Connie und Carla von Nia Vardalos

 

Bereits als kleine Mädchen tanzen und singen Connie und Carla, doch sie haben damit in der Schule genauso wenig Erfolg wie später als Erwachsene. Der Durchbruch möchte nicht gelingen. Die beiden singen in einem kleinen Dinner Theatre vor ungefähr zehn gelangweilten schlafenden Greisinnen. Und ihre Freunde glauben ebenfalls nicht an den Erfolg, machen sich sogar lustig über sie. Eines Tages ändert sich ihr Leben. Nämlich in dem Moment, als ihr Chef von Gangstern umgebracht wird, und sie das beobachten. Die Frauen laufen um ihr Leben. Sie schaffen es sich nach L.A. abzusetzen und finden dort über Umwege in einem Kosmetik-Salon, wo sie nach zwei Stunden gefeuert werden, Unterschlupf in einem Drag-Queen-Club. Hier haben sie endlich den Erfolg, den sie sich immer erhofft hatten. Standing Ovations jeden Tag vom schwulen Publikum. Ihr wahres Geheimnis zu hüten erweist sich indes schwieriger als gedacht.

Tja, der Film hört sich nicht nur nach Kitsch an. Er ist es. Doch es gibt Kitsch, der einen unerträglich langweilt und Kitsch, der so doof erscheint, dass es wieder witzig ist. Dazu gehört dieser Film eindeutig. Allerdings hat es sich die Filmemacherin Nia Vardalos, die bereits mit „My big fat greek wedding“ einen unerwarteten und fabulösen Erfolg hatte, sehr einfach gemacht. Sie dachte sich wohl: hm, was passiert wohl, wenn ich „Sister Act“, „Priscilla“ und „Too fong woo“ kreuze, die hinreißende Toni Collette, die einst in dem Kultfilm „Muriels Hochzeit“ brillierte, als Duettpartnerin engagiere, und ein paar Sympathieträger als Unterstützung verpflichte? Ganz einfach: ein Erfolg, zumindest in der Community der Schwulen und Lesben. Das Rezept ist so einfach wie durchschaubar: ein paar dumbe Gags, viele Musical-Lieder, schrille Kostüme, etwas fürs Herz und natürlich ein gelungenes, gerade weil vorhersehbares, Happy-End. My big gay heart, was willst du mehr?!

Ja, es muss gesagt werden: der Film ist Kult! Ich lege meine Hand ins Feuer dafür, dass jede Tunte dieser Erde beim Anschauen dieses Films mindestens drei Mal lacht und einmal mitsingt. Und jetzt kriege ich wahrscheinlich Ärger wegen fehlender Political Correctness. Aber genau das ist auch das Thema dieses Movies. Das Sympathische an diesem Film ist, dass er zwar viel will, aber dies nicht auf enervierende Weise tut. Nein, mit einem Augenzwinkern gehen die beiden Heroinnen gegen den Hollywood-Schönheitskult an und kämpfen für mehr Toleranz gegenüber Transen. Das Letztere passiert vor allem in den Szenen, in denen der Bruder einer Drag Queen, gespielt vom wie immer hölzernen David Duchovny, in diesem Fall allerdings passender Weise, eine Annäherung an seinen Bruder sucht. Berührungsängste begleiten ihn dabei, die ihm Connie versucht auszutreiben, nicht allerdings ohne eigene Hintergedanken. In einer Szene fragt er dann dementsprechend, hm, was ist denn der Grund, dass sich Tunten wie Tunten benehmen, er könne dies nicht verstehen. Die Frage bleibt – nein, die Dialogpartnerin gibt darauf keine direkte Antwort. Warum? Weil es vollkommen egal ist.

Dies ist eine Moral, die in diesem Film eine wichtige Rolle spielt. Keine großen Erklärungen, keine peinlichen Dialoge darüber, außer wenn man sich über genau solche lustig machen möchte. Vieles wird parodistisch überzeichnet und keiner hat das Gefühl: hey, musste das jetzt sein. Einer der Gangster gewinnt dann auch im Laufe des Streifens an Kontur, er durchbricht das Stereotyp des kaltblütigen, emotionslosen Profikillers, und wird zu einer heimlichen Lieblingsfigur. Mit diesem Kunstgriff, der auf den ersten Blick platt wirkt, zeigt Nia Vardalos noch einmal, wie sie unbeschwert für eine Normalität und eine Sympathie sorgt, ohne große, geschwätzige Worte. Ja, sagt uns dieser Film, sei, wie du bist, und steh dazu. Mach kein Drama draus. Sei eine Persönlichkeit und dann verdienst du Respekt. Ob du diesen Respekt dann zugestanden bekommst, ist eine andere Frage. Darauf hast du vielleicht keinen so großen Einfluss, das heißt allerdings nicht, dass du es deswegen gleich sein lässt!

Die DVD ist ganz gut gemacht, nützliches Bonusmaterial hinzugefügt. So kann man sich beispielsweise witzige Szenen anschauen, die herausgeschnitten wurden, einen alternativen Schluss, ein anderes Abschluss-Lied, Kommentare vom Regisseur und Versprecher der Schauspielerinnen.

Die DVD „Connie und Carla“ wurde 2004 in den USA gedreht, ist bei UfA Home Entertainment erschienen und für 19,99 Euro im Fachhandel erhältlich.

Veröffentlicht in Film

Water Lilies – Naissance des pieuvres von Céline Sciamma

 

In diesem Film ist die 15-jährige Marie (Pauline Acquart) die Hauptperson, die an sich selbst und an ihrer Identitätsfindung leidet. Wir beobachten sie, wie sie zu Beginn des Films die Auftritte der Synchronschwimmerinnen verfolgt. Sie bewundert die reifer wirkende, hübsche Floriane (Adèle Haenel), die diese Gruppe führt. Zugleich ist die Außenseiterin Marie mit der leicht übergewichtigen Anne (Louise Blachère) befreundet: eine kindlich-verschworene Freundschaft, die sakrosankte Züge trägt und die zunehmend überschattet wird von der Rivalität zwischen Floriane und Anne, die um den gleichen Jungen buhlen. Doch die sich entwickelnde Distanz hat noch einen anderen Grund: Marie ist in Floriane verliebt und möchte alles tun, um ihr zu gefallen. Zum Beispiel deckt Marie sie, damit Floriane den angehimmelten Francois treffen kann. Aus dieser Vertrautheit entsteht eine intime Nähe, die in eine ungeahnte Richtung geht.

Ursprünglich hatte Céline Sciamma das Drehbuch als Abschlussarbeit an der Filmhochschule „La Fémis“ verfasst, doch der Dozent Xavier Beauvois überredete die Autorin dazu, ihren eigenen Stoff auch selbst als Regisseurin zu verfilmen. Der Film feierte schließlich seine Premiere im Jahre 2007 beim Filmfestival von Cannes, wo er in der Reihe „Un certain regard“ gezeigt wurde.

Sciamma inszenierte einen sehr ruhigen, verhaltenen Film, in dem es weniger um viel Handlung oder lange Dialoge geht, sondern mehr um die Emotionen, die die fabelhaften Jungschauspielerinnen darstellen sollen. Nähe und Distanz zwischen den Figuren werden nicht durch Worte dargestellt, sondern durch Gesten und Blicke. Die Nöte der Pubertät, die damit verbundenen Sehnsüchte, die Identitätssuche und die Enttäuschungen sieht man in den Gesichtern und den Körperhaltungen.

Eines der Themen dieses Films ist der Schein und das Sein: in verschiedenen Einstellungen wird dies in den Aufführungen der Synchronschwimmerinnen gezeigt. Über dem Wasser lächeln die schön geschminkten, dünnen Mädchen und bewegen sich anmutig, während sie unter der Wasseroberfläche strampeln und zappeln. Dies wird dann in der Kapitänin Floriane auch auf eine andere Ebene gespiegelt: die Umgebung glaubt, dass sie eine „Schlampe“ ist und schon mit vielen Männern geschlafen hat, z.B. mit Francois, aber auch mit einem der Trainer. Diese scheinbare Abgeklärtheit  ist allerdings nur Schein und in Wirklichkeit ein Selbstschutz. Sie hat genauso wie die anderen Mädchen Angst vor dem ersten Mal.

Dieser Film ist atmosphärisch dicht und wirkt deswegen so eigenartig, weil kaum Erwachsene auftreten. Die Eltern von Marie und Anne zum Beispiel tauchen im gesamten Film nicht auf. Es gibt nur eine begrenzte Anzahl von Handlungsorten: meist sind die Figuren im Schwimmbad, einem Ort, den Sciamma folgendermaßen beschreibt:

„Für mich ist es ein schwüler Ort, wo Begierden geboren und Dinge offenbart werden.“

Die Regisseurin möchte ebenso die angesichts Olympia aktuelle Frage von strenger Kontrolle und Disziplin beim Sport thematisieren. Die Mädchen werden genau überprüft, ob sie sich enthaart haben, ob ihre Frisuren und ihr Makeup sitzen, ob sie genug Muskeltraining gemacht und Diät eingehalten haben. Der sterile, kalte Raum der Schwimmhalle scheint diese militärisch anmutende Zurichtung noch zu unterstützen. Und doch ist dies zugleich der Ort, an dem die Konzentration auf den Körper verborgene Blicke und sexuelle Phantasien weckt. Dieses veranschaulicht sie durch die verstohlenen Blicke Maries, aber auch der Jungen um Francois bzw. dem jugendlichen Trainer, der Floriane verehrt und nachstellt.

Es gibt Filme, deren Inhaltsangabe man liest und denkt: oh je, das ist doch nichts, was mich interessiert! Was will ich mit einem Coming-of-Age-Film, der von kleinen Mädchen handelt, die zu allem Überfluss Synchronschwimmerinnen sind? Und dann stellt man fest: Der Film ist ja wirklich gut, ja, man wundert sich, wie gut man sich unterhalten oder inspiriert fühlte. Dies geschieht hier.

Veröffentlicht in Film

Hellbent von Paul Etheredge-Ouzts und Gay Zombie von Michael Simon

 

Paul Etheredge-Ouzts hat im Jahre 2004 „Hellbent“ nach seinem eigenen Drehbuch verfilmt. Es ist die Nacht vor Halloween. Zwei Jungs haben ein Date im Wald, als plötzlich ein muskelbepacktes Wesen mit metallener Teufelsmaske und gebogenem Messer auftaucht. Am nächsten Morgen werden sie gefunden – ohne Kopf… Der junge homosexuelle Eddie wird auf diesen Fall angesetzt. Er beschließt mit seinen Freunden Chaz, Joey und Toby auf die große Halloweenparty ins MeatLocker zu gehen, um dort zu ermitteln. Er hofft, seinen geheimnisvollen Flirt Eddie dort wiederzutreffen. Aber diese Nacht gehört dem Teufel und der mysteriöse Unbekannte folgt der aufgekratzten Gruppe. Inmitten der verkleideten Zombies, Geister und Kettensägenopfer merken sie nicht, wie einer nach dem anderen seinen Kopf verliert… Weiß Eddie um die Gefahr, in der er schwebt? Wird er der Final Boy sein?

Dies ist nicht nur der erste Gay Splatter Film, den ich bespreche, sondern überhaupt wohl der erste Horrorfilm, der Eingang in dieses Magazin findet. Grund genug, ein bisschen mehr zu diesem Genre als Hintergrund zu erzählen.

Splatter ist eine Art des Horrorfilms, bei der die Darstellung von exzessiver Gewalt und Blut im Vordergrund steht. Der Begriff Splatter ist eine Amalgamierung, die sich aus den englischen Wörtern to splash und to spatter zusammensetzt, welche beide „spritzen“ bedeuten. Splatter ist zwar meist, aber nicht nur auf den Horrorfilm beschränkt, vielmehr finden sich entsprechende Elemente in den verschiedensten Genres. „Splatterfilme“ bilden daher nicht so sehr ein eigenes Genre, sondern bezeichnen eine allgemeine Strategie affektorientierter filmischer Körperdarstellung.

In jüngster Zeit feierte das Splatterkino mit zahlreichen Remakes „klassischer Splatterfilme“ ein Revival. Dabei sind z.B. Dawn of the Dead (2004) und Michael Bay’s Texas Chainsaw Massacre (2003) zu nennen. Ebenfalls auf teilweise positive Kritiken stieß Alexandre Ajas Remake des Films Hügel der blutigen Augen (1977) von Wes Craven, The Hills Have Eyes – Hügel der blutigen Augen.

Splatterfilme rufen wie kaum eine andere Art von Filmen (ausgenommen vielleicht Pornografie) zwiespältige Reaktionen und zum Teil deutliche Ablehnung hervor. So gelten die blutrünstigen, aggressionsgeladenen und oft mit dem Gefühl des Ekels spielenden Werke vielen Rezipienten als geschmacklos, wenn nicht pervers oder „krank“. Dies macht auch die Rezension eines Splatterfilms sehr schwierig. Was sind denn objektive Kriterien eines Splatterfilms? Ich weiß es nicht. Hat es mir Spaß gemacht, diesen Film zu schauen? Ja. War er spannend? Doch, ja. Konnte man das Ende vorhersehen? Doch, schon. Waren die Effekte gut? Nun ja, an die vorher genannten Produktionen kommt er nicht dran. Nein, sicher nicht.

Aber interessant ist die Perspektive schon: Diese „schwule“ Perspektive. Einerseits werden die Opfer aufgrund ihrer Homosexualität abgeschlachtet. Doch das Schwulsein wird nicht nur allgemein thematisiert, sondern auch die Sichtweisen der einzelnen Sub-Gruppen unter den Schwulen. Also, wie denken Hetero-Likes über Tunten, Transen über Lederboys usw. Das interessiert an dem Film. Ebenso übrigens wie der Kurzfilm „Gay Zombie“, der 2007 von Michael Simon gedreht wurde. Ich möchte nicht zu viel darüber erzählen, denn er ist ganz schön tricky und sehenswert. Natürlich auch hier die leicht billig wirkende Splatter-Ästhetik, die auch „Hellbent“ dominiert. Es ist sehr amüsant, wie die „Tunten“ versuchen, den Zombie zu einem attraktiven Schwulen zu gestalten. Wie auch bei „Hellbent“ auffällig ist, dass die Akteure nach bestimmten ästhetischen Kriterien ausgewählt wurden. Beide Filme sind einerseits amüsant und andererseits spiegeln sie genauso wie die Splatterfilme des Mainstreams, die ich vorher nannte, die Gesellschaft wieder und prangern sie auf ihre Art an.

Veröffentlicht in Film

Ein Quantum Trost von Marc Forster

Normal 0 21 false false false DE X-NONE X-NONE /* Style Definitions */ table.MsoNormalTable {mso-style-name:“Normale Tabelle“; mso-tstyle-rowband-size:0; mso-tstyle-colband-size:0; mso-style-noshow:yes; mso-style-priority:99; mso-style-qformat:yes; mso-style-parent:““; mso-padding-alt:0cm 5.4pt 0cm 5.4pt; mso-para-margin-top:0cm; mso-para-margin-right:0cm; mso-para-margin-bottom:10.0pt; mso-para-margin-left:0cm; line-height:115%; mso-pagination:widow-orphan; font-size:11.0pt; font-family:“Calibri“,“sans-serif“; mso-ascii-font-family:Calibri; mso-ascii-theme-font:minor-latin; mso-fareast-font-family:“Times New Roman“; mso-fareast-theme-font:minor-fareast; mso-hansi-font-family:Calibri; mso-hansi-theme-font:minor-latin;}

Wie zum Hohn wurde ein ganz wundervolles Plakat auf die Litfasssäule geklebt, die den Bürgersteig vor meiner Haustür ziert: Werbung zum neuen Bond-Film mit dem ebenso ungewöhnlichen – weil Name des Spions nicht führend – wie ungeschickt übersetzten Namen „Ein Quantum Trost“. Zwei Wochen lang jeden Morgen, wenn ich verschlafen aus der Tür trat, sah ich den neuen James Bond Daniel Craig mit dem letzten Bond-Girl Olga Kurylenko, in abgewetzten Klamotten, gar nicht Gentleman- und Ladylike wie gewohnt, aber… ja, aber viel attraktiver als je zuvor. Jeden Morgen stellte ich mir eine Woche lang folgende Frage: Ist das Plakat das Zeichen, dass ich nach 15 Jahren endlich einen James Bond-Film anschauen sollte? Die Antwort wurde mir quasi von höherer Macht abgenommen.

So wurde ich Unwissender überrascht: Tatsächlich alles, was ich einst an den James Bond-Filmen verabscheute, diese smarten Agenten, die mit ihren zynischen Kommentaren jede Situation locker meisterten, die mit vermeintlich witzigen und überzeugenden Sprüchen die Frauen reihenweise ins Bett zogen, was mich sehr befremdete, da diese Typen alt und/ oder viel zu geschleckt waren und mir das gar nicht so wirklich schlüssig vorkam, dass solch hübsche Bond-Girls wie Hale Berry oder früher Kim Basinger oder Jacqueline Bisset sich so einfach verführen lassen; die merkwürdigen Ganoven, die fast wie Karikaturen wirkten und die Zeit des Kalten Krieges symbolisierten, diese merkwürdige Schwarz/Weiß-Überzeichnung der Geschichte, der Figuren, der Orte.

Ganz verschlafen hatte ich also die Entwicklung, die James Bond bereits beim letzten Streifen, dem Vorgänger „Casino Royale“, gemacht hatte. Nicht nur ein neuer Schauspieler wurde eingeführt, man hat die ganze Figur neu erfunden: einen James Bond, dem es egal ist, ob der Martini geschüttelt oder gerührt ist, ein Mann, der keinen Wert auf „coole“ Sprüche legt (waren sie das überhaupt jemals?), der nicht wie Roger Moore und Sean Connery kurz vor der Pensionierung steht, der nicht wie Timothy Dalton oder Pierce Brosnan immer wie aus dem Ei gepellt aussieht, selbst nachdem er von einem Hochhaus auf einen Laster gesprungen ist, dabei noch in der Luft mit drei Männern gekämpft und getötet hat undsoweiter, ein Mann, der das Bond-Girl nicht unbedingt verführen muss, ein Held vor allem mit Gefühlen, ein James Bond, der leidet, der nicht immer „drüber steht“, egal, was passiert, sondern sich in die Geschichte ziehen lässt, außer Kontrolle gerät, der sich rächen möchte, plötzlich ganz alleine, gar ohne Unterstützung von M, seiner „Ziehmutter“, arbeitet; M, die sich zwischendurch fragt, ob sie ihm noch vertrauen kann, ihm letztlich aber die Möglichkeit eröffnet, seinen eigenen Geheimdienst-Kollegen zu entkommen, die ihn einfangen sollen.

Mit all der Objektivität, die mir gegeben ist, also nicht sonderlich viel, setzte ich mich also in diesen schicken Kinosessel, ertrug wirkliche 35 Minuten, aber gefühlte zwei Stunden Werbung, ließ mich sogleich von der Fortführung des letzten Bond-Streifens (wie ich allerdings erst nach dem Anschauen erfuhr) in den Bann ziehen, oder vielmehr von diesen wundervollen Autos und der Landschaft. Nur die Schnitte waren nicht immer logisch und die Perspektive nicht immer passend. Das ignorierte ich erfolgreich. Wieso? Weil ich von dieser Ästhetik des Films von Regisseur Marc Forster, einem deutschstämmigen Schweizer, völlig fasziniert war. Nicht nur die Schauspieler sind attraktiv: Gab es denn jemals ein hübscheres Bond-Girl als diese Olga Kurylenko? Kritiker lästern über ihre Schauspiel-Künste, was ich nicht sonderlich verstehen kann, hat sie doch bereits einen Preis dafür bekommen. Gibt es einen besser aussehenden James Bond als den aktuellen? Ich glaube nicht; die Muskeln sehen so aus, als trainierte er jeden Tag drei Stunden im Fitness-Studio, und eigentlich ist es auch ganz egal, was er anhat oder nicht anhat, er ist immer erotisch. Die Ästhetik der Orte, an die es ihn verschlägt, ist auf verschiedene Art so schön und durchgestylt, wie das noch nie der Fall war. Ein Hotel in der Wüste, das seinesgleichen sucht, das Haus des kurzzeitigen Gefährten James Bonds, das irgendwo in Italien steht, die wundervollen Opernkulissen in Bregenz…

Der Film ist anders geschnitten als die frühen Bond-Filme, er gehorcht der neuen Videoclip-Ästhetik, die unsere heutigen Sehgewohnheiten lenkt. Aber weit gefehlt, wenn man vermutet, dass dies der Zielgruppe der 14-29jährigen geschuldet ist. Nein, auch heute ist James Bond eher etwas für die Menschen im „Mittelalter“. Nur auf den ersten Blick möchte er Jason Bourne Konkurrenz machen: Jedem ist klar, dass Bond bei diesem Kampf verlöre. Nein, Spiderman oder Batman sind jünger, agiler und können die Welt besser retten. Darum darf es nicht gehen, wenn James Bond weiter überleben möchte. James Bond lebt von der Ästhetik einer bestimmten Klasse von Menschen, die sich Luxus und Schönheit leisten kann. Darum geht es wirklich. Hübsche Frauen mit Abendkleider, Männer mit viel Macht und Smokings, Empfänge in edlen Villen und berauschenden Schlössern oder antiken Theatern, Opern-Aufführungen für die Creme der Gesellschaft, Ferienhäuser und Yachten, die mehr Quadratmeter umfassen als mehrere Familienhäuser zusammen. Dass dabei der Plot ein wenig dünn, nicht immer logisch und beizeiten geradezu undurchschaubar ist, stört nicht sehr. Man hat gemunkelt, dass die Drehbuchschreiber nicht besonders viel Zeit hatten (der Drehbuchschreiber-Streik war im Gange) und letztendlich mussten die Autoren vom letzten Mal noch einmal Hand anlegen. Nicht wichtig – diesmal. Zukunft wird James Bond allerdings nur haben, wenn die Geschichten wieder etwas substanzieller und die Gegner etwas markanter werden: Denn Mathieu Almaric, der zwar ein wundervoller Schauspieler ist, aber in seiner Rolle nicht besonders glänzen konnte/durfte, blieb etwas blass neben dem umso kraftvolleren und präsenteren Daniel Craig.

Mittlerweile ist das Plakat abgehängt und ich denke ein bisschen mit Wehmut an meine beiden Heroen: Gerne möchte ich nun die Olga im abgewetzten Kleidchen sehen und mich von Daniel Craig beschützt wissen. Und morgen werde ich mir „Casino Royale“ anschauen…

Veröffentlicht in Film