Die Verschwulung der Welt von Joachim Helfer und Rashid al-Daif

 

Der Berliner Joachim Helfer und der Beiruter Rashid al-Daif sind Teilnehmer des Interkulturellen Literaturaustauschprogramms „West-Östlicher Diwan“, das vom Goethe-Institut, den Berliner Festspielen und weiteren deutschen Institutionen initiiert ist. Das Ziel ist, den Austausch der verschiedenen Kulturen zu forcieren, indem man sich gegenseitig in den beiden Ländern besucht und das literarische Umfeld des Anderen kennenlernt. Das Produkt soll ein Essay über die Verschiedenheiten und Gemeinsamkeiten der beiden Gesellschaften sein. Rashid al-Daif, der Austauschpartner aus dem Libanon, tat etwas anderes. Er verfasste ein kleines Büchlein, das sehr persönlich und intim war: er schrieb über das Privatleben seines deutschen Kollegen, und insbesondere über dessen Homosexualität. Dieses Traktat wurde zu einem kleinen Bestseller im Libanon. Joachim Helfer sah sich gezwungen, eine Gegenrede zu verfassen, die vor kurzer Zeit trotz Bedenken des deutschen Verlages, in Deutschland herausgegeben wurde.

Worum geht es in diesem Werk? „Das Bett ist ein Kriegsschauplatz zwischen arabischer Tradition und westlicher Moderne“ so spitzt der Libanese seine These zu. Schon hier muss man erwähnen, dass al-Daif in seinen Romanen sehr gerne über Sexualität schreibt, allerdings stets heteronormative Vorstellungen vertritt. Er hat also bewiesenermaßen ein großes Interesse an Sexualität und deren Auswirkungen. So fasziniert ihn die Sexualität des deutschen Gegenübers und scheint alles andere in den Schatten zu stellen. Im gesamten Text spielt nur eben die Sexualität von Joachim Helfer eine Rolle. Am Ende ist er gar der Meinung, dass er selbst den jüngeren Literaten aus Europa bekehrt und zum rechten Pfad der Tugend gebracht hat, da Helfer sich seinen lang gehegten Wunsch eines Kindes erfüllt, und zwar mit Hilfe einer Frau, die er in Beirut kennenlernt. Die Sichtweise des Beiruters lässt allerdings nicht zu, dass dies für Helfer nichts am Status seiner langjährigen Beziehung mit seinem Partner ändert.

Doch warum ist das so wichtig für ihn? Es stellt sich bald heraus, dass al-Daif wie die meisten Menschen in arabischen Ländern eine andere Definition von Homosexuellen haben:

„Als Homosexueller wahrgenommen und bezeichnet wird weder ein Mann, der einen Homosexuellen oder einen Jüngling begehrt, noch dieser Jüngling selber, sondern einzig der erwachsene Mann in seiner, für Rashid durch Bart- und Körperhaar symbolisierten, Potenz als Mann begehrt, sich also von ihm penetrieren lässt, oder zumindest ließe, wenn sein aufdringliches Buhlen zum Erfolg führen würde.“

Das heißt, dass das potenziell Weibische und weiblich Passive das Verteufelte in den Augen des Libanesen ist. Damit einhergeht klar ersichtlich die abwertende Haltung gegenüber Frauen. Und dies ist einer der Streitpunkte der beiden Autoren: Joachim Helfer wirft dem Kollegen aus Beirut vor, einen sehr geringschätzigen Blick auf das andere Geschlecht zu haben. Al-Daif, der in seinem Land als progressiver Intellektueller gilt, zeigt hier in diesem Buch seine eher rückwärts gewandte Sichtweise der Dinge. Manche wohlwollende Kritiker schreiben, dass der Libanese doch manches eher ironisch meinte, doch nirgends in dem Text ist Ironie erkenntlich. Joachim Helfer seinerseits hat es ebenso wenig mit der Ironie. Seine Gegenrede ist doch allzu oft belehrend und mit erhobenem Zeigefinger. Viel zu oft benutzt er den erhobenen Zeigefinger und viel zu selten lässt er eine distanzierte, gelassene und humorvolle Haltung zu.

Die Frage ist sowieso, ob dieses Werk ein tatsächlicher Dialog ist. Al-Daif hatte sein Werk im Monolog veröffentlicht. Und Joachim Helfer hielt einen Monolog dagegen. Ein Dialog ist das nicht. Viel spannender und erhellender wäre wohl eher, den Text von al-Daif zu nehmen, einzelne Passagen zu kommentieren und dann wieder zurück zu ihm nach Beirut zu schicken. So hätte ein wahrer Dialog zustande kommen können, der vielleicht etwas produktiver gewesen wäre. Und nicht im Sande verläuft wie das jetzt wohl der Fall sein wird.

So richtig was Neues, was wir uns noch nicht gedacht hätten, kann man aus diesem Werk nicht herauslesen. Amüsant ist es trotzdem, wenn die beiden Schriftsteller ihre verschiedenen Versionen von Wahrheit kundtun. Joachim Helfer, der eher trocken analysieren möchte, und der poetische Rashid al-Daif, dessen Geschichten-Strom von dem Deutschen durch seine Einlassungen unterbrochen wird – manchmal ein wenig schade. Lustig sind auch die Unterstellungen von al-Daif, der zum Beispiel Angst hat, von Helfer angemacht zu werden, da er ja so männlich und behaart ist, und darauf stehen bekanntlich die Schwulen!

Alles in allem ist das Buch für all diejenigen lesenswert, die es mit Distanz, guter Laune und einem Quäntchen Philanthropie lesen. Menschen allerdings, die ohnehin schon Vorurteile und Klischees bezüglich muslimischen Menschen haben beziehungsweise in der Frauenbewegung arbeiten, sollten dies lieber unterlassen, denn man kann sich schon sehr über die Kommentare des Libanesen aufregen, was Joachim Helfer gelegentlich auch tut!

 

Das Buch „Die Verschwulung der Welt – Rede gegen Rede; Beirut – Berlin“ von Joachim Helfer und Rashid al-Daif ist in der Edition Suhrkamp erschienen und für zehn Euro im Buchhandel erhältlich.

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Untaugliche Indianer von Gregorio Ortega Coto

 

Der Autor mit dem wohlklingenden Namen Gregorio Ortega Coto wurde 1946 als Sohn spanischer Auswanderer in Marokko geboren, wuchs dort auf und kam mit zwölf Jahren nach Spanien. Durch Zufälle gelangte er über die Kanarischen Inseln und England nach Berlin, wo er seit 1973 lebt und als Sozialarbeiter tätig ist. Er verfasst seine Geschichten sowohl auf Deutsch als auch auf Spanisch.

In diesem Erzählband versammelt der Autor einige feinsinnige und meist recht kurze Geschichten, die ein überraschendes Ende haben. Die Figuren sind sensibel gezeichnet, sie sind ungewöhnlich, meist mutig, manchmal verdrängen sie aber auch die Wahrheit. Sie sind verliebte Matrosen, verhasste Transsexuelle, stolze Kinder, die sich gegen die ganze Familie durchsetzen, lächerliche Außenseiter, humorvolle Intellektuelle, harmlose Männer, die unschuldig leiden müssen, eine Transe, die zwanghaft auf Hosenschlitze von Männern schaut.

„Der Sandkornzähler“ ist eine Erzählung, die die alte Frage erneut aufwirft: Wie tolerant sind homosexuelle Männer untereinander? Die Tunte Lirio sagt über ihn, und meint dabei Agustins Ex-Lover:

„Er hasste mich einfach. ´Sie ist eine blasierte Tunte. Man kann sehr gay sein, aber muss man es so ausposaunen und auf dem Teller präsentieren? Man kann homosexuell sein und dabei muy macho. Ich kann das tuntige Gehabe dieser degenerierten Schwuchtel nicht ausstehen. Sie ist mir zuwider´, keifte diese Sau in Agustins Ohren und meinte natürlich mich.“

Ich fühle mich an eine kürzliche Unterhaltung mit einem Freund von mir erinnert, den ich verklemmt nennen möchte, der viele Vorbehalte gegenüber Schwule hat, obwohl er dies selbst ist. Ich erinnere mich aber auch an Diskussionen in der Redaktion über das Thema Adoption unter schwulen Männern und wie einer unserer Crew selbst Vorurteile äußerte und damit zeigte, wie intolerant wir schwulen Männer selbst sind. Es ist also noch heute ein Thema. Manchmal wundern wir uns darüber, dass es noch Menschen gibt, die ein Problem mit Homosexuellen haben, vergessen aber darauf, dass wir selbst noch ein Problem damit haben. Wie viele „harte Männer“ kennen wir, die „durch die Gegend poppen“, Toleranz von jedem um sich herum erwarten, aber dann auf Partys und Discobesuchen sich von „den Tunten“ distanzieren. So lange manche der Schwulen ihren Horizont nicht erweitern, und lernen, toleranter zu werden, dürfen wir uns auch nicht über Heterosexuelle mokieren, die noch im letzten Jahrhundert leben, denn im Grunde leben viele von uns auch genau dort. Auf diese Wunde legt Coto seinen Finger und drückt zu, subtil und fein.

In der Erzählung „Matinee“ schreibt er über einen jungen Cineasten, der plötzlich ganz andere Gründe hat, ins Kino zu gehen, nachdem er den Film „Der Tod in Venedig“ angeschaut hat. Zunächst besucht er regelmäßig das Cinema, um dort Kraft zu tanken.

„Kino erhöhte ungemein seinen Adrenalinspiegel und förderte überdies sein sonst lückenhaftes Gefühlsleben.“

Ich erinnere mich an meinen kläglichen Versuch, vor ein paar Wochen, den Film „Der Tod in Venedig“ auf Video anzuschauen, einem Meisterwerk von Visconti. Klar, auch ich fiel auf den Reiz dieses wunderschönen Tadzio herein, der der damaligen Definition von wunderschön entsprach, ein glattes, makelloses Äußeres, weiche, glatte, blasse Haut, lange blonde Haare, schmächtiger Körper, zarte Gesichtszüge, sehr knabenhaft, fast wie ein Engel. Aber dieser geschminkte, lethargische Aschenbach, machte mich genauso wahnsinnig, wie die psychedelische Musik, die enervierenden Landschaftsbilder, diese gnadenlose Trägheit und Apathie. Spannender ergeht es unserem Helden Santiago Ugarte, der einen wahren Höhepunkt erlebt im Kino, der dem verwirrten Pfarrer eine ungeahnte Flut in der Spendenkasse bereitet.

Manche der Geschichten sind nicht ganz jugendfrei, andere brutal und nichts für Zartbesaitete, aber allesamt haben sie einen Charme und eine Raffinesse, die Spaß macht. Es gelingt zwar nicht immer, den Leser zu überraschen, aber langweilig wird bei der Lektüre dieses Erzählbandes vermutlich niemanden.

Der Erzählband „Untaugliche Indianer“ von Gregorio Ortega Coto ist 2005 im MännerschwarmSkript Verlag erschienen, umfasst 119 Seiten und ist gebunden für sechzehn Euro im Fachhandel erhältlich.

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1 Trip 2 Kill von Alex Seinfriend

 

In diesem Roman aus der Reihe Sex and Crime geht es um Marek, einem jungen Mann, der nach dem Abitur Reißaus von zu Hause nimmt, um zu seinem etwas älteren Freund zu ziehen. Dort angekommen erlebt er eine böse Überraschung: sein Geliebter hat sich einen Stricher mit nach Hause genommen. Marek flippt aus, prügelt den Kleinen, und ab da beginnt ein böser Alptraum für ihn, der „Schlimmer geht’s immer“ zu betiteln ist. Dabei kreuzt sein Weg den des Türken Sayan, der sein Gefährte auf diesem fürchterlichen Road Trip wird.

Alex Seinfriend hat einen autobiografischen Roman abgeliefert, der davon erzählt, wie es dazu kam, dass er im Gefängnis landete. Aber er wirft meiner Meinung nach auch Fragen auf: zunächst wie das Leben von schwulen Migranten in Deutschland aussieht, dann wie man mit Klischees in der Literatur umgeht. Das erstere ist gerade das Titelthema unserer Lieblingszeitschrift „gab“ und auch wir berichteten bereits mehrmals über dieses Thema, interviewten Bali Saygili vom LSVD, der auch in dem Artikel der „gab“ zitiert wird, führten ein Gespräch mit dem Mr. Gay 2004, ebenfalls ein schwuler Migrant. Der erzählte uns, dass erst durch seine Wahl bekannt wurde, dass er schwul ist, und dass es in der Türkei Riesenberichte über ihn gab, die ihn positiv darstellten und voller Stolz von seinem Sieg erzählten. Was zum Zweiten führt: es gibt Gegenbeispiele. Unser Mr. Gay Suat Bahceci hat nun ein besseres Verhältnis zu seiner Mutter und kann seinen Sieg nun in Geld und berufliche Weiternetwicklung ummünzen. Sayan hingegen, der anfangs als Heterosexueller skizziert wird, der seine Freundin zum Leidwesen seiner Familie nicht heiraten möchte, muss immer wieder mit Vorurteilen kämpfen, ganz nach dem Motto: mein Sohn soll lieber tot als schwul sein. Sicher, das gibt es bestimmt in Deutschland. Schwule Türken, die es schwer haben, sich in ihrer Community zu outen, einfach weil sie sich dann mit enormen Schwierigkeiten, mit sozialer Ächtung und dergleichen herumzuschlagen haben. Daher liegt es nahe, solche Dialoge in diesen Roman einzubauen. Doch darin liegt auch eine Gefahr.

„Sayan antwortete nicht. Er wollte seinem Vater nicht sagen, dass er sich nicht türkisch fühlte. Er war in Deutschland geboren und aufgewachsen. Damit war er Deutscher, ganz einfach. Aber sein Vater, dessen Herz noch immer für die Türkei schlug, würde das niemals verstehen. Seit über dreißig Jahren lebte er nun in einem fremden Land und kannte kaum ein paar Worte der Landessprache.“

Schauen wir uns diese Worte des Autors an: dieser Absatz trieft vor Gemeinplätzen. Dies passiert allzu leicht, wenn man Klischees benutzt. So muss dies sein. Der Sohn ist Deutscher, weil er hier geboren wurde. Und der Vater kann auch nach so langer Zeit kein Deutsch, ist intolerant und dogmatisch. So haben wir das gerne. Das ist leicht. Lasst uns über diese intoleranten Muslime schimpfen. Dass sich Immigrantenjugend-liche meist weder als „nur Deutsch“ noch als „nur Türkisch“ fühlen, überlassen wir den Soziologen, die den schönen Begriff des „Dritten Stuhls“ geprägt haben. Bleiben wird doch lieber bei unseren Klischees. So hält dies der Autor den ganzen Roman über durch, er konstruiert zwei Gegenpole und lässt die Personen das sagen, was einfach da hineinpasst. Die Familie ist das Wichtigste. Sie ist oberstes Gesetz. Familienehre. Ja, es stimmt: es gibt eine andere Definition von Ehre im Türkischen, im Grunde genommen gibt es sogar drei verschiedene Begriffe für die Ehre, so ausdifferenziert ist diese und so eine große Bedeutung wird ihr beigemessen.

So beschmutzt Sayan natürlich die Familienehre, was ausführlich erzählt wird. Alles führt darauf zu, dass Sayan letztendlich tatsächlich etwas mit Marek anfängt. Und das dürfen wir in unerträglich dumben Dialogen miterleben. Wem es Spaß macht! Die Frage, die sich stellt, ist, welche Aufgabe Literatur hat. Soll sie Feindbilder noch verstärken mit ihren Beschreibungen von „anderen Verhaltensweisen“? Ist nicht eher das Vermeiden von Klischees zu vermeiden? Oder falls man sie verwendet, dieses kritisch reflektiert oder mit diesen gespielt wird. Die Frage an dieses Buch ist im Anschluss zu stellen: ist es denn überhaupt Literatur? Natürlich: denn es ist Fiktion, es wird eine Geschichte erzählt. Aber ist es auch eine Literatur mit einem Anspruch? Sicher nicht! Aber auch anspruchslose Lektüre muss es geben. Und manchen macht das mehr Spaß. Mir fehlte dieser in diesem Roman.

Der Roman „1 Trip 2 Kill“ von Alex Seinfriend ist 2005 Himmelsstürmer Verlag erschienen, umfasst 233 Seiten inklusive Produktionsnotizen und ist als Taschenbuch für vierzehn Euro neunzig im Fachhandel erhältlich.

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Wenn Engel Zähne zeigen von Jonathan Carroll

 

In „Wenn Engel Zähne zeigen“ von Jonathan Carroll begegnen Sie dem Tod in all seinen Facetten und Verkörperungen. Aber beginnen wir sinnigerweise am Anfang: während eines Urlaubs auf Sardinien begegnet Ian McGann im Traum dem Tod in Gestalt eines verstorbenen Freundes. Der Tod verspricht ihm Antworten auf all seine Fragen, mit der Voraussetzung, dass er die Antworten auch versteht. Und da beginnt schon die Krux. Denn wenn er sie nicht versteht, muss er mit dem Leben bezahlen. Arlen Ford hingegen verlässt auf dem Höhepunkt ihres Erfolges in Hollywood das Land und zieht nach Wien, der Stadt des Stillstandes. Sie lebt nun zurückgezogen, fast schon wie eine Nonne, in kargen Verhältnissen. Plötzlich tritt ein Mann in ihr Leben, der sie fasziniert, magisch anzieht, von ihm geht eine unerklärliche Kraft aus. Auch in Wien weilt der unsterblich kranke, homosexuelle Moderator Wyatt Leonhard, der entdeckt, dass er Tote auferwecken kann. Die verschiedenen Handlungsstränge kulminieren und finden ein unerwartetes tragisches Ende in der österreichischen Hauptstadt.

Es gibt einen Grund, warum an diesem Ort dieses Buch rezensiert wird. Die Literaturkritik ist eine Dienstleistung, ein Service für die Leserin beziehungsweise den Leser. Sie soll im großen, unmöglich zu überschauenden Literaturmarkt Hilfestellung leisten. Neuveröffentlichungen werden gelesen und nach ihrer Tauglichkeit, nach ihrem Wert betrachtet. Die Literaturkritikerin beziehungsweise der Literaturkritiker liest eine Neuerscheinung und sagt, was den Rezipienten erwartet. Manchmal gibt es aber auch die Möglichkeit eines Rückgriffs. Vielleicht feiert ein Autor ein Jubiläum oder es gibt eine Neuübersetzung des Werkes. Aber auch wenn jemand den Eindruck hat, dass ein Autor wie Jonathan Carroll einfach zu wenig Beachtung kriegt, sollte es möglich sein, ein älteres Buch vorzustellen. Denn dieser Autor ist das auf jeden Fall Wert.

Jonathan Carroll hat viele verschiedene Fertigkeiten, die man in diesem Roman sehr deutlich erkennen kann: die Figuren sind sehr stark charakterisiert. Während in den meisten Romanen, die an diesem Ort rezensiert werden, sehr dünn gezeichnet werden, schafft es dieser Autor mit sehr viel Genauigkeit Persönlichkeiten zu kreieren, mit denen wir mitfühlen, die uns ans Herz wachsen, manchmal wollen wir sogar genauso sein wie sie. Doch manchmal trügt uns unser Gefühl, entsetzt stellen wir vielleicht am Ende fest, dass wir genauso nicht sein sollten. Der Autor beschreibt einzelne Situationen mit so einer Meisterschaft, dass man sich mitten im Geschehen findet. Carroll konstruiert seine Geschichten, er lässt bestimmte Dinge geschehen, deren Sinn man erst ein paar Seiten später erkennt oder oft erst am Ende des Romans. Anders als bei Hera Lind, bei der man genau vorhersagen kann, was am Ende geschieht, beginnt man in diesem Roman erst mit der Zeit zu verstehen – fast schon wie im wahren Leben. Man gerät in diesem Roman in einen Sog, der einen immer wieder weiter lesen lässt. Aber nicht weil es so gruselig ist oder weil es so spannend ist, sondern weil er einerseits Alpträume beschreibt, andererseits wir aber genau merken, dass diese unsere Realität sind und wir bereits in dieser Welt leben.

Dieser Roman ist ein wenig wie eine klassische griechische Tragödie: er ist gleichzeitig unendlich traurig und unendlich schön. Er berührt und erscheint liebevoll, doch die Frage, wie das Carroll bewerkstelligt, ist schwer zu beantworten. Vielleicht durch die stimmigen Beobachtungen, durch die vielen kleinen netten Anekdoten, die vielen Details, die Schönheit der Ausdrucksweise, die Langsamkeit der Sprache oder die ambivalenten Charaktere des Romans, mit denen man einfach Mitleid, nein, Mitgefühl haben muss.

Wann ist ein Buch in unserer Sendung ein Thema? Wenn Homosexuelle darin vorkommen. Es hört sich blöde an und ist es auch. Doch diese Voraussetzung ist gegeben: Wyatt Leonard ist schwul, nicht dass es wirklich wichtig für das Buch wäre, aber so manche Situation wäre eine andere in diesem Roman, also besitzt diese Eigenschaft Wyatts eine Relevanz. Wie gesagt: ob es so genannte „Schwulen-Bücher“ gibt, ist eine Frage. Eine wichtigere Kategorie ist allerdings diejenige, ob ein Werk lesenswert ist oder nicht. Und das kann bei diesem fesselnden Roman auf jeden Fall klar mit: „es ist sehr lesenswert“ beantwortet werden. In diesem Sinne wünsche ich viel Vergnügen!

Der Roman „Wenn Engel Zähne zeigen“ von Jonathan Carroll ist 1995 im Europaverlag erschienen, umfasst 264 Seiten und ist in einer Hardcover Ausgabe für rund 20 Euro mit Glück im Fachhandel erhältlich, oder als broschiertes Taschenbuch im btb Verlag im Jahre 1997 in einem Umfang von 253 Seiten erschienen und damit etwas billiger.

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