein dichtes Haar, griff mit der Hand diese weichen Strähnen, und Siko wand sich voller Genuss. Er schaute unruhig zu den Fenstern der Klasse, ich flüsterte ihm zu: ‘Niemand sieht uns.’ Dann  ließ er seine Hose herunter, spuckte in meine Hand und befahl mir mit heiserer Stimme: ‘Hör nicht mit den Haaren auf!’ und nach einer oder zwei Sekunden seufzte er auf, heftete einen gequälten, von reue zerfressenen Blick auf seine Handfläche. Ich stellte alles an seinen Platz zurück und versprach ihm, dass ich nie, niemals irgend jemandem etwas erzählen würde.“

Im Übrigen macht er das gleiche bei all seinen engen Freunden, Gilad denkt dabei an eine Frau namens Aviva und Tomer mit dem großen Glied verwöhnt er in der dunklen Dusche. Nach Jahren trifft er sie wieder. Gilad sagt: Wie schön es damals war! Und Jossi lernt am Ende den schwulen Bruder von Gilad kennen.

Der Roman „Der Garten der toten Bäume“ von Jossi Avni ist 2006 neu als Taschenbuchausgabe im Männerschwarm Verlag erschienen, umfasst 200 Seiten und ist für 10 Euro im Fachhandel erhältlich.

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Die Verschwulung der Welt von Joachim Helfer und Rashid al-Daif

 

Der Berliner Joachim Helfer und der Beiruter Rashid al-Daif sind Teilnehmer des Interkulturellen Literaturaustauschprogramms „West-Östlicher Diwan“, das vom Goethe-Institut, den Berliner Festspielen und weiteren deutschen Institutionen initiiert ist. Das Ziel ist, den Austausch der verschiedenen Kulturen zu forcieren, indem man sich gegenseitig in den beiden Ländern besucht und das literarische Umfeld des Anderen kennenlernt. Das Produkt soll ein Essay über die Verschiedenheiten und Gemeinsamkeiten der beiden Gesellschaften sein. Rashid al-Daif, der Austauschpartner aus dem Libanon, tat etwas anderes. Er verfasste ein kleines Büchlein, das sehr persönlich und intim war: er schrieb über das Privatleben seines deutschen Kollegen, und insbesondere über dessen Homosexualität. Dieses Traktat wurde zu einem kleinen Bestseller im Libanon. Joachim Helfer sah sich gezwungen, eine Gegenrede zu verfassen, die vor kurzer Zeit trotz Bedenken des deutschen Verlages, in Deutschland herausgegeben wurde.

Worum geht es in diesem Werk? „Das Bett ist ein Kriegsschauplatz zwischen arabischer Tradition und westlicher Moderne“ so spitzt der Libanese seine These zu. Schon hier muss man erwähnen, dass al-Daif in seinen Romanen sehr gerne über Sexualität schreibt, allerdings stets heteronormative Vorstellungen vertritt. Er hat also bewiesenermaßen ein großes Interesse an Sexualität und deren Auswirkungen. So fasziniert ihn die Sexualität des deutschen Gegenübers und scheint alles andere in den Schatten zu stellen. Im gesamten Text spielt nur eben die Sexualität von Joachim Helfer eine Rolle. Am Ende ist er gar der Meinung, dass er selbst den jüngeren Literaten aus Europa bekehrt und zum rechten Pfad der Tugend gebracht hat, da Helfer sich seinen lang gehegten Wunsch eines Kindes erfüllt, und zwar mit Hilfe einer Frau, die er in Beirut kennenlernt. Die Sichtweise des Beiruters lässt allerdings nicht zu, dass dies für Helfer nichts am Status seiner langjährigen Beziehung mit seinem Partner ändert.

Doch warum ist das so wichtig für ihn? Es stellt sich bald heraus, dass al-Daif wie die meisten Menschen in arabischen Ländern eine andere Definition von Homosexuellen haben:

„Als Homosexueller wahrgenommen und bezeichnet wird weder ein Mann, der einen Homosexuellen oder einen Jüngling begehrt, noch dieser Jüngling selber, sondern einzig der erwachsene Mann in seiner, für Rashid durch Bart- und Körperhaar symbolisierten, Potenz als Mann begehrt, sich also von ihm penetrieren lässt, oder zumindest ließe, wenn sein aufdringliches Buhlen zum Erfolg führen würde.“

Das heißt, dass das potenziell Weibische und weiblich Passive das Verteufelte in den Augen des Libanesen ist. Damit einhergeht klar ersichtlich die abwertende Haltung gegenüber Frauen. Und dies ist einer der Streitpunkte der beiden Autoren: Joachim Helfer wirft dem Kollegen aus Beirut vor, einen sehr geringschätzigen Blick auf das andere Geschlecht zu haben. Al-Daif, der in seinem Land als progressiver Intellektueller gilt, zeigt hier in diesem Buch seine eher rückwärts gewandte Sichtweise der Dinge. Manche wohlwollende Kritiker schreiben, dass der Libanese doch manches eher ironisch meinte, doch nirgends in dem Text ist Ironie erkenntlich. Joachim Helfer seinerseits hat es ebenso wenig mit der Ironie. Seine Gegenrede ist doch allzu oft belehrend und mit erhobenem Zeigefinger. Viel zu oft benutzt er den erhobenen Zeigefinger und viel zu selten lässt er eine distanzierte, gelassene und humorvolle Haltung zu.

Die Frage ist sowieso, ob dieses Werk ein tatsächlicher Dialog ist. Al-Daif hatte sein Werk im Monolog veröffentlicht. Und Joachim Helfer hielt einen Monolog dagegen. Ein Dialog ist das nicht. Viel spannender und erhellender wäre wohl eher, den Text von al-Daif zu nehmen, einzelne Passagen zu kommentieren und dann wieder zurück zu ihm nach Beirut zu schicken. So hätte ein wahrer Dialog zustande kommen können, der vielleicht etwas produktiver gewesen wäre. Und nicht im Sande verläuft wie das jetzt wohl der Fall sein wird.

So richtig was Neues, was wir uns noch nicht gedacht hätten, kann man aus diesem Werk nicht herauslesen. Amüsant ist es trotzdem, wenn die beiden Schriftsteller ihre verschiedenen Versionen von Wahrheit kundtun. Joachim Helfer, der eher trocken analysieren möchte, und der poetische Rashid al-Daif, dessen Geschichten-Strom von dem Deutschen durch seine Einlassungen unterbrochen wird – manchmal ein wenig schade. Lustig sind auch die Unterstellungen von al-Daif, der zum Beispiel Angst hat, von Helfer angemacht zu werden, da er ja so männlich und behaart ist, und darauf stehen bekanntlich die Schwulen!

Alles in allem ist das Buch für all diejenigen lesenswert, die es mit Distanz, guter Laune und einem Quäntchen Philanthropie lesen. Menschen allerdings, die ohnehin schon Vorurteile und Klischees bezüglich muslimischen Menschen haben beziehungsweise in der Frauenbewegung arbeiten, sollten dies lieber unterlassen, denn man kann sich schon sehr über die Kommentare des Libanesen aufregen, was Joachim Helfer gelegentlich auch tut!

 

Das Buch „Die Verschwulung der Welt – Rede gegen Rede; Beirut – Berlin“ von Joachim Helfer und Rashid al-Daif ist in der Edition Suhrkamp erschienen und für zehn Euro im Buchhandel erhältlich.

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Untaugliche Indianer von Gregorio Ortega Coto

 

Der Autor mit dem wohlklingenden Namen Gregorio Ortega Coto wurde 1946 als Sohn spanischer Auswanderer in Marokko geboren, wuchs dort auf und kam mit zwölf Jahren nach Spanien. Durch Zufälle gelangte er über die Kanarischen Inseln und England nach Berlin, wo er seit 1973 lebt und als Sozialarbeiter tätig ist. Er verfasst seine Geschichten sowohl auf Deutsch als auch auf Spanisch.

In diesem Erzählband versammelt der Autor einige feinsinnige und meist recht kurze Geschichten, die ein überraschendes Ende haben. Die Figuren sind sensibel gezeichnet, sie sind ungewöhnlich, meist mutig, manchmal verdrängen sie aber auch die Wahrheit. Sie sind verliebte Matrosen, verhasste Transsexuelle, stolze Kinder, die sich gegen die ganze Familie durchsetzen, lächerliche Außenseiter, humorvolle Intellektuelle, harmlose Männer, die unschuldig leiden müssen, eine Transe, die zwanghaft auf Hosenschlitze von Männern schaut.

„Der Sandkornzähler“ ist eine Erzählung, die die alte Frage erneut aufwirft: Wie tolerant sind homosexuelle Männer untereinander? Die Tunte Lirio sagt über ihn, und meint dabei Agustins Ex-Lover:

„Er hasste mich einfach. ´Sie ist eine blasierte Tunte. Man kann sehr gay sein, aber muss man es so ausposaunen und auf dem Teller präsentieren? Man kann homosexuell sein und dabei muy macho. Ich kann das tuntige Gehabe dieser degenerierten Schwuchtel nicht ausstehen. Sie ist mir zuwider´, keifte diese Sau in Agustins Ohren und meinte natürlich mich.“

Ich fühle mich an eine kürzliche Unterhaltung mit einem Freund von mir erinnert, den ich verklemmt nennen möchte, der viele Vorbehalte gegenüber Schwule hat, obwohl er dies selbst ist. Ich erinnere mich aber auch an Diskussionen in der Redaktion über das Thema Adoption unter schwulen Männern und wie einer unserer Crew selbst Vorurteile äußerte und damit zeigte, wie intolerant wir schwulen Männer selbst sind. Es ist also noch heute ein Thema. Manchmal wundern wir uns darüber, dass es noch Menschen gibt, die ein Problem mit Homosexuellen haben, vergessen aber darauf, dass wir selbst noch ein Problem damit haben. Wie viele „harte Männer“ kennen wir, die „durch die Gegend poppen“, Toleranz von jedem um sich herum erwarten, aber dann auf Partys und Discobesuchen sich von „den Tunten“ distanzieren. So lange manche der Schwulen ihren Horizont nicht erweitern, und lernen, toleranter zu werden, dürfen wir uns auch nicht über Heterosexuelle mokieren, die noch im letzten Jahrhundert leben, denn im Grunde leben viele von uns auch genau dort. Auf diese Wunde legt Coto seinen Finger und drückt zu, subtil und fein.

In der Erzählung „Matinee“ schreibt er über einen jungen Cineasten, der plötzlich ganz andere Gründe hat, ins Kino zu gehen, nachdem er den Film „Der Tod in Venedig“ angeschaut hat. Zunächst besucht er regelmäßig das Cinema, um dort Kraft zu tanken.

„Kino erhöhte ungemein seinen Adrenalinspiegel und förderte überdies sein sonst lückenhaftes Gefühlsleben.“

Ich erinnere mich an meinen kläglichen Versuch, vor ein paar Wochen, den Film „Der Tod in Venedig“ auf Video anzuschauen, einem Meisterwerk von Visconti. Klar, auch ich fiel auf den Reiz dieses wunderschönen Tadzio herein, der der damaligen Definition von wunderschön entsprach, ein glattes, makelloses Äußeres, weiche, glatte, blasse Haut, lange blonde Haare, schmächtiger Körper, zarte Gesichtszüge, sehr knabenhaft, fast wie ein Engel. Aber dieser geschminkte, lethargische Aschenbach, machte mich genauso wahnsinnig, wie die psychedelische Musik, die enervierenden Landschaftsbilder, diese gnadenlose Trägheit und Apathie. Spannender ergeht es unserem Helden Santiago Ugarte, der einen wahren Höhepunkt erlebt im Kino, der dem verwirrten Pfarrer eine ungeahnte Flut in der Spendenkasse bereitet.

Manche der Geschichten sind nicht ganz jugendfrei, andere brutal und nichts für Zartbesaitete, aber allesamt haben sie einen Charme und eine Raffinesse, die Spaß macht. Es gelingt zwar nicht immer, den Leser zu überraschen, aber langweilig wird bei der Lektüre dieses Erzählbandes vermutlich niemanden.

Der Erzählband „Untaugliche Indianer“ von Gregorio Ortega Coto ist 2005 im MännerschwarmSkript Verlag erschienen, umfasst 119 Seiten und ist gebunden für sechzehn Euro im Fachhandel erhältlich.

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