Berlin Bromley von Bertie Marshall

 

Berlin Bromley ist das Pseudonym von Bertie Marshall: der Vorname ist eine Reminiszenz an das Berlin der glamourösen goldenen Zwanziger Jahre. Diese faszinieren den jungen Mann, seitdem er den Film „Cabaret“ mit Liza Minelli sah. Auch ein Album von Lou Reed heißt so, und das sollte Grund genug sein, diesen Namen auszusuchen. Der Nachname ist Bromley – der spießige Vorort Londons, in dem der nun fünfzehnjährige Tür an Tür mit Siouxsie Sioux von den späteren Banshees lebt. Der autobiografische Roman erzählt von der Zeit zwischen 1975 und 1978, als Berlin Bromley gemeinsam mit Siouxsie und vielen anderen Protagonisten der Punk-Szene im so genannten Bromley Contingent den Sex Pistols auf ihre Konzerte nachreisen und mit ihnen Partys feiern. In der Nachbarschaft wohnt ebenso die Familie David Bowies. Dessen Mutter schenkt den Marshalls als Gastgeschenk eine Platte von ihrem Sohn, einem Musiker, der gerade in den Anfängen ist.

Berlin Bromley fällt auf, denn er sieht sehr androgyn aus, bewegt sich anders als die anderen Jungen, er schminkt sich und er lernt bald die verrückte Siouxsie kennen, mit der er um die Häuser zieht. Sie machen die schwullesbische Clubszene unsicher, vertreiben sich die Zeit im Laden von Vivienne Westwood und Malcolm McLaren, und pfeifen sich permanent Drogen ins Hirn. Der schüchterne Junge redet nicht viel, aber es gefällt ihm, sich verrückt anzuziehen und im Dunstkreis DER Szene Londons zu sein. Sie sind gegen diese Hippies, die sie verschmähen und von denen sie angeekelt sind. Berlin Bromley ist auch derjenige, der mit Siouxsie in den Pub geht, er auf allen Vieren, an einer Leine, von Siouxsie geführt, im Pub eine Schale Wasser ordert und sie ausschleckt, während das irritierte Publikum zuschaut. Sie übertreiben beide die Show, so dass sie von den wütenden Menschen hinausgeschmissen werden.

Dies ist eine der Episoden, die Bertie Marshall in seiner Autobiografie erzählt. Er schildert eine verrückte, glitzernde Welt, in der ein Junge seine Homosexualität entdeckt, in die schwule Subkultur eintaucht und letztlich auf dem Straßenstrich landet. Er verlässt sein langweiliges spießiges Zuhause, das er nicht ertragen kann, um zugedröhnt in irgendwelchen Betten fremder Männer aufzuwachen. Seine Eltern verstehen seine Lebensweise, aber vor allem seine Art sich anzuziehen und seine Angewohnheit sich zu schminken, nicht. Ein ums andere Mal schmeißt die Mutter die teuren Kosmetika in den Müll. Berlin hält das nicht aus. Von der Schule ist er längst abgegangen, weil er auf der Jungsschule wegen seiner Androgynität gehänselt und verprügelt wurde.

Dieser Roman erzählt von einem Jungen, der sich selbst sucht, der einerseits desorientiert und zugedröhnt durch die Welt zieht, immer im neuesten Fummel, andererseits aber in Tagträume und alte Bücher flüchtet. Seine Lieblingsbücher sind Wild Boys von William S. Bourroughs, Tagebuch eines Diebes von Jean Genet und Goodbye to London von Christopher Isherwood. Seine Bibel hieß A to B and Back Again von Andy Warhol. Er erträumt sich und lebt die eigenen Fassungen dieser Geschichten. Häufig bezieht er sich in einzelnen Episoden auf diese Bücher, zum Beispiel als er einen Mann kennenlernt, mit dem er eine Affäre hat und der ein Krimineller ist.

Es ist eine glitzernde Welt und manchmal sehnt man sich als Leser danach, auch in diese Welt eintauchen zu dürfen. Doch gelegentlich fühlt man sich auch ein wenig von der Oberflächlichkeit dieser Welt abgestoßen:

Wenn wir keine Clubs oder Konzerte besuchten, dann strömten wir auf Partys. Jeder Anlass bot Gelegenheit, etwas Neues anzuziehen und zu posen, posen, posen.

Manchmal bemitleidet man auch den Helden der Geschichte, wenn er gnadenlos ehrlich und unprätentiös von seinem Leben damals erzählt:

Arbeitslosengeld, Blowjobs bei reichen Arabern und Geld klauen bei meinen Eltern – ich schlich mich immer noch zu Hause ein und bediente mich an der Lohntüte meines Stiefvaters. Ich hatte genug Geld, um mir ein schwarzes Fallschirmtop zu kaufen (ich bekam zehn Prozent Rabatt), eine schwarze Bondage-Hose und marineblaue Spider-Man-Stiefel aus Wildleder.

Keine eigene Wohnung, aber Hauptsache man sieht gut dabei aus. Orientierungslos streunt er durch die Gegend, auf der Suche nach sich selbst.

Liebe, Lust, Wut, Raserei, Traurigkeit, Gedankenlosigkeit? Ich stumpfte ab. Speed am Nachmittag, vielleicht eine Valium, mehr Speed, dann nach der Arbeit, je nach dem, wieviele Kunden ich bedient hatte, mindestens noch mal zwei, dann weiter zu Luise´ s, wo die anderen „anschaffenden Mädchen“ saßen und auf den Dealer warteten, den ich „The Mandy Man“ nannte.

Bertie erzählt, dass er immer neidisch war auf diejenigen, die berühmt wurden. Er hatte nur eine vage Idee, was aus ihm werden sollte, Glamour und Ruhm spielten dabei eine Rolle. Aber nur was? Später, sehr viel später, als aus ihm wieder Bertie Marshall wurde, begann er Filme zu drehen und Bücher zu schreiben, zum Beispiel der viel beachtete Roman „Psychoboys“.

Erst im Jahre 2001, lange nach seiner Zeit als Berlin Bromley, besucht er das erste Mal Berlin, Teil seiner persönlichen Mythologie. Er ist enttäuscht, weil er es provinziell, kalt, unglamourös und erbarmungslos findet. Doch auch aus dieser Episode zieht er etwas Positives. Durch Jon Savage inspiriert beschließt er diesen autobiografischen Roman zu schreiben.

Boy George schreibt im Vorwort des Romans:

Dieses Buch wurde mit wohl überlegtem Sarkasmus und Witz geschrieben und sollte von jedem aufstrebenden Modestudenten, Möchtegern-Außenseiter und jeder besorgten Mutter gelesen werden. Man kann es schlecht weglegen. Na ja, ich hätte es fast in den Kamin geworfen, als ich merkte, dass ich darin nicht ein einziges Mal Erwähnung finde.

Das Vorwort ist genauso bemerkenswert wie das Buch selbst. Nein, man kann diesen Roman nicht aus der Hand legen, zumindest ich nicht. Es macht Spaß, mehr über diese Zeit zu erfahren, berühmte Ikonen des Punk, die in der heutigen Zeit immer mehr verblassen, die von unseren Jugendlichen nicht gekannt werden, früher aber genauso verehrt wurden wie heute Bill von Tokyo Hotel. Jeder Leserin und jedem Leser ist nun selbst überlassen, Unterschiede und Gemeinsamkeiten von heute und damals herauszufinden. Es ist ein spannender Weg, den ich jeder und jedem empfehlen möchte.

Der Roman „Berlin Bromley“ von Bertie Marshall ist beim Ventil-Verlag erschienen, umfasst 170 Seiten und ist für elf Euro neunzig im Fachhandel erhältlich.

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Der Escort von Jan R. Holland

 

Jan ist ein blendend aussehender Endzwanziger, der als Escort arbeitet. An ihm ist alles perfekt: der Körper, das Lächeln, die ständige Erregtheit, und sein bestes Stück lässt auch keine Wünsche offen. Eines Tages ist er gerade bei einem Kunden und geht seiner Arbeit nach, als er zufällig einen Blick auf die Zeitung erhascht und dabei feststellt, dass einer seiner Freier ermordet wurde. Da er diesen sehr gut leiden konnte, beschließt er, auf eigene Faust im Strichermilieu zu ermitteln. Dabei lernt er Benny und Dennis kennen – zwei junge Männer, die Cousins sind, der eine etwas unerfahren, der andere schon länger dabei. Dem ersten bringt er das passive Liebesspiel bei, der zweite ist ganz fasziniert von ihm. Dennis hilft Jan bei seiner Ermittlungsarbeit, in der immer wieder genug Raum ist für „Spielchen“. Sogar der Polizeibeamte, der im Strichermilieu als Vermittler arbeitet, findet Gefallen an der Hauptfigur.

Jan R. Holland gelingt es einen Krimi zu schreiben, der hauptsächlich in der Horizontalen spielt. Jede Gelegenheit nutzt er, um seinen allzeit bereiten Helden in sexuelle Höchstgefühle zu versetzen. Die Frage, die sich dem geneigten Zuhörer bereits jetzt stellt: Wie kommt es wohl, dass die Hauptfigur auf den gleichen Vornamen hört wie der Autor? Der Verlag schreibt auf seiner Homepage, dass Jan R. Holland vielfältige Erfahrungen als Escort gesammelt habe.

Die Hauptfigur Jan stellt in diesem Roman mehrere Rekorde auf. Zum Beispiel, was die Anzahl der Orgasmen angeht, die er innerhalb zweier Tage hat. Als er bei dem S/M-Escort Sven Nachforschungen anstellt, in dem er sich als Kunde ausgibt, schafft er es beim ersten Versuch, das überdimensionierte Geschlechtsteil in sich aufzunehmen. Dies schildert der Autor seitenweise in einer Sprache, wie man sie vermutlich auch am Bahnhof hören mag.

Jan hatte derweil eine saugeile Aussicht auf Dennis´ Backenmuskeln, die sich jedes Mal spannten, wenn er in Bennys Maul hineinstieß. Der Bursche hatte einfach einen geilen Body, und dieser Arsch war zum Verrücktwerden.

In diesem Roman wundert einen nichts mehr. Ist ja ganz normal, dass man mit seinem besten Freund regelmäßig Sex hat, obwohl ja beide Escorts sind. Klar, ist ja ein pornografisches Werk! Wieso sollte das nicht so sein. Selbstverständlich gefällt jedem Stricher, der sich aus Geldnöten verkauft, der Sex mit Männern. Plötzlich lässt er sich gerne penetrieren, obwohl er das vorher nie wollte. Der Partner, in dem Fall Jan, muss einfach nur „geil“ genug sein. Übrigens ist jeder in diesem Roman so nett, hat so ein großes oder dickes Genital, sieht gut aus und ist total offen. Selbst der gut gebaute Polizist, der in dem Fall ermittelt. Aber wie gesagt: es ist ein Porno und hässliche widerwillige Menschen sind ja nicht gerade anregend.

So stellt sich die Frage, wer diesen Roman erregend finden könnte, denn wirklich realistisch wird er nicht sein. Wieso? Jan R. Holland kann viel erzählen, aber so „rosa“, positiv und wundervoll wird es nicht sein, wenn man mit fremden Männern rund um die Uhr Sex haben muss, um seinen Unterhalt zu bestreiten. Also muss es einen anmachen. Aber wen? Meiner Ansicht nach könnte jeder Spaß daran finden, der nicht auf bestimmte Sexpraktiken oder bestimmte Typen festgelegt ist. Die Sex-Abenteuer bieten eine große Varianz an. Da sind Jungs, die noch nicht ganz volljährig sind und einen knabenhaften, schlanken und schönen Körper haben, da sind aber auch kernige Männer, die muskulös und männlich sind, dabei. Da gibt es S/M-Szenen, Oralverkehr mit genauer Erklärung, wie es am schönsten ist, Anal-Erlebnisse und andere Möglichkeiten des männlichen Sexualverkehrs.

Jeder kennt den Witz: „Wieso schauen Frauen Pornos?“ – „Weil sie denken, dass die Paare am Ende heiraten!“ So kommen mir die Interaktionen in diesem Roman vor. Scheinbar verlieben sich die Männer in ihre Geschlechtspartner und man könnte meinen, dies sei DER WEG, einen Ehemann zu finden. Aber vielleicht ist das Humor. Wer hat denn gesagt, dass Humor und Sex nicht zusammenpassen?

Der Roman „Der Escort“ von Jan R. Holland ist beim Männerschwarm-Verlag erschienen, umfasst 151 Seiten und ist für zwölf Euro fünfzig im Fachhandel erhältlich.

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Schwule Nachbarn von Detlef Grumbach (Hrsg.)

 

Anlässlich des 15jährigen Bestehens des Verlags Männerschwarmskript gab Detlef Grumbach einen Erzählband heraus, in dem 22 namhafte Autorinnen und Autoren, die nicht homosexuell sind, die Aufgabe erhielten, etwas über das Thema „Schwule Nachbarn“ zu schreiben. Präziser gesagt war die Einladung an dieser Anthologie teilzunehmen offener: der Verlag „…wünsche sich Geschichten, in denen es um eine sprachliche und emotionale Begegnung mit schwulem Leben, einem schwulen Menschen, einer schwulen Figur geht, alleine der inneren Wahrheit des Textes verpflichtet“. Dabei erinnert die Situation der „Schwulen Nachbarn“ ein bisschen an die anderen Nachbarn, die Migranten, ein in der Vergangenheit ebenso nur am Rande behandeltes Thema in der deutschen Literatur und erst durch einige Verfasserinnen und Verfasser so genannter Migrantenliteratur mehr in den Blickpunkt genommen worden. Da sind neben Sevgi Emine Özdamar und Selim Özdagan auch Feridun Zaimoglu zu nennen.

Letzterer hat einen Beitrag zu diesem Werk geliefert. Zwei junge türkische Männer reden in einer Kneipe über einen Mann, der ihnen begegnet. Er ist bekanntermaßen schwul – er ist der Nachbar des einen jungen Mannes. Im Grunde genommen sind beide nicht sehr negativ gegenüber Sexualität zwischen Männern eingestellt, das hört man aus gewissen Andeutungen heraus. Das Problem ist ein anderes, und dieses wurde bereits vor kurzer Zeit hier an gleichem Ort erläutert, als ich das Buch „Die Verschwulung der Welt“ von al-Daif und Helfer vorstellte: mit Männern Sex haben darf man, nur darf man nicht dabei passiv sein, also einer Frau ähnlich. Das kommt auch hier heraus. Sich tuntig bewegen, offensichtlich passiv sein, weiblich konnotiert, das darf man eben nicht.

Weitere namhafte Autorinnen und Autoren sind Doris Gercke, Ingo Schulze, Bodo Kirchhoff, Uwe Timm, Barbara Frischmuth und viele andere. Manche haben allerdings auch abgelehnt, wie Detlef Grumbach schreibt. Sie fühlten sich nicht dafür zuständig, so als wären nur homosexuelle Autorinnen und Autoren dafür zuständig homosexuelle Figuren zu beschreiben. Andere kennen angeblich keine Homosexuellen oder mochten ihre aktuellen Projekte, die nichts mit dem Thema zu tun hatten, nicht unterbrechen.

Die Texte sind in unterschiedlichen Genres verortet. Uwe Timm hat beispielsweise einen Essay über Wolfgang Koeppen, der vermutlich homosexuell war und der lange vor dem gesellschaftlichen Aufbruch Ende der 60er Jahre eine schwule Hauptfigur als Rebell in seinem Roman: „Der Tod in Rom“ zeichnet. Damit leistet er bemerkenswerte Pionierarbeit, die allerdings kaum jemand so wahrgenommen hat, Uwe Timm selbst stellte dies erst vor kurzem voller Erstaunen fest.

Bodo Kirchhoff hingegen verfasst einen literarischen Text, in dem ein Erzähler in Rückblicken von einem Erlebnis in der Jugendzeit berichtet, das ihn sehr prägte und ihn seitdem nicht mehr losließ. Er wird als Zwölfjähriger in ein Internat gebracht, in dem er sich erst verloren vorkommt. Bald jedoch lernt er den Kantor kennen und fühlt sich zunächst wohl mit ihm. Doch eines Abends nimmt letzterer ihn mit ins Schilf. Genau erfährt man nicht, was passiert ist, aber angedeutet wird ein sexueller Missbrauch und der Mord des Jungen an seinem schadhaften Erzieher. Wieso Kirchhoff ausgerechnet die Geschichte eines Pädophilen aussucht für diesen Erzählband ist mir schleierhaft. Was er damit bezwecken möchte, welchen Gewinn uns das Lesen dieser Geschichte ist auch nicht klar. Man fragt sich, wieso ihm ein negativer Charakter zu dem gestellten Thema einfällt.

In Doris Gerckes Geschichte, die auch nicht besonders aufregend erscheint, ist der Homosexuelle einmal mehr ein Künstler, so wie übrigens in vielen der zweiundzwanzig Erlebnisse, wie der Untertitel dieses Werkes lautet. Sie sind Schauspieler, Drehbuchschreiber, Filmer, Musiker, arbeiten in der Modebranche undsoweiter. Homosexuelle haben Sinn für Mode und Ästhetik, sie sind sensibel, flatterhaft und promiskuitiv.

Manchmal, ja manchmal, möchten die Autorinnen und Autoren diese Klischees durchbrechen, wie zum Beispiel Christine Wunnicke in ihrem Text „Orchideen“, in dem ein heterosexueller nicht unbedingt handwerklich begabter Mann bei seinem schwulen Nachbarn die Toilettenspülung reparieren möchte, nur um in das Bad des Homosexuellen zu gelangen und zu schauen, ob da eine Orchidee steht. Denn, so sagt die Frau des Heterosexuellen: jeder Schwule habe ein Orchidee im Bad und sowieso wären dies die tolleren Männer. Nur dass der Schwule überhaupt keine Orchidee hat und der Mann dafür schämt, aus diesem Grund in das Bad eingedrungen zu sein.

In anderen Texten versuchen es die Autorinnen und Autoren mit Witz und Ironie, zum Beispiel Gunter Gerlach mit „In 14 Tagen vom Homo zum Hetero“ oder Matthias Altenburg in „Fliegenfänger“. Im ersteren Erlebnis kriegt ein schwuler Sohn eine echt wirkende Roboter-Frau von seinem Vater geschenkt, mithilfe jener er bekehrt werden soll. In letzterer Geschichte spielen heterosexuelle Männer Schwule, um in ihren Jobs mehr Erfolg zu haben. Ob die beiden Beispiele witzig sind oder nicht dürfen die geneigten Zuhörerinnen und Zuhörer selbst entscheiden.

Dieser Erzählband mag diejenigen interessieren, die schon immer wissen wollten, was namhafte Autorinnen und Autoren zu diesem Thema einfällt, sonderlich erhellend und vielsagend sind diese so genannten Erlebnisse allerdings nicht. Kurzweilig sind sie manchmal, innovativ selten, aber das muss man von diesem Band auch nicht erwarten.

Der Erzählband „Schwule Nachbarn“ wurde von Detlef Grumbach herausgegeben und mit einem Nachwort verfeinert. Es umfasst 256 Seiten, ist im MännerschwarmskriptVerlag erschienen und in gebundener Form für 18,80 Euro im Fachhandel erhältlich.

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Frölichs freier Fall von Michael Merschmeier

 

Dieser zweite Frölich-Roman des 1953 in Münster geborenen Michael Merschmeier spielt in der glamourösen Kunst- und Modeszene, überwiegend in Berlin, aber auch in Paris und London. Der hochtalentierte Maler und Society-Liebling Daniel Brisk, der der Sohn eines Berliner Senators ist, wird in seinem Kreuzberger Atelier erschlagen. In seiner Wohnung werden vom schwulen Kriminalkommissar Frölich Fälschungen alter Meister gefunden, und in seinen Konten hohe Summen von einem Schweizer Nummernkonto. Die Spur führt unter anderem zum Imperium der Mode-Designerin Laureen Dashwood, die später einem mysteriösen Unfall zum Opfer fällt. Zahlreiche Figuren aus der Berliner Kultur-Szene tauchen auf, darunter der Berliner Finanz-Senator Brisk, der schwule Vorsitzende der Liberalen Gebhardt Südermann, der Regierende Bürgermeister, und natürlich die Modeschöpferin Dashwood, die allesamt als Karikaturen von bekannten Persönlichkeiten betrachtet werden können. Doch in diesem Roman geht es um mehr als um Kriminalistik oder um Glamour. Auch das private Leben des Kommissars, dessen Beziehung zu einem Schauspieler, der zurzeit der Handlung in Paris einen Film dreht, das schwule subkulturelle Leben in Berlin und die Auseinandersetzung mit modernen Beziehungsmustern bei homosexuellen Paaren spielen eine große Rolle. Träume, die jedes Kapitel beschließen, lassen den Leser noch tiefer in die Geschichte eindringen und vor allem in die vorbewusste Gedankenwelt des Hauptakteurs.

So ist dieser Krimi ebenso eine Art Liebesroman oder vielleicht genauer Beziehungsroman. Der auktoriale Erzähler äußert oft Rezepte und Kommentare zum Verhältnis des Kommissars zu seinem Geliebten.

„Wenn man sich nur selten sah, musste man einander genau dann begehren wollen und auch sehr glücklich sein. Das war ihnen gelungen. Ohne ersichtliche Anstrengung, ohne allzu große Verbiegung, so schien es Frölich. Sie kannten sich lange genug, um freundlich miteinander zu sein.“

So positiv bleibt die Beurteilung ihrer Beziehung im Laufe des Romans nicht. Schon ein wenig später in diesem zweiten Kapitel zeigt sich zunächst noch in ständigen erotischen Träumen mit anderen Männern, danach in handfesteren Erfahrungen in der Szene, dass die Beziehung brüchig ist.

„Er musste sich fassen. Es war ein schweres Los, immer zwischen den Zeilen lesen zu sollen – und zu können. Wurde er dafür bezahlt? Im Beruf ja, aber im Leben? Natürlich liebte er Wolfgang. Natürlich liebe ich Wolfgang. Aber seit ein paar Tagen habe auch ich meine Augen verdächtig oft woanders. Er schloss die Augen. Er wollte nie so werden wie all die anderen, die auch nicht so sein wollten wie all die anderen.“

Gerade der letzte Satz: „Er wollte nie so werden wie all die anderen, die auch nicht so sein wollten wie all die anderen“ fasst in einem Satz ein Gefühl zusammen, das viele Homosexuelle heutzutage haben. Letztendlich scheinen doch die meisten genauso zu werden, wie sie einst nicht werden wollten. Gibt es keinen Ausweg? Merschmeiers Frölich zumindest geht schließlich doch den Weg, den er ursprünglich niemals gehen wollte.

„Einen Ricard später bereute er seinen Entschluss. Vor der Szenekneipe, die sich seit Jahren beständig als In-Place behauptete, war eine schwule Jeunesse dorée versammelt, die nicht auf ihn oder irgendwen, sondern nur darauf wartete, eine Stunde später nebenan im Tom´ s und sonst wo Pornos auf Großbildschirmen anzuschauen und dann und wann einen Abstecher in den Darkroom zu machen. Danach war ihm jetzt nicht und eigentlich nie. Frölich fragte sich, wie es wäre, auf diese Subkultur-Orte fürs Flirten oder Anmachen tatsächlich angewiesen zu sein. Aber er hatte Wolfgang – und der hatte eine Affäre… Zwei Stunden später verließ Frölich das Tom´ s. Er fühlte sich miserabel.“

Wer jetzt noch nicht verstanden hat, warum, der wird ein paar Seiten später mehr verstehen.

„Der Mann hatte einen kahlrasierten Schädel und sehr schwarze, sehr dünne Augenbrauen. Auf dem rechten Arm hatte er eine Tätowierung, einen schwarzen kettengliedrigen Reif. Das könnte zum Beispiel der Mann sein, der ihm letzte Nacht im Keller – Frölich verbot sich jeden weiteren Gedanken.“

Aber auch andere Figuren wie der Mann von Laureen Dashwood, Raphael Reifberger, der eine Affäre mit dem Ermordeten, Daniel Brisk, hatte, denkt neben seiner Kunst nur an das Eine, z.B. im Flugzeug:

„Er erinnerte sich wehmütig, dass früher, vor dem 11. September, ein Quickie auf der Bordtoilette mit dem blonden Stewart, der ihn hemmungslos anhimmelte, das Normalste von der Welt gewesen wäre. Jetzt gab es stattdessen Orangensaft oder Champagner und ein Schoko-Croissant und viele vielsagende Blicke.“

Nein, nicht nur Liebe und Sex spielen in diesem Roman eine Rolle, man lernt auch viel aus der Kunst- und Modeszene kennen. Der Autor Merschmeier hat gut recherchiert und bringt uns, den Lesern, eine Menge neuer Dinge nahe, mit denen wir uns vielleicht noch nie befasst haben. Er lässt dabei viele interessante Nebenfiguren aufleuchten, die nicht nur spannende Informationen bieten, sondern sehr interessante Persönlichkeiten darstellen. Meine Lieblingsfigur ist der Vorgesetzte von Frölich, der Werner Sommer heißt und sich einer umständlichen und gleichzeitig amüsanten Ausdrucksweise bedient:

„»Liebe Kolleginnen«, begann er seine diesmal politisch korrekte Ansprache, »nach ein paar Tagen im Tal der Ruhe bläst uns der Wind wieder ins kriminalistische Gesicht. Vor jedem Frühling vollendet sich bekanntlich immer noch ein Winter, und gestern wurde in Kreuzberg ein Künstler in seinem Blut aufgefunden, wie es nur je ein grausames Bild zeigen kann – man denke nur an Goya zum Beispiel. Wovon ich rede: Daniel Brisk, ein junger Maler, der eben an der Akademie diplomierte mit Glanz und außerdem der Sohn unseres Herrn Finanzsenators ist, wenn der auch ein ganz Roter ist, der Vater. So bleibt die Tatsache: Er wurde, soweit es die ersten Erkenntnisse berichten, ermordet, der Sohn also, mit einem schweren Gegenstand, wie es unter uns heißt.«“

Die Sprache ist dem Autor sehr wichtig, insbesondere versucht er immer wieder spannende ungewöhnliche Sätze einzuflechten:

„Die Grappaflasche blickte ihn vorwurfsvoll an, denn sie war zu einem Drittel geleert.“

„Als für andere junge Menschen die Disco oder das Fitness-Studio zu Orten des Flirtens und der sozialen Kontakte wurden, blieb Frölich bei Cafés, Restaurants und Hotelhallen. Da konnte er mit den Augen flanieren, ohne gleich eindeutig zu flirten, und aus der Uneindeutigkeit, mit der sich Blicke kreuzten und wieder trafen, ließen sich langwierige Abenteuer spinnen.“

Einfallsreich sind ebenso die Überschriften: Vom Fisch essen, der den Wurm verzehrte, der einen König aß; oder: Der Mord, hat er schon keine Zunge, spricht mit wunderbarer Stimme; oder: Nur reden will ich Dolche, keine brauchen. Dies sind Anspielungen und Zitate aus der Literatur, wie sie Merschmeier auch innerhalb des Textes verwendet. In Bezug auf Hesses Siddhartha z.B.: Warten, denken, recherchieren. Es versteht sich von selbst, dass das Fasten bei Frölich ersetzt wird, da Essen ein wichtiger Bestandteil seines Lebens ist. Eine große Frage für ihn: wie kann ich gleichzeitig genießen und einen ästhetischen Körper haben. Der Körperkult ist sehr wichtig für die Personen dieses Romans. Der Körper entscheidet über den Marktwert, gerade auch bei Schwulen. So kommt das Thema Fitness-Studio immer wieder zur Sprache, beispielsweise am Ende, wenn Frölich sich ein wenig in den Firmenboss Chrysler verliebt, einem Modedesign-Guru, dem natürlich körperliche Schönheit sehr wichtig ist. Der Erzähler dieses Romans legt sehr viel Wert auf äußere Schönheit, insbesondere wenn er die einzelnen Personen dieses Romans charakterisiert. Alle müssen schön und reich sein, sogar die Polizisten, wie z.B. Weitkamp, ein Kollege von Frölich:

„Er war hübsch, intelligent, charmant, inzwischen auch wohlhabend, aber vielleicht hatte er einfach den falschen Beruf für die richtige Liebe.“

Verbesserungsfähig sind allenfalls die Dialoge, die mir manchmal zu hölzern und zu konstruiert klingen. Aber insgesamt garantiere ich eine Menge Lesevergnügen, viel Spannung, aber auch neue Impulse zum Nachdenken, gerade was unsere schwule Subkultur angeht.

Der Roman „Frölichs freier Fall“ von Michael Merschmeier ist in einer schönen Taschenbuchausgabe beim Deutschen Taschenbuch Verlag, dtv, erschienen, und kostet vierzehn Euro.

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