Die Eignung von Michael Sollorz

 

In diesem Roman ist der Held Lars Hagner ein Hausmeister in einem Ostberliner Plattenbaugebiet. Jeder schĂ€tzt diesen Junggesellen, der so fleißig und harmlos erscheint. Völlig zurecht spĂŒrt Ljuba, die dreizehnjĂ€hrige Tochter von Hagners Geliebten, dass da etwas nicht stimmt. Der ehemalige Soldat schließt sich seinem ehemaligen ZugfĂŒhrer Bossert an, den er wie einen Helden verehrt und vor dem er großen Respekt hat. Endlich hat er nun wieder einen Sinn im Leben, nachdem er wegen der Wende aus der Armee ausschied und erst einmal eine Weile lang den Westen Berlins und dessen Schwulenszene kennenlernte. Er lĂ€sst sich treiben, bis ihn Bossert aufgabelt und in den Dienst stellt. Hagner, der Preuße und Trotzkist ist, wird nun sein Handlanger und Vollstrecker. Monatelang muss er manchmal auf Befehle von Bossert warten. WofĂŒr genau die beiden kĂ€mpfen, erfahren wir nicht: Der real existierende Sozialismus mag mit dem Ende der DDR dahingegangen sein, der Klassenkampf aber wird weitergefĂŒhrt, so glaubt Hagner. Er tobt konspirativ und im Untergrund, mit aufrechten Genossen, die bereit sind, fĂŒr ihre Überzeugung auch zu töten. Ob es dieses mysteriöse Partisanennetz tatsĂ€chlich gibt oder es lediglich eine Fantasie des Romanhelden Lars Hagner ist, bleibt fĂŒr den Leser lange offen. Vielleicht sind dies alles auch nur kriminelle Machenschaften Bosserts. Der Held der Geschichte legt eine Art Rechenschaftsbericht ĂŒber sein Tun ab, schonungslos, wortkarg. Letzten Endes bringt er sogar die SchnĂŒfflerin Ljuba um, damit sie ihn nicht verraten kann.

Die Namensgebung „Die Eignung“ ist sehr tricky. Die verschiedenen Ebenen darf sich jeder Leser selbst erschließen. Am offensichtlichsten ist die, dass Hagner sich monatelang fragt, ob er weiterhin das Vertrauen Bosserts genießen darf. Als spĂ€ter offensichtlich wird, dass Leute auf seinen FĂŒhrer angesetzt sind, und Hagner selbst nun diesen bespitzeln soll, glaubt er, dass er einen Fehler macht.

Bossert und Hagner haben keine sexuelle Beziehung, auch wenn manche der Soldatenkollegen so etwas vermuten. Hagner hat nach der Wende viele sexuelle Kontakte mit MĂ€nnern, allerdings scheinen diese nur praktisch zu sein. Allerdings sind seine Beziehungen zu Frauen genauso distanziert und kĂŒhl. Vielleicht ist es also wirklich Liebe, die Hagner fĂŒr Bossert fĂŒhlt. Der Opa von Hagner war auch schon schwul gewesen, wie er von einem seiner alten Freunde erfĂ€hrt.

Dieser Text von Michael Sollorz ist sehr verstörend, ich habe kaum Zugang dazu finden können. Das könnte vielleicht daran liegen, dass ich aus dem Westen stamme und nicht diese Einblicke in den Osten habe. Daher verstehe ich vielleicht nicht die MentalitĂ€t des Helden dieser Geschichte. Aber es könnte andererseits auch daran liegen, dass ich Schwierigkeiten beim Dialog mit dem ErzĂ€hler habe. Denn es ist doch so bei BĂŒchern: der ErzĂ€hler spricht mit dem Leser, wie das in einem GesprĂ€ch auch ist. Ob man das GesprĂ€ch genießt, liegt an ganz eigenen subjektiven Einstellungen. Mag ich den Ton, den der ErzĂ€hler anschlĂ€gt? Mag ich es, wie er bestimmte Sachverhalte miteinander verknĂŒpft? Mag ich sein Tempo, seinen Witz, seinen Charme? Oder sagt mir das alles gar nichts? So ging es mir bei Sollorz nicht zum ersten Mal. Und doch merke ich als Rezensent, dass dieser Roman gelungen ist. Nicht umsonst wird er von Christoph Hein, einem angesehenen Schriftsteller, der aus dem Osten stammt, hoch gelobt: „brillant geschrieben“ lautet sein Urteil.

Wenn Menschen Informationen erhalten wollen, dann lesen sie oft SachbĂŒcher. Aber oft kann auch ein Roman einem wertvolle Informationen, vor allem wenn es um menschliche Emotionen  geht, bieten. In diesem Fall ist dies eine geeignete LektĂŒre fĂŒr all diejenigen, die sich dafĂŒr interessieren, wieso die deutschen BĂŒrger im Dritten Reich ihrem FĂŒhrer folgten und grĂ€ssliche Taten begingen. Hannah Arendt sprach von der „BanalitĂ€t des Bösen“. Neue Forschungen widersprechen ihrer Sichtweise. Man musste Juden nicht auf grausame Weise umbringen. HĂ€ufiger als gedacht, hatten die Menschen die Wahl und entschieden sich, die Opfer auf immer wieder neue Art und Weise umzubringen, die fast schon kreativ zu nennen ist. Wie sich das erklĂ€ren lĂ€sst? Sollorz könnte dies vermutlich. Zumindest macht dieser Roman den Anschein danach. Die InitialzĂŒndung zu diesem Roman lieferten ihm ĂŒbrigens eigene Tagbuchaufzeichnungen aus der Zeit seines Grundwehrdienstes Anfang der achtziger Jahre, den er bei der Bereitschaftspolizei am Rande Berlins abgeleistet hatte. Er habe damals trotz der Geheimhaltungsordnung versteckt Tagebuch gefĂŒhrt. Erst zwanzig Jahre spĂ€ter habe er die vielen Heftchen wieder hervorgeholt und gelesen.

Gleich im ersten Heft fand er die Beschreibung, die zum entscheidenden Ausgangspunkt seines Romans wurde: Bei einem nĂ€chtlichen Einsatz war Sollorz Zeuge bei der Suche nach russischen FahnenflĂŒchtigen.

Den Roman „Die Eignung“ von Michael Sollorz wurde 2008 vom MĂ€nnerschwarm-Verlag herausgegeben, umfasst 158 Seiten und ist in einer gebundenen Ausgabe fĂŒr 16,90 Euro zu beziehen.

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