Berlin Bromley von Bertie Marshall

 

Berlin Bromley ist das Pseudonym von Bertie Marshall: der Vorname ist eine Reminiszenz an das Berlin der glamourösen goldenen Zwanziger Jahre. Diese faszinieren den jungen Mann, seitdem er den Film „Cabaret“ mit Liza Minelli sah. Auch ein Album von Lou Reed heißt so, und das sollte Grund genug sein, diesen Namen auszusuchen. Der Nachname ist Bromley – der spießige Vorort Londons, in dem der nun fĂŒnfzehnjĂ€hrige TĂŒr an TĂŒr mit Siouxsie Sioux von den spĂ€teren Banshees lebt. Der autobiografische Roman erzĂ€hlt von der Zeit zwischen 1975 und 1978, als Berlin Bromley gemeinsam mit Siouxsie und vielen anderen Protagonisten der Punk-Szene im so genannten Bromley Contingent den Sex Pistols auf ihre Konzerte nachreisen und mit ihnen Partys feiern. In der Nachbarschaft wohnt ebenso die Familie David Bowies. Dessen Mutter schenkt den Marshalls als Gastgeschenk eine Platte von ihrem Sohn, einem Musiker, der gerade in den AnfĂ€ngen ist.

Berlin Bromley fĂ€llt auf, denn er sieht sehr androgyn aus, bewegt sich anders als die anderen Jungen, er schminkt sich und er lernt bald die verrĂŒckte Siouxsie kennen, mit der er um die HĂ€user zieht. Sie machen die schwullesbische Clubszene unsicher, vertreiben sich die Zeit im Laden von Vivienne Westwood und Malcolm McLaren, und pfeifen sich permanent Drogen ins Hirn. Der schĂŒchterne Junge redet nicht viel, aber es gefĂ€llt ihm, sich verrĂŒckt anzuziehen und im Dunstkreis DER Szene Londons zu sein. Sie sind gegen diese Hippies, die sie verschmĂ€hen und von denen sie angeekelt sind. Berlin Bromley ist auch derjenige, der mit Siouxsie in den Pub geht, er auf allen Vieren, an einer Leine, von Siouxsie gefĂŒhrt, im Pub eine Schale Wasser ordert und sie ausschleckt, wĂ€hrend das irritierte Publikum zuschaut. Sie ĂŒbertreiben beide die Show, so dass sie von den wĂŒtenden Menschen hinausgeschmissen werden.

Dies ist eine der Episoden, die Bertie Marshall in seiner Autobiografie erzĂ€hlt. Er schildert eine verrĂŒckte, glitzernde Welt, in der ein Junge seine HomosexualitĂ€t entdeckt, in die schwule Subkultur eintaucht und letztlich auf dem Straßenstrich landet. Er verlĂ€sst sein langweiliges spießiges Zuhause, das er nicht ertragen kann, um zugedröhnt in irgendwelchen Betten fremder MĂ€nner aufzuwachen. Seine Eltern verstehen seine Lebensweise, aber vor allem seine Art sich anzuziehen und seine Angewohnheit sich zu schminken, nicht. Ein ums andere Mal schmeißt die Mutter die teuren Kosmetika in den MĂŒll. Berlin hĂ€lt das nicht aus. Von der Schule ist er lĂ€ngst abgegangen, weil er auf der Jungsschule wegen seiner AndrogynitĂ€t gehĂ€nselt und verprĂŒgelt wurde.

Dieser Roman erzĂ€hlt von einem Jungen, der sich selbst sucht, der einerseits desorientiert und zugedröhnt durch die Welt zieht, immer im neuesten Fummel, andererseits aber in TagtrĂ€ume und alte BĂŒcher flĂŒchtet. Seine LieblingsbĂŒcher sind Wild Boys von William S. Bourroughs, Tagebuch eines Diebes von Jean Genet und Goodbye to London von Christopher Isherwood. Seine Bibel hieß A to B and Back Again von Andy Warhol. Er ertrĂ€umt sich und lebt die eigenen Fassungen dieser Geschichten. HĂ€ufig bezieht er sich in einzelnen Episoden auf diese BĂŒcher, zum Beispiel als er einen Mann kennenlernt, mit dem er eine AffĂ€re hat und der ein Krimineller ist.

Es ist eine glitzernde Welt und manchmal sehnt man sich als Leser danach, auch in diese Welt eintauchen zu dĂŒrfen. Doch gelegentlich fĂŒhlt man sich auch ein wenig von der OberflĂ€chlichkeit dieser Welt abgestoßen:

Wenn wir keine Clubs oder Konzerte besuchten, dann strömten wir auf Partys. Jeder Anlass bot Gelegenheit, etwas Neues anzuziehen und zu posen, posen, posen.

Manchmal bemitleidet man auch den Helden der Geschichte, wenn er gnadenlos ehrlich und unprÀtentiös von seinem Leben damals erzÀhlt:

Arbeitslosengeld, Blowjobs bei reichen Arabern und Geld klauen bei meinen Eltern – ich schlich mich immer noch zu Hause ein und bediente mich an der LohntĂŒte meines Stiefvaters. Ich hatte genug Geld, um mir ein schwarzes Fallschirmtop zu kaufen (ich bekam zehn Prozent Rabatt), eine schwarze Bondage-Hose und marineblaue Spider-Man-Stiefel aus Wildleder.

Keine eigene Wohnung, aber Hauptsache man sieht gut dabei aus. Orientierungslos streunt er durch die Gegend, auf der Suche nach sich selbst.

Liebe, Lust, Wut, Raserei, Traurigkeit, Gedankenlosigkeit? Ich stumpfte ab. Speed am Nachmittag, vielleicht eine Valium, mehr Speed, dann nach der Arbeit, je nach dem, wieviele Kunden ich bedient hatte, mindestens noch mal zwei, dann weiter zu LuiseÂŽ s, wo die anderen „anschaffenden MĂ€dchen“ saßen und auf den Dealer warteten, den ich „The Mandy Man“ nannte.

Bertie erzĂ€hlt, dass er immer neidisch war auf diejenigen, die berĂŒhmt wurden. Er hatte nur eine vage Idee, was aus ihm werden sollte, Glamour und Ruhm spielten dabei eine Rolle. Aber nur was? SpĂ€ter, sehr viel spĂ€ter, als aus ihm wieder Bertie Marshall wurde, begann er Filme zu drehen und BĂŒcher zu schreiben, zum Beispiel der viel beachtete Roman „Psychoboys“.

Erst im Jahre 2001, lange nach seiner Zeit als Berlin Bromley, besucht er das erste Mal Berlin, Teil seiner persönlichen Mythologie. Er ist enttĂ€uscht, weil er es provinziell, kalt, unglamourös und erbarmungslos findet. Doch auch aus dieser Episode zieht er etwas Positives. Durch Jon Savage inspiriert beschließt er diesen autobiografischen Roman zu schreiben.

Boy George schreibt im Vorwort des Romans:

Dieses Buch wurde mit wohl ĂŒberlegtem Sarkasmus und Witz geschrieben und sollte von jedem aufstrebenden Modestudenten, Möchtegern-Außenseiter und jeder besorgten Mutter gelesen werden. Man kann es schlecht weglegen. Na ja, ich hĂ€tte es fast in den Kamin geworfen, als ich merkte, dass ich darin nicht ein einziges Mal ErwĂ€hnung finde.

Das Vorwort ist genauso bemerkenswert wie das Buch selbst. Nein, man kann diesen Roman nicht aus der Hand legen, zumindest ich nicht. Es macht Spaß, mehr ĂŒber diese Zeit zu erfahren, berĂŒhmte Ikonen des Punk, die in der heutigen Zeit immer mehr verblassen, die von unseren Jugendlichen nicht gekannt werden, frĂŒher aber genauso verehrt wurden wie heute Bill von Tokyo Hotel. Jeder Leserin und jedem Leser ist nun selbst ĂŒberlassen, Unterschiede und Gemeinsamkeiten von heute und damals herauszufinden. Es ist ein spannender Weg, den ich jeder und jedem empfehlen möchte.

Der Roman „Berlin Bromley“ von Bertie Marshall ist beim Ventil-Verlag erschienen, umfasst 170 Seiten und ist fĂŒr elf Euro neunzig im Fachhandel erhĂ€ltlich.

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