Mensch Engel von Gunther Geltinger

 

In den Jahren 1993 – 2004 wurde der „Literaturpreis der schwulen Buchläden“ sechs Mal verliehen. Ein Preis, der an Autoren verliehen wird, die sich in ihren unveröffentlichten Texten schwerpunktmäßig mit Aspekten des Lebens schwuler Männer beschäftigen. Der Preis verstand sich als Initiative zur Förderung deutschsprachiger schwuler Literatur, wollte Talente fördern und öffentliche Aufmerksamkeit auf diesen Bereich der Literatur lenken. Der letzte Preisträger war 2004 Gunter Geltinger.

Leonard Engel, der von allen Menschen außerhalb seiner Familie Engel genannt wird, ist 20, schwul, talentiert, hat gerade sein Abitur im mainfränkischen Idyll gemacht. Die Welt steht ihm offen und er hat eine erste Liebe namens Marius. Es könnte alles so schön sein! Doch dieser verquälte und krankhaft nach sich selbst suchende junge Mann verlässt ihn Hals über Kopf und flüchtet sich forthin jahrelang in neue glamouröse Abenteuer. Auch Volker, der ihn seit der achten Klasse schon liebt, und ihn nach Wien bringt, lässt er unbarmherzig fallen. Engel nistet sich bei Volkers Schwester Feline ein, mit der er eine Seelengefährtin findet, die ebenso destruktiv ist wie er selbst. Er studiert Drehbuch, und landet regelmäßig in der psychiatrischen Anstalt, vollgepumpt mit Pillen, Alkohol und anderen Drogen. Sein erstes großes Fiasko erlebt er mit Tiago, einem brasilianischen Stricher, den die Künstlerin Feline ihm kauft, und in den er sich verliebt, aber von dem er wenig beachtet wird. Engel findet auch in Südfrankreich bei seiner Schwester weder eine Struktur noch die Ruhe, um entspannt weiterzuleben. Er wird hinausgeschmissen und landet in Köln auf der Straße, wo er fortan lebt, bis er den jungen Lehrer Boris im Waschsalon kennenlernt. Endlich hat er einen Ort gefunden, an dem er bleiben kann, und einen Menschen, der ihn vielleicht auf den Boden bringen kann.

Gunter Geltinger, der 1974 in Erlenbach am Main geboren wurde, in Wien Drehbuch und Dramaturgie und an der Kunsthochschule für Medien in Köln studierte, hat in seinem aufregenden Erstlingswerk einen Roman über einen jungen Mann geschrieben, der an einer Borderline-Persönlichkeitsstörung leidet. Eindrucksvoll beschreibt er, wie Engel an ans andere Ufer jenseits des Flusses gelangt, womit er das Überschreiten der Grenzlinie, der Borderline, meint. Oder in der mächtigen, bildhaften und fast rauschhaften Sprache Geltingers:

Alles Scheiße, schreibt er, was er hier aus einer Welt erzählt, die hochtrabend und bedeutungsschwer jenseits des Flusses ansiedelt, die aber in Wirklichkeit nur seine kleine, armselige Welt auf der Grenze zur Menschlichkeit oder, besser gesagt, zum Menschsein überhaupt ist, ein Außenseiter-, eine Versager- und Verrücktenwelt, und er setzt ab und holt Luft und versucht, tief und ruhig zu atmen, doch der Schmerz in der Brust wird stärker, beginnt ihn zu lähmen und höhlt die Gedanken aus, und kurz bevor die Taubheit die Arme und Hände erfasst und über die Tischkante sinken lässt und mit ihnen alles bisher Erreichte in den Abgrund hinabzustürzen droht, in dem er, Engel, nur noch kauern und harren und wimmern, aus dem ihn nichts und niemand mehr herausholen kann und wo nur zwei oder drei trocken heruntergewürgte Tavor-Tabletten die Folter vorübergehend verkürzen, kurz vor dem Tod also dieses gerade erst geborenen Tages reißt er sich weg von der Fallkante, der Todesschwelle, und schreibt.

Bei der BPS sind die Bereiche der Gefühle, des Denkens und des Handelns beeinträchtigt, was sich durch negatives und teilweise paradox wirkendes Verhalten in zwischenmenschlichen Beziehungen sowie im gestörten Verhältnis zu sich selbst äußert. Dies zeigt sich in allen seinen sogenannten Liebesbeziehungen. Bei Marius, seiner ersten Liebe, den er sofort wieder verlässt. Noch mehr bei Volker, der die bösartige Zurückweisung Engels niemals verwinden wird. Selbst mit Feline verbindet ihn eine destruktive, selbstzerstörerische Beziehung. Doch alles hat viel mit der wichtigsten Beziehung in seinem Leben zu tun. Die Beziehung zu seiner Mutter, die die meiste Zeit ihres Familienlebens depressiv im abgedunkelten Schlafzimmer liegt, auf die stets Rücksicht genommen werden muss, und die er nicht erretten kann. Es ist unschwer zu erraten, dass die Liebe, die seine depressive Mutter ihrem Sohn nicht geben kann, den jungen Mann in eine tiefe Krise stürzen, ihn auf die Suche nach einem Heilmittel gegen die quälenden Brustschmerzen treiben.

Der Typ ist ein Wichser, schreibt Engel, ein Selbstficker, der andere Menschen nur als Material benutzt, um sich mit ihrer Hilfe in Stimmung zu bringen, in Lebensstimmung, und er haut seine Finger auf die Tasten: am Umgang mit Menschen interessiert ihn nur die Ausbeute an Lebensfülle, die Anzahl der Orgasmen, die sie ihm bereiten, das Maß an Aufmerksamkeit, mit dem sie sein Ego mästen, die Menge an Liebe, die sie ihm ins Brustloch stopfen, die Dosis Kultur, die sie ihm in seinen Junkintellekt spritzen.

Dieses Buch ist auch vor allem ein Buch über das Erzählen, über das Zusammenspiel von Wahrheit und Fiktion. Letztere bezeichnet die Schaffung einer eigenen Welt durch Literatur, Film, Malerei oder andere Formen der Darstellung sowie den Umgang mit einer solchen Welt. Zur Erklärung von Fiktion werden in der Literatur– und Kunsttheorie unter anderem fehlender Wahrheitsanspruch und mangelnde Übereinstimmung mit der Realität herangezogen.

Ich halte im Schreiben inne und lausche; in Wahrheit, sagt er, gehören all diese Lügen genauso wenig zu mir wie die so genannte wahre Geschichte, wie es zu all diesen Narben kam. Was meinst du damit? Frage ich. Er zögert. Obwohl ich mich an die Umstände fast jedes einzelnen Schnitts genau erinnere, sagt er, an den Ort, an die Zeit –, seine Stimme wird, während er spricht, gehetzt und gepresst –, ob vorher jemand mich verlassen hat oder ich jemanden weggejagt habe – er holt Luft und betrachtet gedankenverloren den Schmetterling auf seiner Hand –, obwohl ich also die Geschichte jedes einzelnen Schnitts in aller Ausführlichkeit erzählen könnte, so, wie du es hier gerade getan hast, fährt er dann wieder ruhiger fort, stand keine dieser Narben aus meinem tatsächlichen Leben.

Der heute dreißigjährige schreibende Engel trifft an dieser Stelle sein geschriebenes Alter Ego, welches ihm eine Wunde zufügt. Es scheint so, als bräuchte der Erzähler die Erschaffung des geschriebenen Engels, um sein Leben zu bewältigen und sich selbst zu erretten. Die einzelnen Episoden in seinem Leben werden in verschiedenen Varianten erzählt.

Alle Geschichten stimmen, aber keine davon ist wahr.

Geltinger reißt uns damit in ein Hin und Her von Glauben und Unglauben, wir fragen uns ständig: ist dies wahr? Oder ist es unwahr? Kann dies wirklich Realität sein? Träumt Engel? Erfindet Engel wieder etwas? Ein weiteres irritierendes Beispiel dafür:

Aber ist es nicht nur eine krude und ungerechte Fantasie, dass sie dir, wie an anderer Stelle behauptet, als Zeichen ihrer stillen Verbundenheit damals ihre Schlaftabletten gegeben hat, die du, Engel, gib´s zu, in der Hoffnung, von ihr eine Antwort zu bekommen, in Wirklichkeit selbst aus der Kommode mit der Hausapotheke gestohlen hast und die später, bei der Niederschrift deiner Geschichte, das Glas heiße Milch ersetzten, das sie dir an jenem Abend in dein Zimmer brachte, um mit dir zu reden, eine Geste, die du in deiner jugendlich-trotzigen Verzweiflung aber schnaubend zurückwiesest?

Dieses Werk von Gunter Geltinger ist sicherlich kein einfaches Lesevergnügen, aber es lohnt sich, den jungen Anti-Helden Engel, den man mitunter zu hassen beginnt, auf seinem Lebensweg zu begleiten. Geltinger ist mit „Mensch Engel“ ein großer Wurf gelungen: im Gegensatz zu vielen anderen Romanen, die bei radiosub besprochen wurden, und die Thematik schwullesbischen Lebens berührt, ist dies große, unbedingt lesenswerte Literatur. Sicherlich ist dieser Roman der Weihnachts-Geschenk-Tipp für all diejenigen, die ihre Mitmenschen eine spannende Lektüre wünschen.

Der Roman „Mensch Engel“ von Gunther Geltinger umfasst 272 Seiten, ist beim Schöffling & Co. Verlag 2008 erschienen und für 19,90 Euro im Fachhandel erhältlich.

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Abel von Anneke Scholtens

 

Der Student Bart sagt zu, als seine Mutter ihn fragt, ob er auf sein altes Zuhause und die Katzen aufpassen möchte. Er hat geplant mit seiner neuen Freundin Roos, die er in der Bibliothek kennen gelernt hat, eine schöne geruhsame Woche in seiner alten Heimat zu verbringen. Doch daraus möchte nicht so recht was werden. Schon am zweiten Tag findet er einen Brief, der ihn aus dem Tritt bringt. Es ist eine Einladung zur Beerdigung von Abel, Barts Schulfreund, den er seit damals nicht mehr gesehen hat. In Rückblicken erzählt er ihre gemeinsame Geschichte, die doch noch so viele Einflüsse auf Barts jetziges Leben hat. Und auf die Beziehung zu Roos, wie sich bald herausstellt.

Es stellt sich die Frage nach der Kategorie, in die dieser Roman gehört. Ein Schwulenroman in Gänsefüßchen, obwohl kein einziges Mal das Wort SCHWUL in diesem Text vorkommt? Ist es ein Werk über Coming-Out? Ist es ein Jugendbuch? Reich-Ranicki würde sagen: es gibt keine Frauen, Männer oder Schwulenbücher – es gibt nur gute und schlechte Bücher. Meiner Meinung nach ist „Abel“ ein gutes. Vor allem deswegen, weil es eben kein Coming-Out-Buch ist. Nein, es geht um ganz andere Dinge: seine Identität zu finden und dazu zu stehen. Egal, ob diese Identität der Norm entspricht oder auch nicht. Dass das Vehikel dazu die Homosexualität einer Figur ist, einem Rand-Thema, wie wir bei der Rezension von „Schwule Nachbarn“ schon bemerkt haben, ist nebensächlich. Es könnte auch ein Junge sein, der die Bäume liebt wie im gleichnamigen Roman Stefano Marcellis. Gute Bücher handeln immer von den großen Dingen. Von der Findung der Persönlichkeit, von Wahrheit und Dichtung, von Leben und Tod.

Auch hier geht es um Tod. Und um die Dichtung des Lebens. Alle wichtigen Figuren, die ihre Vergangenheit in diesem Ort verbracht haben, bauen eine Fassade auf, sehen die Dinge auf ihre Weise, verdrängen die so genannte Wahrheit. Allen voran die Mutter von Abel, die Bart erzählt, Abel sei mit einer Reisegruppe unterwegs gewesen, als er verunglückte. Doch das ist eine bereinigte Wahrheit. Mit ihm auf der Reise war sein Freund Tim, den sie einfach ignoriert. Der wiederum den Kontakt zu Bart sucht, weil er gerne alte Bilder von Abel nachmachen und sich alte Geschichten erzählen lassen möchte. Der junge Student fühlt sich aber damit überfordert. Er hat all seine alten Gefühle verdrängt. Er hat Abel aus seinem Leben verdrängt. Und er erzählt Roos ganz lange nicht die Wahrheit über einzelne vergangene Erlebnisse. Er kann sich vieles nicht eingestehen. Was fühlte er damals für Abel? Freundschaft? Liebe? War die Liebe größer als zu normalen Kumpels? Gibt es einen Namen für diese Gefühle damals?

Abel versuchte eine Annäherung, nachdem er mit dem gemeinsamen Lehrer Frijda gesprochen hatte, doch Bart blockte rüde ab. Und Bart schubste ihn ins Feuer, um eine unliebsame Berührung abzuwehren. Er verleugnet ihn judasgleich danach, als sich Abel schmerzverzerrt im Zelt windet. „Bin ich denn sein Bruder und muss ihn pflegen?“ fragt er. Er verleugnet zunächst auch Roos am Telefon, als seine Mutter ihre Kontrollanrufe macht.

Bart findet im Laufe der Geschichte zu sich und das macht diesen Roman so interessant. Anneke Scholtens beschreibt die Figuren und insbesondere Bart sympathisch, sehr detailgetreu, einfühlsam. Sie beschreibt die Ängste der Menschen und die Tabus, die es in unserer Gesellschaft gibt: über Gefühle zu sprechen, über das Anderssein, über das Verhalten, das nicht der Norm entspricht. Roos, die quirlige Frau an Barts Seite, die sich mit Tim verbündet, spielt eine große Rolle dabei.

„Abel“ ist ein sehr lesenswertes Buch, das mich sehr an ein anderes sehr empfehlenswertes Buch aus Holland erinnert. Ted van Lieshoot schrieb vor einigen Jahren einen Roman namens „Bruder“, in dem es um zwei Brüder ging. Der eine bringt sich um und der andere liest nach dessen Tod das Tagebuch und macht sich auf eine Reise in die Gedanken und Gefühle des Bruders. Dieses Buch erschien 1998 im Middelhauve Verlag in München und umfasste 173 Seiten. Es ist sicherlich noch genauso im Fachhandel erhältlich wie „Abel“ von Anneke Scholtens, das 2007 im Männerschwarm-Verlag gebunden herausgegeben wurde, 140 Seiten umfasst und siebzehn Euro kostet. Geld, das sich lohnt, denn dies ist ein Buch, das man mit an den Main nehmen und in einem Rutsch lesen kann.

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Tokio, Lindenstrasse – »I want to fuck you« von Peter-Paul Hartnett

 

Die Hauptfiguren dieses Buches sind der Abiturient Akio, der seine Schönheit in einem Bordell alten Männern verkauft, ja geradezu „opfert“, der sich dafür in verschiedene Rollen begibt und seine Attraktivität in den Dienst des Klischees eines Strichers stellt; Takeo, ein Junge, der darauf hin arbeitet, endlich seinen ersten Orgasmus zu haben, und dabei ständig an seinen Sportlehrer Handa denkt; Handa wiederum benötigt seine gesamten Kräfte dazu, nicht in die Situation zu kommen, seine zwölfjährigen Schüler zu verführen, und daher auch die Dienste von Akio braucht; Liam, ein Model aus London, das mit seinem Kollegen, einem windigen Amerikaner, in einer Wohnung lebt und die oberflächliche Welt der Laufstege kennen lernt; ebenso ein übergewichtiges pubertierendes Mädchen, das Sex auf der Straße sucht; ein älterer Schwuler, der Takeo von seinem Fenster aus beobachtet; eine gelangweilte Hausfrau mit ihrem kleinen Kätzchen; und letztendlich ein weiterer homosexueller Junge, der sich wegen seiner sexuellen Orientierung umbringt, während seine Eltern im Urlaub sind. Die Wege dieser Figuren kreuzen sich hinter der Fassade eines Wohnblocks.

Der bereits im Jahre 1992 erschienene Roman bekam einen neuen Namen, während er anfangs und auch im Original „I want to fuck you“ heißt, trägt er nun den Namen „Tokio, Lindenstraße“. Beide Titel sind irreführend. Weder eine Art Else Kling taucht auf, noch kann man von einem besonderen politischen Anspruch reden, den die Serie sicherlich vorweisen kann. Der Autor vermag es nicht gerade, sehr viel Tiefgang in diesen Roman zu bringen. Allerdings leistet er mehr als einen pornografischen Roman abzuliefern, was der ursprüngliche Titel nahe legt.

Das Buch ist an vielen Stellen sehr deprimierend. Vielleicht ist die Welt ja auch häufig so, aber man wünscht sich doch gelegentlich ein wenig mehr Glück, Lebensfreude, gute Laune, Seele. Der Inhalt erinnert manchmal ein wenig an Bücher von Sybille Berg, allerdings ohne deren Tiefe zu besitzen. Viel zu oft bleibt das Geschriebene an der Oberfläche. Die Figuren leiden alle, vor allem der Junge, der sich selbst umbringt. Allerdings erfährt man gerade von dieser Figur sehr wenig – dieser Handlungsstrang mutet an, als diente er lediglich dazu, noch mehr Niederdrückendes in den Roman zu packen. Die Ehe der Frau ist langweilig, sie fühlt sich gelangweilt. Auch der junge Abiturient Akio stirbt vor Langeweile, hat überhaupt keinen Tiefgang und feiert regelrecht seine Oberflächlichkeit und seine nicht gerade beneidenswerte Fähigkeit, in sexueller Hinsicht jegliche Wünsche befriedigen zu können. Warum der Autor überproportional viele Homosexuelle für seine Handlung braucht, bleibt sein Geheimnis. Vermutlich um in diese leidige Sparte: Schwulenliteratur zu gelangen. Eine Sparte übrigens, die es genauso wenig geben sollte wie so genannte Frauen-Bücher.

Für manch Einen wird das Buch sicherlich erotische Situationen bereithalten – all jenen viel Spaß dabei. Etwas Anspruchsvolles ist hier nicht zu erwarten, Pornografie pur ist es wie gesagt allerdings auch nicht, eher ein Porträt der Talk-Show-Generation: viel Geschwätz, Sex als alles beherrschendes Thema, Depression und fehlender Tiefgang.

Der Roman „Tokio, Lindenstrasse – »I want to fuck you« – Blick hinter der Fassade eines Wohnblocks in Japan“ von Peter-Paul Hartnett ist 2007 im Männerschwarm Verlag erschienen, umfasst 280 Seiten und ist in einer Taschenbuch-Ausgabe für zwölf Euro neunzig im Fachhandel erhältlich.

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Der Garten der toten Bäume von Jossi Avni

 

„Diese Stille – weißes Todesraunen fallenden Schnees. Es gibt keine schönere Musik als das Pochen der weichen Berührung dieser dicht gesponnenen Tropfen, die die feuchte, nächtliche Erde kosen. Mach mir die kleine Katze, flüstere ich ins Kissen, und ich höre Andreas´ genießerische Zunge miauend an meinem Ohrläppchen und meinem Hals lecken. Ich stöhne, genüsslich an die Wand gepresst, und Andreas kichert mir das Kichern der bösen Hexe zu, das mich immer zum Lachen bringt, und bedeckt mich mit seinen Küssen.“

Rasch wird deutlich, worum es in diesem Roman in fünfzehn Episoden geht: um eine stilistisch schöne Sprache, um Bilder, die sich jeder gut vorstellen kann, um Sehnsucht, um die Liebe, die jeder sich erhofft. Doch selten ist sie zu sehen wie hier, in ihrer genussvollen Variante. In allen Geschichten steht eine Figur im Mittelpunkt, die sich unglücklich in jemanden verliebt – teilweise genießt sie kurze Zeit das Glück in der Zweisamkeit, um dann abermals verlassen zu werden. Teilweise allerdings wird die zerstörerische Sehnsucht nicht gestillt. Im Ersten Teil des Romans taucht hin und wieder Jossi auf, der sich unsterblich in einen jungen Mann verliebt, der in einem Kibbuz arbeitet. Es ist ein ständiges Hin und Her. Zunächst kann der Angebetete nicht damit aufhören, sich im Park oder sonst wo mit Zufallsbekanntschaften herumzutreiben, dann tut er sich mit einer Frau zusammen, um sie später zu heiraten und Kinder zu kriegen. Doch insgeheim lässt ihn die Liebe zu Männern und insbesondere zu Jossi nicht los. Dies geht vielen Figuren so: sie sehnen sich nach Menschen, die unerreichbar sind, egal ob es mit Konventionen, mit dem eigenen Status oder eigenen Moralvorstellungen zu tun hat. Dies ist übrigens auch die Verbindung zum zweiten Teil, bei dem man sich in den ersten drei Kapiteln fragt, was dieser mit dem ersten Teil zu tun hat.

Der Park Tel Avivs, in dem gecruised wird, gibt dem Buch den Titel:

„Viele einsame, durstige Menschen treiben sich dort wie blinde Falter zwischen den Bäumen herum. Wie oft habe ich mir geschworen, dass ich auch in den schwersten Augenblicken nicht mehr an diesen fürchterlichen Ort gehen werde, aber Wahnsinn und Lust haben mich besiegt. Ich laufe dort mit all diesen Menschen zwischen den toten Bäumen herum, die Sonnenbrille habe ich trotz der Dunkelheit auf. Dies ist ein Garten, in dem nichts wächst und gedeiht; es ist der Garten der toten Bäume.“

In schonungsloser Offenheit beschreibt er die kleinen Niederlagen, die Selbstbetrügereien, die Scham, das schlechte Gewissen, die kurzfristige Befriedigung, die bald nachlässt und noch trauriger macht. Der Melancholiker, so sagten bereits die alten Griechen, ist wollüstig. Doch er merkt bald, dass nach der schnellen Befriedigung eine noch größere Leere entsteht.

„Fremde, die sich aus der großen Stadt auf die stillen und bösen Wege des Parks flüchten, um zu finden. Um was zu finden? Sie wandern zwischen den Bäumen umher, suchen, fragen: ‘Verzeihung, wie spät ist es?’, prüfen den Körperbau im Licht einer Laterne, ziehen sich zurück, sie senken ihre Stimme und flüstern ‘Willst du?’ Sie räuspern sich, und von der Stille beschämt lassen sie sich wieder von der Dunkelheit verschlucken, oder sie flüchten zitternd vor Erwartung an den Fuß der Mauer oder zu den Kalknischen, die zum Strand blicken, lassen die Hose herunter, nach Haut und Fleisch verlangt es sie, und hinterher sagen sie: Okay, man sieht sich‘’, kehren um und suchen und finden nicht.“

Nein, seine Episoden sind selten positiv, selten hat man was zum Lachen. Da ist Jossis Mutter traurig, weil er nicht heiraten möchte. Da ist der junge Soldat, den er auf der Straße kennenlernt, der sehr sexy ist, und von dem er vermutet, dass der ihn nur ausrauben wollte und zwar eine wertvolle Statue aus Jossis Zimmer entwendet hat, deren fehlen er nach dessen Besuch bemerkt. Da ist der Professor, der in seinen Studenten vernarrt ist, ihm tausend Briefe schreibt, auf ein Zeichen wartet. Da ist der Arzt, der homosexuell ist, seit Jahren mit einer Frau verheiratet, eine Tochter hat. Und der plötzlich von einem jungen Mann verfolgt wird und seine alten Sehnsüchte aufkommen sieht. Doch die Geschichten haben manchmal kuriose Wendungen, die dann doch das eine oder andere Mal ein Schmunzeln hervorlocken.

Nein, ich möchte nicht den Eindruck erwecken, dass man dieses Buch nicht lesen dürfe, im Gegenteil: zu schön ist die Sprache:

„Und dann sprangen plötzlich vom Meer ein paar weiche Wolken herbei und wickelten sich um den Rand des Himmels. Das stechende, gnadenlose Licht erbarmte sich, fühlte sich angesichts dieses Anblicks beschämt und wurde dunkler, und eine gespannte Erwartung war in der Luft, als könnte jeden Augenblick ein wohltuender Regen niedergehen.“

Und der Inhalt ist zu wahr:

„Allein wie immer lief ich durch die dunklen Straßen, und dieses Etwas kicherte boshaft in mir, bis ich eine süße Gelassenheit spürte, seit langem vertraut, die Gelassenheit der Einsamen. Allein lief ich durch die Straßen dieser Stadt, in der kein Wind weht, um ihren nächtlichen Durst zu mildern…“

Es tut, was ein gutes Buch tun soll: das innere Eismeer zerteilen. Ja, das kann es. Aber am Ende möchte ich auch ein Schmankerl bringen, denn manchmal lädt das Buch auch zum Träumen und Phantasieren ein, zum Beispiel, wenn es im Internat spielt, in der Kindheit von Jossi.

„Siko ließ den Kopf auf die Stuhllehne zurückfallen (der Ventilator blies lange Locken aus seiner Stirn), fing meine Finger und näherte sie seinem Kopf. Ich strich mit den Fingern durch sein dichtes Haar, griff mit der Hand diese weichen Strähnen, und Siko wand sich voller Genuss. Er schaute unruhig zu den Fenstern der Klasse, ich flüsterte ihm zu: ‘Niemand sieht uns.’ Dann  ließ er seine Hose herunter, spuckte in meine Hand und befahl mir mit heiserer Stimme: ‘Hör nicht mit den Haaren auf!’ und nach einer oder zwei Sekunden seufzte er auf, heftete einen gequälten, von reue zerfressenen Blick auf seine Handfläche. Ich stellte alles an seinen Platz zurück und versprach ihm, dass ich nie, niemals irgend jemandem etwas erzählen würde.“

Im Übrigen macht er das gleiche bei all seinen engen Freunden, Gilad denkt dabei an eine Frau namens Aviva und Tomer mit dem großen Glied verwöhnt er in der dunklen Dusche. Nach Jahren trifft er sie wieder. Gilad sagt: Wie schön es damals war! Und Jossi lernt am Ende den schwulen Bruder von Gilad kennen.

Der Roman „Der Garten der toten Bäume“ von Jossi Avni ist 2006 neu als Taschenbuchausgabe im Männerschwarm Verlag erschienen, umfasst 200 Seiten und ist für 10 Euro im Fachhandel erhältlich.

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