Die Eignung von Michael Sollorz

 

In diesem Roman ist der Held Lars Hagner ein Hausmeister in einem Ostberliner Plattenbaugebiet. Jeder schätzt diesen Junggesellen, der so fleißig und harmlos erscheint. Völlig zurecht spürt Ljuba, die dreizehnjährige Tochter von Hagners Geliebten, dass da etwas nicht stimmt. Der ehemalige Soldat schließt sich seinem ehemaligen Zugführer Bossert an, den er wie einen Helden verehrt und vor dem er großen Respekt hat. Endlich hat er nun wieder einen Sinn im Leben, nachdem er wegen der Wende aus der Armee ausschied und erst einmal eine Weile lang den Westen Berlins und dessen Schwulenszene kennenlernte. Er lässt sich treiben, bis ihn Bossert aufgabelt und in den Dienst stellt. Hagner, der Preuße und Trotzkist ist, wird nun sein Handlanger und Vollstrecker. Monatelang muss er manchmal auf Befehle von Bossert warten. Wofür genau die beiden kämpfen, erfahren wir nicht: Der real existierende Sozialismus mag mit dem Ende der DDR dahingegangen sein, der Klassenkampf aber wird weitergeführt, so glaubt Hagner. Er tobt konspirativ und im Untergrund, mit aufrechten Genossen, die bereit sind, für ihre Überzeugung auch zu töten. Ob es dieses mysteriöse Partisanennetz tatsächlich gibt oder es lediglich eine Fantasie des Romanhelden Lars Hagner ist, bleibt für den Leser lange offen. Vielleicht sind dies alles auch nur kriminelle Machenschaften Bosserts. Der Held der Geschichte legt eine Art Rechenschaftsbericht über sein Tun ab, schonungslos, wortkarg. Letzten Endes bringt er sogar die Schnüfflerin Ljuba um, damit sie ihn nicht verraten kann.

Die Namensgebung „Die Eignung“ ist sehr tricky. Die verschiedenen Ebenen darf sich jeder Leser selbst erschließen. Am offensichtlichsten ist die, dass Hagner sich monatelang fragt, ob er weiterhin das Vertrauen Bosserts genießen darf. Als später offensichtlich wird, dass Leute auf seinen Führer angesetzt sind, und Hagner selbst nun diesen bespitzeln soll, glaubt er, dass er einen Fehler macht.

Bossert und Hagner haben keine sexuelle Beziehung, auch wenn manche der Soldatenkollegen so etwas vermuten. Hagner hat nach der Wende viele sexuelle Kontakte mit Männern, allerdings scheinen diese nur praktisch zu sein. Allerdings sind seine Beziehungen zu Frauen genauso distanziert und kühl. Vielleicht ist es also wirklich Liebe, die Hagner für Bossert fühlt. Der Opa von Hagner war auch schon schwul gewesen, wie er von einem seiner alten Freunde erfährt.

Dieser Text von Michael Sollorz ist sehr verstörend, ich habe kaum Zugang dazu finden können. Das könnte vielleicht daran liegen, dass ich aus dem Westen stamme und nicht diese Einblicke in den Osten habe. Daher verstehe ich vielleicht nicht die Mentalität des Helden dieser Geschichte. Aber es könnte andererseits auch daran liegen, dass ich Schwierigkeiten beim Dialog mit dem Erzähler habe. Denn es ist doch so bei Büchern: der Erzähler spricht mit dem Leser, wie das in einem Gespräch auch ist. Ob man das Gespräch genießt, liegt an ganz eigenen subjektiven Einstellungen. Mag ich den Ton, den der Erzähler anschlägt? Mag ich es, wie er bestimmte Sachverhalte miteinander verknüpft? Mag ich sein Tempo, seinen Witz, seinen Charme? Oder sagt mir das alles gar nichts? So ging es mir bei Sollorz nicht zum ersten Mal. Und doch merke ich als Rezensent, dass dieser Roman gelungen ist. Nicht umsonst wird er von Christoph Hein, einem angesehenen Schriftsteller, der aus dem Osten stammt, hoch gelobt: „brillant geschrieben“ lautet sein Urteil.

Wenn Menschen Informationen erhalten wollen, dann lesen sie oft Sachbücher. Aber oft kann auch ein Roman einem wertvolle Informationen, vor allem wenn es um menschliche Emotionen  geht, bieten. In diesem Fall ist dies eine geeignete Lektüre für all diejenigen, die sich dafür interessieren, wieso die deutschen Bürger im Dritten Reich ihrem Führer folgten und grässliche Taten begingen. Hannah Arendt sprach von der „Banalität des Bösen“. Neue Forschungen widersprechen ihrer Sichtweise. Man musste Juden nicht auf grausame Weise umbringen. Häufiger als gedacht, hatten die Menschen die Wahl und entschieden sich, die Opfer auf immer wieder neue Art und Weise umzubringen, die fast schon kreativ zu nennen ist. Wie sich das erklären lässt? Sollorz könnte dies vermutlich. Zumindest macht dieser Roman den Anschein danach. Die Initialzündung zu diesem Roman lieferten ihm übrigens eigene Tagbuchaufzeichnungen aus der Zeit seines Grundwehrdienstes Anfang der achtziger Jahre, den er bei der Bereitschaftspolizei am Rande Berlins abgeleistet hatte. Er habe damals trotz der Geheimhaltungsordnung versteckt Tagebuch geführt. Erst zwanzig Jahre später habe er die vielen Heftchen wieder hervorgeholt und gelesen.

Gleich im ersten Heft fand er die Beschreibung, die zum entscheidenden Ausgangspunkt seines Romans wurde: Bei einem nächtlichen Einsatz war Sollorz Zeuge bei der Suche nach russischen Fahnenflüchtigen.

Den Roman „Die Eignung“ von Michael Sollorz wurde 2008 vom Männerschwarm-Verlag herausgegeben, umfasst 158 Seiten und ist in einer gebundenen Ausgabe für 16,90 Euro zu beziehen.

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Ruhm von Daniel Kehlmann

 

In einem Internetforum kann man folgende „Postings“ lesen:

„… seine vermessung ist – ‚gähn‘, manche welche es gelesen hatten war es arg langweilig und langatmig geraten. fazit: es stört nicht wenn man seine bücher nicht gelesen hat!“ – „nanu? also ich kennen niemanden der dieses buch als langweilig bezeichnet hätte. eher das gegenteil ist der fall, typisches in-einem-durchles-buch-wenn-man-nicht-schlafen-und-arbeiten müsste…“ – „ich bin beinahe gestorben vor Langeweile. ich habs nie zu Ende gelesen. hype, hype.“ – „ich fands auch todlangweilig.“ – „Intellektualität als Autismus? Ohne mich.“ – „Sie greifen mMn zu hoch, Kulturindustrie bleibt, was sie ist. Herr Kehlmann ist aber ein Phänomen: Er ist der erste Unterhaltungsschriftsteller, der sich in jedem Interview mit Größen wie Proust, Nabokov, Bunuel etc. in Verbindung bringt oder bringen läßt, was natürlich Quatsch ist. Also postmodern im Sinne von „cross the border, close the gap“ (zwischen E und U), ganz nach dem Motto: „Mein Zeug ist auch spitze, wenn wir’s dazu machen und ein paar richtige Namen fallen lassen“.“

Im NLP gibt es eine Methode, die sich Storytelling nennt, und die viele verschiedene Einsatzbereiche kennt. Verführungskünstler zum Beispiel setzen Geschichten gezielt ein, um Frauen davon zu überzeugen, welch guten Eigenschaften sie haben. Ob es aus solchen Erwägungen heraus geschah, dass Daniel Kehlmann sich in einem Interview erneut auf Größen wie Raymond Carver, Buñuel oder Feuchtwanger bezog? Redet er sich und das Buch selbst stark, um den Kritikern (ganz nach NLP-Methode) nach seinem Erfolg von „Der Vermessung der Welt“ keine Chance zu lassen, ihn niederzuschreiben? „Ich glaube, dass es formal das Avancierteste ist, was ich je gemacht habe. Ich bin damit künstlerisch am weitesten vorangekommen.“ Das sagte er „klug“, wie der interviewende Journalist konstatiert, über sein eigenes Buch, und vieles mehr. Doch um was geht es in diesem Buch? Und kann es als ein Voranschreiten im Schaffen Kehlmanns angesehen werden?

Ein Roman in neun Geschichten nennt sich das neue Werk Kehlmanns mit dem ironisch gemeinten Titel „Ruhm“. Es sind dies neun Episoden, die sich am Ende zu einem Ganzen fügen, und die mit dem Spannungsfeld von Fiktion und Realität spielen. In der ersten Geschichte kauft ein Mann ein Mobiltelefon und bekommt in der Folge Anrufe, die nicht ihm, sondern einem Herren namens Ralf gelten. Zunächst irritiert, geht er auf dieses Spiel mit der fremden Identität ein und verzweifelt fast, als die Anrufe plötzlich aufhören. Dafür wird ein Schauspieler von einem Tag auf den anderen nicht mehr angerufen. Ein anderer scheint, sein Leben an sich gerissen zu haben. Am Ende wird er als sein eigener Doppelgänger gehalten. Ein Schriftsteller namens Leo Richter macht zwei Reisen mit seiner Freundin, die nicht nur von seinem hysterischen Verhalten genervt ist, sondern auch Angst hat, von ihm in seine Geschichten gepresst zu werden. Eine Krimiautorin geht spurlos verloren. Eine ältere Dame fleht den Schriftsteller, der sie erschaffen hat, an, nicht sterben zu müssen. Ein verwirrter Internetblogger, der Tausende Nachrichten in Foren „postet“, möchte unbedingt in einem Roman des Schriftstellers auftauchen…

Der 1975 geborene Vielschreiber Daniel Kehlmann hat seinen letzten Roman „Die Vermessung der Welt“ 1,4 Millionen Mal verkauft, die Übersetzungsrechte wurden an mittlerweile 42 Länder verkauft. Einen ähnlichen Erfolg hatte zuletzt „Das Parfüm“ von Patrick Süskind, das vor zwei Jahren ebenso kommerziell erfolgreich in den Kinos lief. Auf die Frage, ob er in der Folge nicht sehr viel Druck auf sich spüre, äußert er unbekümmert, dass „der Vorteil eines Bestsellers darin liegt, dass man nie wieder einen Bestseller schreiben muss, dass der Bestseller eine Art Querfinanzierung von allem ist, was einem an seltsamen Dingen künftig einfallen mag, so hat das etwas unglaublich Befreiendes.“

„Quinn erhält eines Abends einen Anruf, der nicht ihm gilt, sondern einem gewissen Paul Auster. Dieser wäre ein bekannter Detektiv, und dringend benötigt. Aus Neugierde, und nachdem Quinn der Anruferin nicht klarmachen konnte, er wäre nicht der Gesuchte, kommt er zu diesem Treffen…“

Dies ist der Anfang einer Inhaltsangabe des Buches „Stadtglas“ aus der New York-Trilogie Paul Austers. Merkwürdig, dass Kehlmann niemals auf ihn verweist, wenn er von den Einflüssen anderer Autoren auf seinen neuen Roman erzählt. Sämtliche Phänomene, die in diesen drei Romanen bearbeitet werden, in denen es um die Auflösung der eigenen Identität geht, um das Nicht-mehr-Unterscheiden-können von Realität und Täuschung, nimmt der Autor hier auf. Er treibt die Grundideen Paul Austers weiter und garniert sie mit den neuen Technologien Mobiltelefon und Internet. Es gibt noch weitere mögliche Vorlagen, die vermutlich keine sind: Number 23 mit Jim Carrey zum Beispiel, bei dem sich am Ende des Films herausstellt, dass er selbst der Autor ist, dessen Buch er fasziniert, ja, geradezu manisch liest, oder auch „Stranger Than Fiction“, in dem ein Angestellter aus einer US-Behörde plötzlich eine Stimme aus dem Off hört, die sein Leben kommentiert. Es stellt sich bald heraus, dass eine Autorin ihn als Figur erfunden hat und er das ihm angedichtete Leben lebt. Er möchte sich davon befreien und eigenbestimmt leben.

Also ist es sicher sehr unfair, Kehlmann anzulasten, zumindest nicht besonders originell gewesen zu sein. Natürlich wäre eine andere Lesart möglich: Dass genau diese Referenzen, die gewollt sind von dem Schriftsteller, die Stärke seines Werkes sind. Der Eindruck entsteht gelegentlich, dass er diese Bilder, die einen an Filme von Bunuel oder die gerade genannten erinnern, an Bücher von Auster, vielleicht sogar von Philip K. Dick („True Lies“, „Paycheck“ etc.), provoziert, und er gerade das bezweckt. Wenn dies der Fall wäre, dann hätte er nicht nur einen Subtext innerhalb seiner eigenen Textteile geschaffen, sondern einen Subtext außerhalb des Romans in eine Welt von Werken, die sich die Frage stellen, ob nicht alle Erzählungen, unabhängig davon, ob sie auf dem Papier oder in der Wirklichkeit geschehen, gleich real und wahr sind. Und ist nicht das der Sinn von Kunst, in der Gedankenwelt des Zuhörers/ Zuschauers/ Besuchers Bilder zu evozieren, die in anderen Kunstwerken ihren Wiederhall suchen und finden? Hat nicht Maxim Gorkij genau dies als schönste Eigenschaft des Lesens angesehen: Beim Lesen einzelner Szenen an Szenen aus anderen Büchern erinnert zu werden?

Kehlmann glaubt zu Recht, dass die neuen Medien unser Leben auf noch ungeahnte Weise verändern. Die Wissenschaften müssen erst erforschen, inwieweit sich bereits jetzt, eine Realität entwickelt hat, die sich von der vor zwanzig Jahren grundlegend unterscheidet. Wie verlieben sich beispielsweise Menschen heutzutage? Die Geschichten über Menschen, die sich aus dem Internet kennen, und sich als Paar bezeichnen, obwohl sie sich noch nie im wahren Leben begegnet sind, häufen sich. In den Augen von jüngeren Menschen wird hier kein Qualitätsunterschied zur gewöhnlichen Art des Kennenlernens bemerkt. Unsere Realität hat sich bereits gewandelt. Geschichten wie in „Gut gegen Nordwind“ von Daniel Glattauer sind heutzutage möglich. Menschen bauen sich eine Parallelwelt auf, in der sie aufblühen können. Als Beispiel lässt sich die Figur aus der siebten Episode des Romans nennen, ein Mann, der als fetter Versager, der in seinem wahren Leben nichts auf die Reihe kriegt, beschrieben wird, lebt sein Leben in vielen verschiedenen Foren, in denen er sich aufspielt, und Tag für Tag unzählige Postings ins Netz stellt. Er hat seine eigene Sprache, die Kehlmann kenntnisreich persifliert. Er hat seine eigene Welt, in der man Leute niederreden kann, nur um sich selbst zu profilieren. Ein Beispiel dafür ist der Schauspieler Ralf Tanner, der in verschiedenen Postings schlimm beschimpft wird. Ralf Tanners vermeintlicher Doppelgänger wird dabei gefilmt, wie ihn eine Frau in einem Restaurant schlägt. Es wird auf Youtube gestellt. Nicht nur der Schauspieler fragt sich nun, was die „eigentliche“ Realität heutzutage ist. Ist etwas nur wahr, wenn es in den Medien ausgestrahlt wird? Was ist Realität, was Täuschung? Und wer hat noch die Macht und die Fähigkeit, dies zu kontrollieren? Wie sieht es mit den an den Anfang dieses Artikels gestellten Postings aus? Ist der Leser überhaupt noch in der Lage, sich von diesen schwarz auf weiß gedruckten „Wahrheiten“ zu lösen, wenn er sie liest? Sind Menschen dazu fähig, sich eine eigene Meinung zu bilden?

Kehlmann greift in seinem neuen Werk ein zutiefst aktuelles Thema auf. Er schafft es in relativ kurzen Worten, Welten aufzubauen, stringente in sich geschlossene Geschichten zu erzählen, die trotzdem miteinander zusammenhängen. Er hat kluge Vorlagen genutzt und weiter um seine eigenen Ideen gesponnen, mit diesen Vorlagen kreativ gespielt und seinerseits eine ganz neue Welt entstehen lassen. Der Autor stellt wichtige Fragen, auf die wir noch keine Antworten wissen, doch er versucht einzelne Aspekte herauszuarbeiten, über die sich seine Leser ihre Gedanken machen können. Aber am schönsten sind die kleinen Ideen, die er einfließen lässt, die kleinen Running Gags, die er auch teilweise selbstironisch einsetzt, zum Beispiel, wenn er sein Alter Ego in dem Buch, Leo Richter, aus dessen Feder Episode 3 mit der vermeintlich sterbenden Rosalie stammt, ständig der Frage aussetzt: „Wie kommen Sie auf Ihre Ideen?“ Leo antwortet stets genervt, aber schon resigniert: „In der Badewanne.“ Eine weitere Lieblingsfigur könnte Miguel Auristos Blancos werden, der Beststeller-Autor, der auf jede Frage dieser Erde eine Antwort hat und diese auch auf Papier bannt. In jeder Geschichte taucht ein anderes Buch aus seiner Sammlung auf. Sein Leben nimmt ein ganz besonders tragisches Ende.

Es ist ein anderes Buch als sein Vorgänger. Besser? Sicher nicht. Bringt ihn es weiter voran in seinem künstlerischen Schaffen? Wahrscheinlich. Wir sind gespannt und erwarten nach diesem kurzweiligen „Mind Advanger“ weitere ruhmvolle Werke von ihm.

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Der Einzelgänger von Christopher Isherwood

 

Der Autor Christopher Isherwood wurde 1904 in Cheshire, England, geboren, lebte Anfang der Dreißiger Jahre in Berlin, was er im Buch „Leb wohl, Berlin“ verarbeitete und womit er in der Bühnenfassung namens „Cabaret“ Weltruhm erlangte. Ab 1934 reiste er durch mehrere Länder Europas, später auch nach China, bis er dann 1939 in die Vereinigten Staaten auswanderte. Isherwood, der zur jungen englischen Literatur-Elite der Dreißiger Jahre gehörte, erinnert mit seinem Stil an die „Neue Sachlichkeit“, zu deren bekanntesten Vertretern Bert Brecht, Erich Kästner, Alfred Döblin, Arnold Zweig und Heinrich Mann zählten. Er eröffnete mit seiner Sichtweise ein neues Kapitel der Geschichte der Literatur. Er schreibt darüber in „Leb wohl, Berlin“: „Ich bin eine Kamera mit offenem Verschluss, ganz passiv, ich registriere, ich denke nicht.“

In diesem Roman beschreibt der Autor einen Tag im Leben des achtundfünfzigjährigen Einzelgängers George, der ein „fürchterlicher“ Misanthrop ist. George ist Literaturprofessor in einer amerikanischen Universität und lebt nach dem Tod seines langjährigen Beziehungspartners Jim alleine und einsam in dem gemeinsamen Haus. Obwohl er Kontakte zur Außenwelt hat, lebt er trotzdem merkwürdig isoliert von den übrigen Menschen, die sich weigern, sich mit seiner Homosexualität auseinanderzusetzen. Dies bestimmt auch seine Überlegenheit, denn er weiß mehr über sie als sie über ihn. Dieser Unterschied beschreibt seine Position. Er bleibt ein Außenseiter, ein Einzelgänger. Er spielt an diesem Tag verschiedene Rollen: in der Universität bei einer Vorlesung, beim Essen mit seinen Kollegen, beim Plausch mit einem seiner Studenten, im Fitness-Studio, bei seiner alten Freundin Charlotte…

In wenigen Wochen werde ich nicht mehr viel von der Handlung dieses Romans wissen, aber das macht nichts, darauf kommt es beim Lesen nicht an. In Büchern soll man Erfahrungen, die man gemacht hat, wieder erkennen, die Szenen aus der gegenwärtigen Lektüre mit welchen aus Filmen, aus anderen Büchern, aus dem eigenen Leben vergleichen. Es geht um die Erinnerung, um die Emotion, um das Reifen. So liest man Romane mit mehr innerer Beteiligung, wenn man ständig auf Szenen trifft, die man aus dem eigenen Erfahrungshorizont kennt. Vielleicht begreift der Leser dann, vielleicht weint er, vielleicht ist er zornig, vielleicht deprimiert. Wenn ein Buch es geschafft hat, das innere Eismeer zu durchbrechen, hat es sein Ziel erreicht.

„Der Einzelgänger“ hat dies bei mir geschafft. Wie in der Szene im Supermarkt: Der Protagonist geht einkaufen und sieht die vielen Produkte, die ihm verheißungsvoll entgegenblicken, die sagen: Nimm mich mit! und die guten Appetit versprechen, und denkt dann:

„Kaum bist du in deinem leeren Zimmer, findest du schnell heraus, dass dich die trügerische Elfe Werbung geschickt hintergangen hat. Was übrig bleibt, sind Kartons, Zellophan und Kalorien. Und dir vergeht jeder Appetit. Dieser freundliche Ort ist eigentlich gar keine Zufluchtsstätte. Im Hinterhalt all der Flaschen, Kartons und Dosen lauern erschreckend lebendige Erinnerungen an Mahlzeiten, die eingekauft, zubereitet und verspeist wurden, zusammen mit Jim. Und sie stechen auf George, während er seine Einkaufswagen vor sich herschiebt. Wer nie sein Brot alleine aß…“

Spätestens jetzt weiß der Leser, in dem Fall ich, dass es absolut normal ist; dass viele Menschen dieses Gefühl kennen: im Lidl zu stehen und verzweifelt und deprimiert die Orangensaft-Packung anzuschauen, die ich einstmals mit meinem Ex-Freund gekauft und getrunken habe;  die Dinner Mints, unsere Lieblingssüßigkeit, in den Einkaufswagen zu tun, mit Herzstichen.

Die Haustiere, die George und Jim gemeinsam hatten, gibt er aus dem gleichen Grund weg, sie erinnern ihn zu sehr an den alten Freund, den er unsäglich vermisst.

„Der Durchgang zur Küche ist zu schmal gebaut worden. Zwei Leute in Eile, mit Frühstückstellern in der Hand, müssen hier einfach zusammenstoßen. Und genau hier, fast jeden Morgen, wenn George die unterste Treppenstufe erreicht hat, überkommt ihn plötzlich das Gefühl, er stehe auf einem jäh und brutal abbrechenden Felsvorsprung – so als sei jeder weitere Weg von einem Erdrutsch verschlungen worden. Genau hier hält er unvermittelt inne, und ihm wird aufs Neue, fast als wäre es zum allerersten Male, bewusst: Jim ist tot. Ist tot. … Bewegungslos steht er still und wartet darauf, dass die Beklemmung weicht. Dann erst betritt er die Küche. Diese morgendlichen Beklemmungszustände sind viel zu schmerzhaft, als dass ihnen mit sentimentalen Mitteln beizukommen wäre. Erleichterung spürt er erst, wenn sie vorbei sind. Es ist wie das Durchstehen eines bösen Krampfes.“

Doch was heißt Durchstehen?! Jeder, der diese Beklemmungen kennt, weiß, dass diese Gefühle den ganzen Tag ihren Nachhall finden, vielleicht nicht in weiteren Beklemmungen, aber in anderen negativen Empfindungen, in Zorn, Aggression, in Niedergeschlagenheit oder Depression. So ist George den Nachbarskindern gegenüber aggressiv, für sie ist er ein Monster. Diese seine Art konnte er an der Seite von Jim vor diesem verbergen, nun kommt sie zum Ausbruch.

„Was würde Jim sagen, wenn er beispielsweise mit ansehen müsste, dass George mit fuchtelnden Armen wie ein Wilder aus dem Fenster brüllt, während Mrs. Strunks Benny und Mrs. Garfeins Joe aus purem Übermut auf der Brücke hin und her toben?“

Joana Zimmer singt: „I´ ve learned to walk alone“ und wer kennt den Schlager nicht: „Eine neue Liebe ist wie ein neues Leben“. Nach einer Trennung von einem langjährigen Beziehungspartner leben alle Menschen in diesem Spannungsfeld. George bleibt in dem gemeinsamen Haus, weil er die Hoffnung hat, eine neue Liebe zu finden, einen neuen Jim. Doch wie? Das einsame Leben bekommt ihm nicht – diese Bindungslosigkeit. Aber einen Partner zu finden, zumal in seinem fortgeschrittenen Alter? Er ist achtundfünfzig, hat aber den Körper eines Jüngeren, da er regelmäßig ins Fitness-Studio geht. Ich kenne dieses Gefühl genau: diese Perspektivlosigkeit, dieser fehlende Sinn, wenn man nur für sich alleine lebt, ohne die etwaige Freude mit einem Partner zu teilen, oder die Trauer, den Ärger. Viele können nicht alleine gehen, schon gar nicht, wenn sie das Gefühl haben, dass sie von den restlichen Menschen nicht angenommen werden. Weil sie anders sind, fremd, überlegen, gegen den Strom.

Seine Studenten schwimmen nicht gegen den Strom, sie werden die gleiche Biographie haben wie ihre Eltern, wie alle, die gleichen Gedanken, die gleichen Normen. Die Kinder verhalten sich wie im Fernsehen, imitieren ihre Serienhelden, die Werbung. George übt Gesellschaftskritik, auch in Bezug auf die Menschen in seinem Alter, wenn er im Fitness-Studio feststellt, dass er besser als sie aussieht. Warum?

„Nicht, dass die anderen in besonders schlechtem Zustand wären – es sind ganz gesunde Kerle –, was bei ihnen nicht stimmt, ist ihre fatalistische Einstellung zum Altern, dieses unwürdige Resignieren, Großvater zu sein, in Ruhestand zu treten, Golf zu spielen. George unterscheidet sich von ihnen auf eine Art, die man nicht genau beschreiben kann, die jedoch sofort ins Auge springt, wenn man ihn nackt sieht – denn er hat noch nicht aufgegeben.“

Auch bei seinen Studenten ist der Professor unbeherrscht, gerät außer Kontrolle. Er hält Predigten, redet die Jüngeren nieder. In einem Monolog spricht er vom Verhältnis von Minoritäten zu Majoritäten, ignoriert dabei den Blick eines homosexuellen Studenten.

„Angenommen, diese Minorität wird jetzt verfolgt – ganz gleich, aus welchen politischen, wirtschaftlichen oder psychologischen Gründen. Gründe gibt es immer, ganz gleich, wie falsch sie sein mögen – das ist meine Meinung. Natürlich ist Verfolgung an sich immer falsch; darin sind wir uns doch wohl alle einig. Das Schlimme dabei ist, dass wir hier auf eine weitere liberale Ketzerei stoßen. Der Liberale sagt sich: Weil die verfolgende Mehrheit gemein ist, deshalb muss die verfolgte Minderheit makellos rein sein. Sehen Sie nicht, was für ein Unsinn das ist? Müssen unbedingt alle christlichen Opfer in der römischen Arena Heilige gewesen sein?“

Auch die Minorität hat ihre Aggression, sagt George, sie fordert die Majorität heraus, sie anzugreifen. Sie hasst die Majorität, natürlich nicht ohne Grund. Aber sie hasst sogar alle anderen Minoritäten, weil sie untereinander in Konkurrenz stehen.

„Jede verkündet dass ihre Leiden die schlimmsten und die Kränkungen die tiefsten seien.“

Dabei werden die Minoritäten immer unangenehmer, je mehr sie verfolgt und gehasst werden, was natürlich absolut verständlich ist.

Dies ist meines Erachtens ein sehr kluger Roman. George ist zwar durch die vielen Bücher, die er gelesen hat, nicht weiser geworden, aber er sagt trotzdem einige weise Dinge. Die Sprache des Christopher Isherwood ist unprätentiös, etwas, das man einigen „schwulen“ Autoren wie Nathschläger oder Simon Rhys-Beck wünschen würde. Sie ist leise, aber präzise. Dieses Buch ist subtil, es fordert zum Nachdenken heraus, es macht traurig oder melancholisch, doch mitunter kann man auch über den Protagonisten herzlich lachen, weil er sich selbst nicht zu ernst nimmt.

Der Roman „Der Einzelgänger“ von Christopher Isherwood ist 2005 in einer neuen Übersetzung im MännerschwarmSkript Verlag erschienen, umfasst 182 Seiten plus einem Kommentar und ist gebunden für achtzehn Euro im Fachhandel erhältlich.

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Dunkle Flüsse von Peter Nathschläger

 

„Hochfahren und danach verbinden; welcome, Willkommen an Board, die Maschine wird es finden, ein dreckiges Wort; und… und… Denk dir eine Farbe, wünsch dir irgendeine Zahl, 19 year old redhead, das ist deine Wahl. Und du verliebst dich in Gespenster; Schwarz glänzt Strafe und Belohnung, ein Strick, einen Augenblick, du gehst in eine Wohnung, du gehst auf ´Zurück´…“

So beginnt das Lied „Gespenster“ des androgynen Heroen Jens Friebe, in dem er in kryptischer Weise von der üblen Internetsex-Industrie singt. Jedem von uns ist bekannt, dass es im Internet genügend Möglichkeiten gibt, an perverse Videos zu gelangen, in denen Jugendliche auf schlimmste Weise vergewaltigt, kleine Mädchen nackt gezeigt, kleine Jungen missbraucht werden. Davon handelt unter anderem auch dieser Roman von Peter Nathschläger. Ein siebenjähriger Junge wird von einem brutalen, gemeingefährlichen Irren entführt, der sich als Polizist ausgibt und behauptet, dass die Eltern des Kleinen tot wären. Der Wahnsinnige schafft es, sich falsche Papiere für den Jungen zu beschaffen, und sie leben fortan als Onkel und Neffe in einem kleinen Nest. Er zwingt ihn zur Prostitution und quält ihn täglich mehr und mehr, was er alles auf Video aufnimmt und für viel Geld im Internet verkauft. Erst neun Jahre später kann der Junge flüchten und damit beginnt eine Odysee durch Amerika, in der der Jäger Frank seine Beute, den sechzehnjährigen David, der Patrick genannt wird, jagt. Es ist ein Buch über die dunklen Flüsse menschlicher Grausamkeit, die David unter anderem in einem Internat für elternlose Jungen erlebt, in der grausame Aufseher die Jungen tyrannisieren. Dort lernt er einen stummen Jungen namens Mark kennen, durch den sich sein Leben verändert.

Manchmal ist es ungeheuer schwer über eine CD, einen Film oder ein Buch zu urteilen. Ich denke beispielsweise an den Film „Irreversibel“, der im letzten Jahr für Furore sorgte. Er fiel durch seine ekelhafte Brutalität auf und verstörte Zuschauer wie Kritiker. Da muss man mehrere Augenblicke innehalten, bis man in der Lage ist, etwas Vernünftiges, Objektives sagen zu können. So erging es mir auch bei diesem Buch. Ich musste mich oft dazu zwingen weiterzulesen. Während ich bei Sex hoch zwei von Sibylle Berg nach fünfzig Seiten vor lauter Ekel aufhören musste zu lesen, befahl ich mir in diesem Fall, das nicht zu tun. Ich quälte mich durch Stellen wie diese:

„Patrick kam ächzend wieder hoch und versuchte gerade zu stehen, die Hände hinter dem Kopf verschränkt. Frank boxte noch einmal auf die gleiche Stelle und Patrick übergab sich. Frank grinste zufrieden und gab ihm Ohrfeigen, verschmierte das Erbrochene in Patricks Gesicht, stieß ihn um und trat ihn mit den Füßen. Patrick brüllte vor Schmerzen, verschluckte sich an seiner Kotze. Er würgte und kreischte wie ein Vogel, dem man die Flügel brach. Frank nahm die Kamera aus der Halterung und hielt sie sich ans Gesicht. Er filmte, wie Patrick auf dem Boden kroch und schrie. Frank holte die Reitgerte und drosch damit auf Patrick ein, bis Blut floss…“

Lange Zeit war ich an solchen Stellen fassungslos und wusste nicht mehr weiter. Was sollte mir dieser Roman sagen, und vor allem was sollte ich über diesen Roman sagen? Ich konnte nur Ekel und Grauen verspüren, mehr nicht. Nach ungefähr der Hälfte des Romans fragte ich mich dann: Warum gibt es denn diese ganzen Stellen? Um das perverse Publikum zu befriedigen? Männer, die darauf stehen, wenn jugendliche Skater auf das Übelste vergewaltigt und fast umgebracht werden, um sich dann einen runterzuholen? Wieso braucht dieser Roman immer ekelhaftere, grausamere Vergewaltigungen und sogar Tode? Was bezweckt der Autor damit? Ich kann darauf keine Antwort geben. Vielleicht nahm er sich seinen Landsmann Michael Haneke zum Vorbild, der in seinen Filmen ebenfalls die sinnlose Brutalität einzelner Menschen, die sich daran aufgeilen, zum Sujet nimmt. Der allerdings eine Message hat, die er dem Publikum vermitteln kann.

Ich kann etwas anderes beurteilen. In „Irreversibel“ zeigt die zweite Hälfte des Films, die nicht brutal ist, sondern von Lebensfreude und Romantik sprüht, dass der Film ein Kunstwerk ist, von einem Regisseur, der sein Handwerk versteht. Die letzten Seiten dieses Romans offenbaren allerdings, dass der Autor Nathschläger sein Handwerk nicht versteht. Da wird David von den Internatsschülern plötzlich David genannt, obwohl sie ihn nach wie vor nur beim Namen Patrick kennen; da gelingen immer weniger die Übergänge der einzelnen Kapitel; da wiederholt der Autor innerhalb eines Absatzes ständig die gleichen Worte, die gleichen Formulierungen; da schreibt er, dass der neue Polizeichef den Internatsleiter nicht leiden kann, aber ihm mit höflichem Misstrauen entgegentritt, und wenn sie sich kurze Zeit später dann tatsächlich in dem Roman begegnen, erkennt der Internatsleiter diesen Polizeichef gar nicht, weiß noch nicht einmal, dass dieser nun diese Stelle innehat; da quält er uns arme Leser, die nach den Gewaltorgien, dieses Buch noch nicht völlig verstört weggelegt haben, mit Belanglosigkeiten, Worthülsen und schwülstigen Gemeinplätzen.

„Mark Fletcher ging durch die offene Pforte in den Garten zu den beiden hin. Die Liebe und Fürsorge lag hier wie ein Duft im Garten, ein Geruch von Reinheit. Der Geruch einer Wiese nach dem Regen.“

„Dann standen sie wohl eine Viertelstunde nebeneinander, wortlos, sprachlos.“

„David lächelte und neun Jahre Schmerz und Trauer, Angst und Terror fielen von ihm ab, in einem unsagbar schönen Lächeln; all die Pein fiel von ihm ab und sank als grauschwarzer Donner in die Geschichte ein.“

Völlig aus der Luft gegriffene Dialoge wie z.B. derjenige, den die Eltern Davids führen, nachdem sie ihn das erste Mal nach neun Jahren wieder sehen und noch gar nichts über die vergangene Zeit wissen, runden das negative Bild ab:

„Sie lieben sich.“ – „Ja, Cove. Ich weiß.“

„Irgendwann und irgendwo auf ihrer Reise haben die beiden beschlossen, sich zu lieben, oder es kam einfach so.“

„Du meinst, dass sie miteinander… du weißt schon…“

„Nein, glaub ich eigentlich nicht… Und wenn, wäre es mir völlig egal.“

„Mir auch.“ – „Sie lieben sich, wie Brüder sich lieben. Aber ihnen fehlt die Tiefe von Brüdern, die miteinander aufgewachsen sind, ihnen fehlen die Reibereien und der Streit, dieses aneinander wachsen. Glaub´ ich.“ …

Eine Kritik hat viele verschiedene Aufgaben. Eine davon ist, dem Leser bzw. der Leserin eine Orientierung zu geben, was er/ sie lesen sollte und was nicht. Doch selbst, wenn der Kritiker bzw. die Kritikerin vom Buch abraten, kann sich das Lesepublikum bewusst gegen diese Empfehlung stellen. In diesem Fall vielleicht, weil es von so viel Grausamkeit und Ekel fasziniert ist und dabei einen Kick erhält, oder weil es jemanden anmachen könnte, wenn schutzlose Kinder und Jugendliche erniedrigt und gebrochen werden, oder weil es nach so viel Ungerechtigkeit und Perversion ein schönes schwülstiges Happy-End gibt… Ich kann dazu nur sagen, dass dies für mich, auch wenn dies das Cover noch eventuell auf den ersten Blick versprochen hat, keine so genannte Einhand-Literatur ist, im Gegenteil: nichts konnte mich mehr Abtörnen als diese von Gewalt triefenden unsäglichen Vergewaltigungsszenen.

Der Roman „Dunkle Flüsse“ von Peter Nathschläger ist 2005 im Himmelsstürmer Verlag erschienen, umfasst 219 Seiten und ist für 14,90 Euro im Fachhandel erhältlich.

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