Gender Theory – Eine Einführung von Riki Wilchins

 

Dieses Buch soll eine Einführung ins Thema „Geschlechtsidentität“ sein. Das alleine ist schon verwirrend, weil es sich danach anhört, als ob es für Akademiker/innen geschrieben ist, die einen Gesamtüberblick über diese Thematik kriegen sollen. Dem ist nicht so: erstens werden mit diesem Werk Laien angesprochen, zweitens kann so ein dünnes Bändchen überhaupt keinen Überblick über diese Thematik bieten. Was tut also Riki Wilchins, die eine Menschenrechtlerin ist und seit 1995 die Geschäftsführerin der Organisation „Gender Public Advocacy Coalition (Gender PAC)“? Sie versucht die Gedanken großer Philosophen wie Derrida, Foucault und Butler anhand von konkreten Beispielen und eigenen Erfahrungen zu erklären. Sie möchte deren komplexe Theorien allen Interessierten zugänglich machen und aufzeigen, wie bereits jetzt eine neue Generation die Werkzeuge der Queer- und Gender-Theory nutzt, um ihr eigenes Weltbild zu konstruieren. Außerdem soll das Ziel des Buches sein, die „natürliche Ordnung der Geschlechter“ zu überdenken und die eigene Geschlechtsrolle zu hinterfragen.

Zunächst einmal muss der Versuch der Autorin honoriert werden, Gender Theory und Queer Theory zusammenzuführen. Die Gender Studies, die ursprünglich aus der Frauenforschung der 70er Jahre hervorgingen, und die Queer Studies, die neueren Ursprungs, nämlich aus den 90ern sind, gehen normalerweise arbeitsteilig an ihre Aufgaben. Die letzteren entstanden aus den philosophischen und literaturwissenschaftlichen Zusammenhängen des französischen Poststrukturalismus. Gender- und Queer Studies berühren sich bei der Analyse von Ungleichheit, Macht und Herrschaft rund um Geschlecht und Sexualität. Doch nun ist die Zeit gekommen, um beide Richtungen zusammenzuführen, denn der Geschlechterforschung scheint der Hauptbegriff Geschlecht verloren gegangen zu sein – was sind denn Frauen? – und die Queer Studies fühlen sich immer weniger nur für Abweichungen rund um die Sexualität zuständig. Sie setzen sich mit Normalitäten und ihren Konstruktionen auseinander.

Grundsätzlich ist dieses Buch sehr wichtig, weil sich die Leserinnen und Leser vielleicht das erste Mal Gedanken über das Thema Geschlecht und Sexualität machen und wie sie miteinander verstrickt sind. Es ist überaus wichtig zu verstehen, wie die Mechanismen in unserer Gesellschaft funktionieren, was diese Thematik angeht. Und die Mechanismen betreffen jede Schicht und jede Gruppe, auch Minderheiten untereinander. Wie oft hören wir von Schwulen untereinander Vorbehalte gegenüber Untergruppen. Es fängt mit Schwulen an, die Heterolike sind, die etwas gegen Tunten haben. Ich nenne diesen Effekt den „Al-Daif“-Effekt, seitdem ich Joachim Helfers Buch über die Verschwulung der westlichen Welt gelesen und es rezensiert habe. Genauso wie heterosexuelle, konservative Männer Schwule als unmännlich und passiv wahrnehmen, Frauen gleichsetzen – allerdings unter ihrer Prämisse, dass Frauen minderwertig sind, tun dies heterolike Schwule ebenso. Gang und Gäbe sind auch Verschmähungen von Butch-Lesben oder Cross-Dressern. Eine tiefe Abneigung und Verständnislosigkeit gegenüber Transsexuellen und Transgendern ist ebenso allenthalben spürbar. Gerade Gruppen, die selbst diskriminiert werden, neigen genauso dazu, andere Gruppen zu diskriminieren, die von der Norm abweichen.

Doch es geht weiter: die Geschlechtskategorien an sich sind zu überdenken. Was ist männlich, was ist weiblich, was ist maskulin, was feminin? Und hier beginnt einerseits der ansprechende Aspekt des Buches, weil es zum Reflektieren anregt, aber auch der Schwachpunkt: denn hier taucht nicht zum ersten Mal eine Begriffsverwirrung auf, die einen alleine dastehen lässt. Oftmals hat man das Gefühl, entweder ungebildet zu sein, weil man die Hintergründe des ganzen Werks nicht verstehen kann, oder leicht von Begriff, weil man manche Erklärungen einfach nicht versteht. Doch dies hat teilweise ganz andere Gründe. Erstens scheint dieses Buch eine Fehlbesetzung für den deutschen Markt zu sein: die Geschichte der Frauen- und Homosexuellen-Rechte in den USA sind interessant und wichtig, aber für die deutsche Leserin und den deutschen Leser reichlich undurchschaubar. Genauso wenig wie die Geschichte der genannten Organisationen und die vielen Namen, mit denen die Autorin freigebig um sich wirft. Zweitens sind diese komplexen Theorien und der Versuch, sie für den Laien zu übertragen, eine lobenswerte Angelegenheit, nur müsste dabei gewährleistet sein, dass sie weder unzulässig verkürzt, noch verwässert oder gar fälschlich wiedergegeben werden. Oftmals kommt man beim Lesen in die Situation, sich zu fragen, ob man die Theorien nochmals nachschlagen sollte beziehungsweise am besten gleich die Primärtexte zumindest im Auszug zu lesen. Noch häufiger allerdings fragt man sich am Ende des Kapitels: Und jetzt? Was fange ich denn mit diesem Wissen an? Und wie frustrierend, dass es keine Lösung für all die Probleme gibt. Positiv betrachtet kann man dann allerdings äußern, dass man bis zum Ende dabei bleibt, weil man die Hoffnung hat, dass es doch noch eine Möglichkeit gibt, die Welt zu verändern.

Natürlich gibt es diese immer! Das wissen wir alle so genau und sonst hätte auch diese Radiosendung keinen Sinn. Wir wollen einen Beitrag dazu leisten, dass die Gesellschaft demokratischer und toleranter wird. Doch wie überall sonst auch müssen wir erst einmal bei uns selbst anfangen. Fragen wir uns doch einmal, warum wir in unserer eigenen Sendung nur Schwule als Mitarbeiter haben, warum keine Lesben, Transgender und Cross-Dresser bei uns mithelfen möchten. Fragen wir einmal, warum bestimmte Thematiken selten bis gar nicht vorkommen. Woran liegt das? Nun, zumindest möchte ich all diejenigen aufrufen, sich bei uns zu beteiligen, die sich die gleichen Fragen stellen. Die sich auch fragen, was der CSD heutzutage noch soll, wenn 75 Prozent der Besucherinnen und Besucher das nur als weiteren Spaß-Event betrachten und sich zwei Tage lang betrinken, tanzen und potenzielle Lebenspartnerinnen und Partner anbaggern, ohne sich um den politischen Hintergrund zu kümmern.

Hannes Stein schreibt: „Die Freundlichen, Intelligenten und Hilfsbereiten sind gerecht unter allen Seiten verteilt. Es gibt sie also bei den Homos und bei den Heteros genau im gleichen Maße – wie auch die Stumpfen, Kalten und Gleichgültigen. Das kann im Ernst niemanden überraschen. Befremdlich ist jedoch, wenn das Schwulsein mit tieferer Bedeutung aufgeblasen, wenn es zum Lebensinhalt gemacht wird; befremdlich das Bemühen, etwas so Zufälliges und letztlich Belangloses wie die sexuelle Orientierung zur Weltanschauung hochzujubeln. Befremdlich ist, mit einem Wort, die HOMOSEXUALITÄT, wenn sie in Großbuchstaben geschrieben wird.“

Spricht das gegen den CSD, gegen unsere Sendung, gegen dieses Buch von Riki Wilchins? Nein, tut es nicht. Der CSD, diese Sendung, das Buch sprechen für Partizipation an unserer Demokratie, sie sprechen dafür, sich oder bestimmte Merkmale nur insofern wichtig zu nehmen, wenn sie ein Grund sind, aus der Gesellschaft ausgeschlossen und diskriminiert zu werden, schlechtere Jobs oder Wohnungen aus diesen Gründen zu erhalten. Sie fordern auf, sich selbst zu reflektieren, sich politisch zu engagieren, für sich selbst und für andere einzustehen und vor allem den Mitmenschen die gleichen Forderungen, Wünsche, Rechte und Pflichten zuzugestehen wie einem selbst. Hannes Stein hat etwas gegen diejenigen, die nicht über den Tellerrand hinausschauen, gegen diejenigen, die sich darüber echauffieren, dass sie wegen ihrer Homosexualität benachteiligt werden, ohne sich aber um Homosexuelle in anderen Ländern zu kümmern, die deswegen verfolgt, gefoltert, umgebracht werden. Er hat etwas gegen diejenigen, die sich um ihre Rechte als Homosexuelle sorgen, denen aber alle anderen Minderheiten wie Transgender, Cross-Dresser, selbst schon Untergruppen in ihrer eigenen „Community“ herzlich egal sind, im Gegenteil: die sogar selbst diskriminieren und anderen ihre Rechte streitig machen.

Um sich selbst zu reflektieren und sich Gedanken um die Konstruktion von Geschlecht und Sexualität zu machen, ist dieses Buch sehr gut geeignet. Möchte man jedoch eine lohnenswerte Einführung in die Queer Theory lesen, empfehlen Kolleginnen und Kollegen das Buch „Queer Theory – ein Problemkind der Zwangsehe schwuler und lesbischer Politik“ von Annemarie Jagose, ebenfalls im Queer Verlag erschienen.

Das Sachbuch „Gender Theory – Eine Einführung“ von Riki Wilchins ist 2006 im Quer Verlag erschienen, umfasst 187 Seiten und ist in einer Taschenbuch Ausgabe für 14,90 Euro im Fachhandel erhältlich.

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Der Aufbruch. Plädoyer für einen aufgeklärten Islam von Irshad Manji

 

Im katholischen Religionsunterricht der dritten Klasse erzählte uns die Lehrerin folgende Parabel:

In einem fernen Land lebte ein reicher Mann. Seine Frau war verstorben, seine Kinder schon längst aus dem Haus. Er lebte nunmehr mit seinem Diener unter einem Dach. Eines Tages rief er diesen und sagte: „Mein lieber Diener, ich möchte, dass du mir morgen das beste Essen der Welt kochst. Ich gebe dir genug Geld mit, damit du auf dem Markt reichlich dafür einkaufen kannst. Und freue mich auf das Ergebnis am morgigen Esstisch.“ Der Diener ging also los und sah sich einem ungeheuren Angebot auf dem Markt entgegen. Was soll ich nur kochen, fragte er sich. Plötzlich kam ihm eine Idee… Am nächsten Tag servierte er seinem Herren eine Zunge mit verschiedenem wohlschmeckenden Gemüse und feinen Gewürzen. Der reiche Mann aß das Mahl mit Genuss und lobte den Diener über alle Maßen. Nach dem Essen sagte er: „Mein lieber Diener, morgen sollst du für mich das schlechteste Mahl der Welt zubereiten. Ich gebe dir wieder Geld und du gehst erneut auf den Markt…“ Wieder ging der gute Mann auf den Markt und hatte eine Idee… Am nächsten Tag kochte er wieder Zunge mit Gemüse und Gewürzen. Der Herr aß dieses Mahl erstaunt und rief danach seinen Diener zu sich: „Mein Lieber, das verstehe ich nicht. Gestern solltest du das beste Mahl der Welt zaubern und du kochtest Zunge. Heute solltest du das schlechteste Mahl der Welt zubereiten und serviertest mir wieder Zunge. Wieso?“ – „Ja, mein Herr, das beste Essen der Welt ist die Zunge, weil man mit ihr Gutes reden kann, man kann lobpreisen, beten, die Wahrheit sprechen. Aber sie ist auch das schlechteste Essen, weil man mit ihr lügen, betrügen und fluchen kann.“

Diese Parabel umfasst mindestens zwei der Hauptproblematiken des Buches der 1969 in Uganda geborenen und später nach Kanada geflohenen Irshad Manji. Die erste ist die Frage nach den so genannten guten und schlechten Zungen. Die fundamentalistischen Muslime sind natürlich der Ansicht, dass sie mit dieser guten Zunge reden und sprechen jedem, der es wagt, etwas Kritisches über den Koran oder den Islam an sich zu sagen, eine Fatwa aus. Berühmtestes Beispiel ist der Schriftsteller Salman Rushdie, nachdem er die „Satanischen Verse“ geschrieben hatte. Ausgerechnet er bestärkte Manji dieses Buch zu schreiben. Und nun ist sie diejenige, die Morddrohungen erhält und sich Bodyguards zulegen musste. Natürlich beansprucht sie selbst mit guter Zunge zu reden, aber ob das tatsächlich so ist, wird sich später zeigen. Der zweite Punkt: während ich eine freie religiöse Erziehung genoss und zum selbständigen Denken erzogen wurde, kann dies die Autorin nicht von sich behaupten. Sie musste in die Madrasa gehen, eine konservative Koranschule, in der die kleinen Jungen und Mädchen in getrennten Klassen, den Koran in arabischer Sprache auswendig lernen müssen, selbst wenn sie in Ländern leben, in denen ganz andere Sprachen gesprochen werden. Sie schreibt:

„Schlimmer war noch die Trennung von Verstand und Seele. Im samstäglichen Unterricht lernte ich, dass man nicht denkt, wenn man spirituell ist. Wenn man denkt, ist man nicht spirituell.“

Ihre schlimmen Erfahrungen in dieser Madrasa beschreibt sie im ersten Kapitel. Die Folge ist, dass sie ein Muslim-Refusnik wurde, wie sie es selbst nennt. Dies ist eine Muslimin, die sich weigert den Islam so zu akzeptieren, wie sie ihn vorfindet.

Das zweite Thema im ersten Kapitel ist die Homosexualität der Autorin. Eine Frage, die ihr gestellt wird ist, wie sie die Homosexualität mit dem Islam verbindet. Eine diffizile Frage. Sie bekennt sich trotz ihres Aufwachsens in einem trostlosen Haushalt, unter einem gestrengen, freudlosen Vater dazu, weil sie nicht einsieht, wieso sie auf etwas verzichten sollte, was ihr als Erwachsene so viel Freude bereite.

„Wenn der allwissende, allmächtige Gott nicht gewünscht hätte, mich, eine Lesbe, zu schaffen, warum hatte Er dann nicht an meiner Stelle einen anderen Menschen erschaffen?“

„Nach 1998 wurden feindselige Herausforderungen, »mich zu erklären«, zu einem fast täglichen Vorkommnis!“ sagt sie. Denn in diesem Jahr übernahm die Journalistin die Leitung von Queer Television, einer beispiellosen Sendereihe und Internetseite über schwule und lesbische Kultur. In der Sendung ging es um Menschen und nicht um Pornographie, erklärt sie, und trotzdem vereinten sich bekennende Muslime mit christlichen  Fundamentalisten, um gegen meine Anwesenheit auf ihrem Bildschirm zu protestieren. Sie war so naiv zu hoffen, ins Gespräch zu kommen. Sie wollte den Widerspruch geklärt haben, warum einerseits Homosexualität im Koran verurteilt werde, aber andererseits verkündet wird, dass alles ausgezeichnet sei, was Allah entworfen habe. Doch niemand ließ sich auf solche Diskussionen ein. Im Gegenteil: nach einer Sendung, in der ein schwuler Muslim von seiner Liebe erzählte und danach ein Berater des islamischen Kulturzentrums in London von Demut und Bescheidenheit bei der Beurteilung Schwuler und Lesben sprach, gab es viele böse Reaktionen. Die häufigste Beschwerde von Muslimen war, dass diese homosexuellen „Schweine“ und „Hunde“, die in der Sendung gezeigt wurden, Juden sein müssten.

So gelangen wir zu der These Manjis, dass der Islam, obwohl an verschiedenen Stellen des Korans davon gesprochen wird, dass man jeden respektieren müsse, der an die Schrift der Juden glaube, sehr antisemitisch ist. Im Grunde genommen sind an allem Übel dieser Erde, vor allem in Bezug auf die Muslime, nur entweder die Amerikaner oder die Juden Schuld. Weswegen ein Großteil des Buches eine Lobpreisung dieser beiden Kulturen ist. Hier verteidigt Manji die Israelis, von denen sie immer wieder lobend erwähnt, dass diese in einer Demokratie lebten, in der alles gesagt werden dürfe, sehr im Gegensatz zu islamischen Gesellschaften. Auch die Meinungspluralität und Offenheit der amerikanischen Gesellschaft wird gepriesen. Dabei zielt sie oft über das Ziel hinaus meiner Meinung nach. Natürlich hat sie Recht, wenn es darum geht, dass in diesen Ländern die Meinungsfreiheit gewährleistet ist, aber es gäbe auch da Geschichten zu erzählen, wie dies die Autorin so gerne macht, die von christlichem Fundamentalismus oder von rückständigem orthodoxen Glauben in Israel erzählt.

Der Islam ist antisemitisch, schwulen-, frauen- und fortschrittsfeindlich.

„Zu den Aussprüchen des Propheten, die sie populär machten, gehörte: »Hüte dich vor neuen Dingen, denn jedes neue Ding ist eine Neuerung, und jede Neuerung ist ein Fehler«.“

Dies kommentiert Manji in ihrer gewohnt flapsigen und in direkter Anrede gehaltenen Art:

„Eine tolle Art, eine Zukunft aufzubauen, findet ihr nicht auch?“

Frieder Lauxmann schreibt in seinem Buch: Der philosophische Garten:

„Alle großen Erfindungen, alle berühmten Kunstwerke setzten voraus, daß da einer die gewohnte Spiel- und Denkwiese und –weise verlassen und sich auf Neuland vorgewagt hat. Neuland ist das Land, in dem man noch keine Freunde und Bekannten hat. Das muß man wissen. Wer nur mit den Mitteln argumentiert, die schon alle kennen, macht sich nicht unbeliebt und wird verstanden, aber er bleibt auf die Dauer ein Langweiler. Wer sich aber hinauswagt, hat zwei Chancen: Entweder er entdeckt etwas Neues, oder er verirrt sich. Leider ist dieses häufiger der Fall als jenes, immerhin, das Abenteuer lohnt sich. Es macht das Leben aus.“

Aber in unserem Kontext ist es weitaus gefährlicher. Ganze Nationen verbieten sich einen Fortschritt und diejenigen, die nicht mehr die so genannten „Langweiler“ sein möchten, werden verfolgt. Manji denkt Neues, wagt sich weit hinaus. Doch ist das, was sie schreibt, wirklich ein Fortschritt? Im Grunde genommen schreibt sie alles nieder, was den Islam ausmacht, und reiht sich damit in die Reiher derer, die aus westlicher Perspektive gegen den Islam wettern. Aber tut sie Möglichkeiten auf, was denn der Islam anderes sein könnte? Ihr Idschtihad, der nach ihrem Dasein als Refusnik, ihr neues Credo sein soll, eröffnet nicht viele Optionen. Sie gibt eine verwestlichte, ökonomische Ansicht als das Maß aller Dinge an: Frauen sollen endlich mehr Möglichkeiten haben, zu Geld und Ansehen zu kommen. Frauen sollen Geld erhalten, um Geschäfte aufzubauen. Wenn das alles funktioniert, dann werden sie nicht weiter unterdrückt. Dieser ökonomische Erfolg würde auch den Männern etwas bringen, mehr Wohlstand, mehr Respekt. Aber kann dies das einzig Wahre sein? Natürlich löst ökonomische Abhängigkeit einiges, in vielen Ländern werden Menschen in Abhängigkeit gehalten, in dem ihnen nie eine Möglichkeit gegeben wird, an Geld zu kommen. Das hat nicht zuletzt Andreas Eschbach in seinem Roman „Eine Billion Dollar“ beschrieben. Aber wenn es um Religion geht, versagen rationale Theorien, verpuffen auch emotionale Aufgeregtheiten. Wie soll denn ein aufgeklärter Islam aussehen? Wie sollen sich die Frauen verhalten, außer dass sie Geschäfte eröffnen? Darauf gibt Manji kaum eine Antwort.

Manji schreibt nicht wissenschaftlich, sie schreibt für alle, vor allem auch für Laien. Deswegen ist dieses Buch nicht staubtrocken, sondern sehr humorvoll und sehr persönlich gehalten. Die Autorin schreibt einen Brief an ihre Glaubensbrüder und –schwestern. Sie versucht diese zu überzeugen, in einer Sprache, die Ehrlichkeit und Authentizität beansprucht, und voller polemischer und flapsiger Kommentare ist, die ihre Emotionalität, ihren ganzen Groll offenbaren. Kritiker dieses Buches konstatieren der Autorin einige Fehler, die uns als Laien nicht auffallen, es sei denn wir forschen in dem von Manji so viel gepriesenen Internet nach. So sollen viele Namen falsch geschrieben sein und einige historische Angaben, z.B. Bagdad betreffend, nicht der Wahrheit entsprechen. Manji scheint sich in den islamischen Gesellschaften nicht allzu gut auszukennen, dies ist etwas das auch uns Laien auffallen kann.

Doch das ist kein Grund, dieses Buch nicht zu lesen. Es ist unterhaltend und bietet genug Stoff zum Weiterdenken und Diskutieren, und ist dementsprechend jedem zu empfehlen, der sich in das Thema Islam und insbesondere in Bezug auf Unterdrückung von Minderheiten hineinlesen möchte. Der Preis des Buches ist sehr erschwinglich, die neu erschienene Taschenbuchausgabe kostet neun Euro fünfzig und ist beim Deutschen Taschenbuch Verlag, dtv, erschienen.

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Das Eliteinternat von Benjamin B. Morgner

 

Der sechzehnjährige Tim darf aufgrund sehr guter Schulleistungen einen Platz in einem renommierten Internat einnehmen. Der Abschied von seinem Freund Stephan fällt ihm selbstverständlich schwer, aber schon am ersten Abend merkt er, dass er zumindest sexuell keine Not leiden wird, dafür sorgen etliche Orgien unter der Dusche beziehungsweise in sämtlichen Räumen des Internats. Tim lernt die Welt der Reichen kennen, vor allem in Person des Gleichaltrigen Sven, der ihn umgarnt.

Tja, schwierig. Es stellt sich mir die Frage, wie ich einen Roman kritisieren soll, der ein typischer Vertreter der so genannten „Einhandliteratur“ ist. Über die Sprache kann ich wohl nichts sagen, die ist eines der Hauptfiguren des Romans würdig, die Sprache eines Pennälers. Der Aufbau, na ja: es gibt einen Anfang, keine wirkliche Klimax, aber doch so etwas Ähnliches, und ein Ende ist auf jeden Fall zu finden, aber im Grunde genommen ist die Geschichte nur dazu da, um die einzelnen Sex-Episoden miteinander zu verbinden. Dies kann also kein Kriterium sein. Vielleicht eher die einzelnen Abschnitte, in denen es um Sex geht: wie lange sind sie? Kann man ausreichend aufgegeilt werden, bevor wieder der störende Text zwischen diesen Sexgeschichten auftritt? Sind diese erotisch? Und für wen? Sind sie abwechslungsreich oder hat man das Gefühl, immer wieder den selben Mist zu lesen, das ganze Buch über? Sind sie deftig? Eher für Anhänger von Blümchensex? Gibt es Analphantasien? Oder eher Wichsereien und Oralbefriedigungen?

Ich glaube, Zitate aus einem pornographischen Buch sind nicht erlaubt, doch wie kann ich dem geneigten Hörer eine Dienstleistung erbringen? Vielleicht indem ich erst einmal erwähne, für welche Menschen, dieses Buch nützlich sein könnte. Zunächst eventuell für Jugendliche, die von Sex zwischen Gleichaltrigen träumen und den nicht unbedingt bekommen; für Jugendliche, die in der Tat in einem Internat sind, leider aber keinen Mitarbeiter aus der Küche haben, der ihnen „ein Eis auf das Zimmer bringt“, dass einen Fünfziger kostet. Auf jeden Fall für Ältere, die auf Sechzehnjährige stehen. Für die ist ein besonderes Schmankerl dabei, das ihnen wohl Hoffnung bereiten soll. Erwin, der sechzigjährige Hausmeister, darf bei dem nimmersatten Hasan, einem attraktiven sechzehnjährigen Türken, ran. Diejenigen, die nicht genug von Erotik zwischen Sechzehnjährigen bekommen können, müssen aber kurz bedenken, dass diese Pennälersprache auch in den erotischen Abschnitten vorkommt. Aber es stört wohl viele der Schwulen nicht, so wie ich dies bei Gayromeo immer wieder beobachten kann, wenn Autoren solche Wörter wie „Boyfinger“ oder „Action“ benutzen. Nun, mich schon.

Ich muss sagen, dass ich zwischendurch einige Textabschnitte überlesen musste, weil ich mehr als einen Sex-Abschnitt brauchte, um mich ausreichend zu stimulieren. Doch das kann ja bei dem geneigten Zuhörer auch anders sein. Zu erwähnen ist, dass auch etwas für die Leute dabei ist, die sich am ersten Analsex zwischen zwei Jungen erfreuen können. Ansonsten sind in dem Roman eher Episoden zu finden, die viel mit Wichsen und Blasen zu tun haben.

Der Roman „Das Eliteinternat“ von Benjamin B. Morgner ist 2005 in einer im Himmelsstürmer Verlag erschienen, umfasst 164 Seiten und ist in einer Taschenbuchausgabe für vierzehn Euro neunzig im Fachhandel erhältlich.

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Jugendbücher zum Thema Homosexualität

 

Als Service für all die jüngeren Zuhörer, Eltern von homosexuellen Jugendlichen, und für alle, die sich noch einmal an ihr eigenes Coming Out  erinnern mögen. An ihre Gedanken und Gefühle, an ihre Verwirrungen und mehr oder wenigen lustigen Erlebnisse rezensiere ich hier in aller Kürze ein paar der mir am spannendsten vorkommenden Jugendbücher zu der Thematik:

Beginnen möchte ich mit Christine Nöstlingers „Bonsai“: ein eher untypisches Buch für sie, weil die Hauptperson schon fünfzehn Jahre alt ist. Bonsai heißt nicht wirklich so, sondern wird von seinen Klassenkameraden zu seinem Ärger so genannt, weil er so klein ist, kleiner als das kleinste Mädchen in der Klasse. Dafür ist er aber ein gewaltiger Intellektueller. Er hat Durchblick was seine Umgebung betrifft: Die Alleinerzieherin (sein Name für seine Mutter) durchschaut er ebenso wie den Religionsspringer, die Mitschülerdödeln, Pribil & Pribil (die herzigen Dummbaucherln, von anderen für Schickimickis gehalten) und seine dicke Tante.

Weniger sicher ist er sich bei seiner Kusine Eva-Maria – und bei sich selbst. Eva-Maria bringt ihn nämlich auf den Gedanken, er könnte homo oder bi sein, und fortan bereitet ihm sein (potentielles) Sexualleben einige Selbstfindungsqualen. Da helfen auch Eva-Marias Verführungsversuche nichts, sie verschrecken eher. Dass Eva-Maria noch ganz andere Motive hat, wird erst im letzten Kapitel klar.

Mir hat dieses Buch deswegen so gefallen, weil Bonsai einen so netten wienerischen Dialekt hat, den man quasi hört, wenn man es liest. Das Thema Homosexualität wird herzerfrischend und total charmant behandelt. Am Ende weiß man nicht, welche sexuelle Orientierung er hat, aber genau das ist das Gute.

Das Buch „Bonsai“ von Christine Nöstlinger, im Beltz und Gelberg Verlag erschienen,  ist als Taschenbuch für etwa acht Euro im Fachhandel erhältlich.

Ebenfalls fünfzehn Jahre alt ist der Held des Romans „Rollenspiele“ von Hans Olsson. Eigentlich sind seine Probleme ganz typisch für sein Alter. Neben der beginnenden Abnabelung von den Eltern ist in Schweden nach der 9. Klasse auch ein Schulwechsel angesagt. Die langjährige Clique droht aber nicht nur deswegen auseinanderzufallen. Die seit einiger Zeit eingesetzte Pärchenbildung ist wie ein schleichender Virus, der die einstige Offenheit unter den Freunden untergräbt. Johan wird dabei von seinen Freunden sogar beneidet, denn reihenweise verlieben sich die Mädchen in ihn. Johan hingegen wird immer unglücklicher, denn er ist schwul. Hans Olsson greift in ROLLENSPIELE auf eigene Erfahrungen zurück und erzählt die tragikomische Geschichte vor dem ‚Coming out‘ in der Ich-Perspektive. Johan versucht sich mit Mädchen, ähnlich wie die heterosexuellen Freunde sich zuweilen auch untereinander befriedigen, aber seine Neigung für das gleiche Geschlecht beeinträchtigt dies nicht. Wie aber macht man nun den männlichen Freunden klar, dass man weiterhin ihre Freundschaft sucht, ohne in sie verliebt zu sein, und den Mädchen, dass man eben ’nur‘ ihre Freundschaft will?

Besonders gefallen hat mir an diesem Buch, dass es so witzig ist. Johan stürzt von einem Missgeschick ins andere. Außerdem ist es ähnlich unverkrampft wie Bonsai. Der junge Held ist einfach liebenswert.

Hans Olssons „Rollenspiele“ ist bei Oetinger und in der Omnibusreihe von Bertelsmann erschienen.

Das literarisch hochwertigste Buch in dieser Kategorie hat Ted van Lieshout geschrieben. Er gibt bewegend Einblick in den Abschied eines Sechzehnjährigen von seinem verstorbenen Bruder. 

Lieber Maus … Lukas schreibt ins Tagebuch seines verstorbenen Bruders Marius. Die Mutter der beiden Jungen will Marius Zimmer räumen und dabei von ihrem Jüngsten Abschied nehmen. Lukas ist entschlossen, Marius Tagebuch vor dem Feuer zu retten, indem er es durch seine Eintragungen in Besitz nimmt. Marius und Lukas Texte, die Erinnerungen an die gemeinsamen Erlebnisse überlagern sich, nähern sich einander an. Beide Jungen waren auf ihre Art Außenseiter,  was ihre Beziehung zueinander nicht leichter machte.
Mit jeder Seite, die Lukas im Tagebuch umblättert, blättert er weitere Facetten des Themas Tod auf. Es gibt Witwen und Waisen – doch wie nennt man jemanden, der seinen Bruder verloren hat?

Tagebucheintragungen weisen auf die ersten Anzeichen einer schweren Erkrankung bei Marius hin. Mit jeder Seite, die die Leser umblättern, öffnen sich auch ihnen neue Aspekte im Verhältnis der beiden Brüder. Lukas sucht und findet im Tagebuch ein Geheimnis, das die Brüder miteinander teilten. Für Lukas geht es um weit mehr als um Tod und Abschied nehmen, er muss Frieden mit Marius Ärzten finden und sich der Angst vor dem eigenen Tod stellen. Endlich kann er sich mit seinen Eltern aussprechen.

Dies ist ein Buch zum Weinen, zum melancholisch sein, zum ganz viel Dazulernen. Es sollte eine Pflichtlektüre in der Schule sein, denn wenn Pädagogen die Ansicht haben sollten, dass Literatur auch der emotionalen Bildung dient, was ich glaube, dann ist dies das Buch, das in erster Linie gelesen werden müsste.

Das 1999 mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis prämierte Buch „Bruder“ von Ted van Lieshout ist ebenfalls bei Beltz und Gelberg erschienen.

Zum Schluss darf ich natürlich auch Andreas Steinhöfels „Die Mitte der Welt“ und „Tuchfühlung“ von Doris Meißner-Johannknecht nennen, ebenfalls Klassiker in dieser Kategorie. Ersteres genauso wie „Bruder“ von Ted van Lieshout auch ein Erwachsenenbuch und von mir unbedingt zu empfehlen.

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