Der Aufbruch. Plädoyer für einen aufgeklärten Islam von Irshad Manji

 

Im katholischen Religionsunterricht der dritten Klasse erzählte uns die Lehrerin folgende Parabel:

In einem fernen Land lebte ein reicher Mann. Seine Frau war verstorben, seine Kinder schon längst aus dem Haus. Er lebte nunmehr mit seinem Diener unter einem Dach. Eines Tages rief er diesen und sagte: „Mein lieber Diener, ich möchte, dass du mir morgen das beste Essen der Welt kochst. Ich gebe dir genug Geld mit, damit du auf dem Markt reichlich dafür einkaufen kannst. Und freue mich auf das Ergebnis am morgigen Esstisch.“ Der Diener ging also los und sah sich einem ungeheuren Angebot auf dem Markt entgegen. Was soll ich nur kochen, fragte er sich. Plötzlich kam ihm eine Idee… Am nächsten Tag servierte er seinem Herren eine Zunge mit verschiedenem wohlschmeckenden Gemüse und feinen Gewürzen. Der reiche Mann aß das Mahl mit Genuss und lobte den Diener über alle Maßen. Nach dem Essen sagte er: „Mein lieber Diener, morgen sollst du für mich das schlechteste Mahl der Welt zubereiten. Ich gebe dir wieder Geld und du gehst erneut auf den Markt…“ Wieder ging der gute Mann auf den Markt und hatte eine Idee… Am nächsten Tag kochte er wieder Zunge mit Gemüse und Gewürzen. Der Herr aß dieses Mahl erstaunt und rief danach seinen Diener zu sich: „Mein Lieber, das verstehe ich nicht. Gestern solltest du das beste Mahl der Welt zaubern und du kochtest Zunge. Heute solltest du das schlechteste Mahl der Welt zubereiten und serviertest mir wieder Zunge. Wieso?“ – „Ja, mein Herr, das beste Essen der Welt ist die Zunge, weil man mit ihr Gutes reden kann, man kann lobpreisen, beten, die Wahrheit sprechen. Aber sie ist auch das schlechteste Essen, weil man mit ihr lügen, betrügen und fluchen kann.“

Diese Parabel umfasst mindestens zwei der Hauptproblematiken des Buches der 1969 in Uganda geborenen und später nach Kanada geflohenen Irshad Manji. Die erste ist die Frage nach den so genannten guten und schlechten Zungen. Die fundamentalistischen Muslime sind natürlich der Ansicht, dass sie mit dieser guten Zunge reden und sprechen jedem, der es wagt, etwas Kritisches über den Koran oder den Islam an sich zu sagen, eine Fatwa aus. Berühmtestes Beispiel ist der Schriftsteller Salman Rushdie, nachdem er die „Satanischen Verse“ geschrieben hatte. Ausgerechnet er bestärkte Manji dieses Buch zu schreiben. Und nun ist sie diejenige, die Morddrohungen erhält und sich Bodyguards zulegen musste. Natürlich beansprucht sie selbst mit guter Zunge zu reden, aber ob das tatsächlich so ist, wird sich später zeigen. Der zweite Punkt: während ich eine freie religiöse Erziehung genoss und zum selbständigen Denken erzogen wurde, kann dies die Autorin nicht von sich behaupten. Sie musste in die Madrasa gehen, eine konservative Koranschule, in der die kleinen Jungen und Mädchen in getrennten Klassen, den Koran in arabischer Sprache auswendig lernen müssen, selbst wenn sie in Ländern leben, in denen ganz andere Sprachen gesprochen werden. Sie schreibt:

„Schlimmer war noch die Trennung von Verstand und Seele. Im samstäglichen Unterricht lernte ich, dass man nicht denkt, wenn man spirituell ist. Wenn man denkt, ist man nicht spirituell.“

Ihre schlimmen Erfahrungen in dieser Madrasa beschreibt sie im ersten Kapitel. Die Folge ist, dass sie ein Muslim-Refusnik wurde, wie sie es selbst nennt. Dies ist eine Muslimin, die sich weigert den Islam so zu akzeptieren, wie sie ihn vorfindet.

Das zweite Thema im ersten Kapitel ist die Homosexualität der Autorin. Eine Frage, die ihr gestellt wird ist, wie sie die Homosexualität mit dem Islam verbindet. Eine diffizile Frage. Sie bekennt sich trotz ihres Aufwachsens in einem trostlosen Haushalt, unter einem gestrengen, freudlosen Vater dazu, weil sie nicht einsieht, wieso sie auf etwas verzichten sollte, was ihr als Erwachsene so viel Freude bereite.

„Wenn der allwissende, allmächtige Gott nicht gewünscht hätte, mich, eine Lesbe, zu schaffen, warum hatte Er dann nicht an meiner Stelle einen anderen Menschen erschaffen?“

„Nach 1998 wurden feindselige Herausforderungen, »mich zu erklären«, zu einem fast täglichen Vorkommnis!“ sagt sie. Denn in diesem Jahr übernahm die Journalistin die Leitung von Queer Television, einer beispiellosen Sendereihe und Internetseite über schwule und lesbische Kultur. In der Sendung ging es um Menschen und nicht um Pornographie, erklärt sie, und trotzdem vereinten sich bekennende Muslime mit christlichen  Fundamentalisten, um gegen meine Anwesenheit auf ihrem Bildschirm zu protestieren. Sie war so naiv zu hoffen, ins Gespräch zu kommen. Sie wollte den Widerspruch geklärt haben, warum einerseits Homosexualität im Koran verurteilt werde, aber andererseits verkündet wird, dass alles ausgezeichnet sei, was Allah entworfen habe. Doch niemand ließ sich auf solche Diskussionen ein. Im Gegenteil: nach einer Sendung, in der ein schwuler Muslim von seiner Liebe erzählte und danach ein Berater des islamischen Kulturzentrums in London von Demut und Bescheidenheit bei der Beurteilung Schwuler und Lesben sprach, gab es viele böse Reaktionen. Die häufigste Beschwerde von Muslimen war, dass diese homosexuellen „Schweine“ und „Hunde“, die in der Sendung gezeigt wurden, Juden sein müssten.

So gelangen wir zu der These Manjis, dass der Islam, obwohl an verschiedenen Stellen des Korans davon gesprochen wird, dass man jeden respektieren müsse, der an die Schrift der Juden glaube, sehr antisemitisch ist. Im Grunde genommen sind an allem Übel dieser Erde, vor allem in Bezug auf die Muslime, nur entweder die Amerikaner oder die Juden Schuld. Weswegen ein Großteil des Buches eine Lobpreisung dieser beiden Kulturen ist. Hier verteidigt Manji die Israelis, von denen sie immer wieder lobend erwähnt, dass diese in einer Demokratie lebten, in der alles gesagt werden dürfe, sehr im Gegensatz zu islamischen Gesellschaften. Auch die Meinungspluralität und Offenheit der amerikanischen Gesellschaft wird gepriesen. Dabei zielt sie oft über das Ziel hinaus meiner Meinung nach. Natürlich hat sie Recht, wenn es darum geht, dass in diesen Ländern die Meinungsfreiheit gewährleistet ist, aber es gäbe auch da Geschichten zu erzählen, wie dies die Autorin so gerne macht, die von christlichem Fundamentalismus oder von rückständigem orthodoxen Glauben in Israel erzählt.

Der Islam ist antisemitisch, schwulen-, frauen- und fortschrittsfeindlich.

„Zu den Aussprüchen des Propheten, die sie populär machten, gehörte: »Hüte dich vor neuen Dingen, denn jedes neue Ding ist eine Neuerung, und jede Neuerung ist ein Fehler«.“

Dies kommentiert Manji in ihrer gewohnt flapsigen und in direkter Anrede gehaltenen Art:

„Eine tolle Art, eine Zukunft aufzubauen, findet ihr nicht auch?“

Frieder Lauxmann schreibt in seinem Buch: Der philosophische Garten:

„Alle großen Erfindungen, alle berühmten Kunstwerke setzten voraus, daß da einer die gewohnte Spiel- und Denkwiese und –weise verlassen und sich auf Neuland vorgewagt hat. Neuland ist das Land, in dem man noch keine Freunde und Bekannten hat. Das muß man wissen. Wer nur mit den Mitteln argumentiert, die schon alle kennen, macht sich nicht unbeliebt und wird verstanden, aber er bleibt auf die Dauer ein Langweiler. Wer sich aber hinauswagt, hat zwei Chancen: Entweder er entdeckt etwas Neues, oder er verirrt sich. Leider ist dieses häufiger der Fall als jenes, immerhin, das Abenteuer lohnt sich. Es macht das Leben aus.“

Aber in unserem Kontext ist es weitaus gefährlicher. Ganze Nationen verbieten sich einen Fortschritt und diejenigen, die nicht mehr die so genannten „Langweiler“ sein möchten, werden verfolgt. Manji denkt Neues, wagt sich weit hinaus. Doch ist das, was sie schreibt, wirklich ein Fortschritt? Im Grunde genommen schreibt sie alles nieder, was den Islam ausmacht, und reiht sich damit in die Reiher derer, die aus westlicher Perspektive gegen den Islam wettern. Aber tut sie Möglichkeiten auf, was denn der Islam anderes sein könnte? Ihr Idschtihad, der nach ihrem Dasein als Refusnik, ihr neues Credo sein soll, eröffnet nicht viele Optionen. Sie gibt eine verwestlichte, ökonomische Ansicht als das Maß aller Dinge an: Frauen sollen endlich mehr Möglichkeiten haben, zu Geld und Ansehen zu kommen. Frauen sollen Geld erhalten, um Geschäfte aufzubauen. Wenn das alles funktioniert, dann werden sie nicht weiter unterdrückt. Dieser ökonomische Erfolg würde auch den Männern etwas bringen, mehr Wohlstand, mehr Respekt. Aber kann dies das einzig Wahre sein? Natürlich löst ökonomische Abhängigkeit einiges, in vielen Ländern werden Menschen in Abhängigkeit gehalten, in dem ihnen nie eine Möglichkeit gegeben wird, an Geld zu kommen. Das hat nicht zuletzt Andreas Eschbach in seinem Roman „Eine Billion Dollar“ beschrieben. Aber wenn es um Religion geht, versagen rationale Theorien, verpuffen auch emotionale Aufgeregtheiten. Wie soll denn ein aufgeklärter Islam aussehen? Wie sollen sich die Frauen verhalten, außer dass sie Geschäfte eröffnen? Darauf gibt Manji kaum eine Antwort.

Manji schreibt nicht wissenschaftlich, sie schreibt für alle, vor allem auch für Laien. Deswegen ist dieses Buch nicht staubtrocken, sondern sehr humorvoll und sehr persönlich gehalten. Die Autorin schreibt einen Brief an ihre Glaubensbrüder und –schwestern. Sie versucht diese zu überzeugen, in einer Sprache, die Ehrlichkeit und Authentizität beansprucht, und voller polemischer und flapsiger Kommentare ist, die ihre Emotionalität, ihren ganzen Groll offenbaren. Kritiker dieses Buches konstatieren der Autorin einige Fehler, die uns als Laien nicht auffallen, es sei denn wir forschen in dem von Manji so viel gepriesenen Internet nach. So sollen viele Namen falsch geschrieben sein und einige historische Angaben, z.B. Bagdad betreffend, nicht der Wahrheit entsprechen. Manji scheint sich in den islamischen Gesellschaften nicht allzu gut auszukennen, dies ist etwas das auch uns Laien auffallen kann.

Doch das ist kein Grund, dieses Buch nicht zu lesen. Es ist unterhaltend und bietet genug Stoff zum Weiterdenken und Diskutieren, und ist dementsprechend jedem zu empfehlen, der sich in das Thema Islam und insbesondere in Bezug auf Unterdrückung von Minderheiten hineinlesen möchte. Der Preis des Buches ist sehr erschwinglich, die neu erschienene Taschenbuchausgabe kostet neun Euro fünfzig und ist beim Deutschen Taschenbuch Verlag, dtv, erschienen.