Der Abgrund von Fernando Vallejo

 

„Als sie ihm die Tür öffneten, trat er grußlos ein, ging die Treppe hinauf, durchquerte den ersten Stock, gelangte ins hintere Zimmer, sank aufs Bett und fiel ins Koma. Dergestalt von sich selbst befreit, keinen Schritt vor dem Abgrund des Todes, den er wenig später hinabstürzen würde, verbrachte er die, wie ich glaube, einzigen friedvollen Tage seit seiner fernen Kindheit.“

So beginnt der in die Sprache verliebte Ich-Erzähler diesen gleichermaßen amüsanten wie bedrückenden Roman über das Sterben. Der Plot lässt sich leicht zusammenfassen: Der Erzähler kehrt zurück nach Hause, also nach Medellin, Kolumbien, um seinen nächst jüngeren Bruder,  auf dessen letztem Weg zu begleiten. In einem Bewusstseinsstrom berichtet er nebenbei über seine Kindheit und Jugend, seine 25köpfige Familie. Er berichtet von der Sterbehilfe an seinem Vater, schimpft über seine wahnsinnige Mutter, die jedes Jahr ein Kind gebar und sich ansonsten von ihrem Mann und ihren Kindern bedienen ließ. Er ärgert sich über seine jüngeren Geschwister, insbesondere dem jüngsten, den er „der große Sack“ nennt, einem debilen Muskelprotz. Er lästert auch über sein Heimatland Kolumbien und noch öfter über den Papst. Bei seiner Kritik ist er rigoros und schreckt vor nichts zurück:

„Ich verabscheue Samba. Samba ist das Schäbigste, was die Erde hervorgebracht hat, einmal abgesehen von Wojtyla, dem Pfaffenpapst, diesem Geschmeiß, dem weißen schlüpfrigen fiesen Wurm mit seinen Schleichwegen. Hach, die weißen Schühchen, weißen Strümpfchen, das weiße Regenkäppi, weiße Soli Dechen! Ist dir das nicht peinlich, du alte Schwuchtel, die ganze Zeit als Transe rumzulaufen, als wärst du unterwegs zu einer Schwulenparade?“

Ihm ist nichts heilig, auch Gott nicht:

„Wie viele Flugzeuge ziehen wohl gerade durch den Himmel, dachte ich. Und wie viele Menschen und Tiere wurden eben jetzt geboren. Oder starben. Und wozu das alles? Wozu die Plackerei, wie Großmutter gesagt hätte? Um den Plan Gottes zu erfüllen? Ja, Großmutter, um den Plan des Monsters zu erfüllen.“

Aus ihm spricht die Verzweiflung, er sieht keinen Sinn im menschlichen Tun. Alles erscheint ihm negativ:

„Draußen machte das Radio des Leichenwagens ein Brimborium um die neuesten Nachrichten: Gavarita habe verkündet, Samperita erlassen, Pastranita gedroht. Papi wurde mit Scheiße verabschiedet. Nichts zu machen, zwischen Scheiße werden wir geboren, leben und enden wir.“

Es sterben nur die Falschen, aber niemals die Richtigen, wie etwa der Papst oder seine grässliche Mutter:

„Solange Papi in seinem Zimmer im Sterben lag, lümmelte die Wahnsinnige in einem Ruhesessel in der Bibliothek vor dem Fernseher und sah Serien. Zählt man die fünf Jahre Verlobungszeit mit, lebten die beiden seit sechzig Jahren zusammen, von denen mein Vater mindestens während der letzten zwanzig Jahre ihr Dienstmädchen gewesen war: Nicht ein Glas brachte ihm Doňa Wahnwitz während dieses nicht enden wollenden Monats, in dem ich ihn sterben sah.“

Der Erzähler ist das älteste der 23 Kinder dieser Familie und musste dementsprechend die kleineren Geschwister erziehen. Sein ein Jahr jüngerer Bruder Dario liegt nun im Sterben, er hat Aids, und es beginnt das letzte Stadium. Er isst nichts mehr – weil er auch das Kiffen aufgehört hat, das ihm wenigstens ein paar Fressattacken beschert hatte. Er hat überall Flecken und sämtliche Krankheiten, die einen befallen, wenn das Immunsystem am Ende ist. Der Ältere, Chemiker von Beruf, versucht ihm die letzte Zeit so angenehm wie möglich zu machen. Gegen den Durchfall gibt er ihm z.B. ein Mittel, das normalerweise bei Verdauungsproblemen von Kühen genommen wird. Gemeinsam erinnern sie sich an die vergangenen Jahre. Zueinander gefunden haben sie erst, als sie irgendwann entdeckten, dass sie beide schwul sind. Der Ältere schenkte Dario den ersten Knaben.

„Du erinnerst dich doch an den Studebaker, Dario, an den Neid von ganz Medellin? „Das fahrende Bett“ nannten sie den, und diese abgehalfterte Stadt, in der nur die Reichen ein Auto besaßen, spuckte Gift und Galle. „Schwule Bande!“ brüllten sie, wenn wir in unserem wunderbaren, mit Knaben gefüllten Gefährt vorbeirollten.“

Die beiden sind sehr unterschiedlich. Der Erzähler, der seine Sprache liebt und sich an verbalen Kleinoden erfreut…

„Der Cauca! Der Magdalena! Tosende Flüsse des Zorns, die eine reine Seele hatten und sich Respekt zu verschaffen wussten. Nicht wie diese tuntigen Bächlein von heute mit der Seele eines Kanalrohrs.“

…der alles so schwarz sieht und so wütend ist:

„Das Leben ist ein einziges Aids. Sehen Sie sich die Alten doch an: schwach, abgemagert, immungeschwächt, mit Flecken am ganzen Körper und Haaren in den Ohren, die länger und länger werden, während ihnen der Pimmel wegschrumpft. Wenn das kein Aids ist, weiß ich nicht.“

…und sein Bruder Dario:

„„Leb, Dario. Rauch, trink, f…, das Leben ist kurz. Das Leben ist dazu da, im Hier und Jetzt verschwendet zu werden, hat Horaz gesagt, hat Ovid gesagt, sage ich.““

Dario, der Verantwortungslose:

„Im Übrigen, wäre ich der Aids-Kranke gewesen und er gesund, ich schwöre bei Gott, der mich hört, Dario hätte mich mit einem Tritt in den Arsch auf die Straße gesetzt. So war er, mein Bruder, auf seine Verantwortungslosigkeit war Verlass.“

Dario, der sein ganzes Leben gesoffen, gef…, gekokst und was auch immer hat, der nie ein Quäntchen Willensstärke zeigte und immer süchtig war.

Dies ist ein Roman für nachdenkliche Menschen, aber auch für jene, die feinen und manchmal auch sehr derben Humor und Gesellschaftskritik mögen.

„„Nichts, Großmutter, tagein, tagaus dasselbe: Tote, Tote, Tote. Eben haben sie bei mir im Bus, in dem nach Laureles, viermal auf einen Herrn eingestochen. Wer hier lebt, muss auf alles gefasst sein, umso mehr, wenn´ s ihm gutgeht und er lacht. In diesem Land ist jedes Lebenszeichen eins zu viel.““

Der Roman „Der Abgrund“ von Fernando Vallejo ist 2002 im Suhrkamp Verlag erschienen, umfasst 191 Seiten und ist für ca. 20 Euro als gebundene Ausgabe im Fachhandel erhältlich.

Veröffentlicht in Buch

Einen Augenblick alleine von Philippe Besson

 

Ich habe die genaue, physische Erinnerung an eine Befreiung. Es war, es würde man ein Gewicht ablegen, als wäre Schluss mit dem, was nicht hätte sein dürfen, als bekäme man Gelegenheit, endlich sein Schicksal zu beherrschen. Man behauptet, es gäbe Menschen, die lange brauchten, um das zu werden, was sie sind. Ich gehöre zu ihnen.

So charakterisiert sich Tom Scheppard, der Held dieses Buches von Philippe Besson, der wieder nach Falmouth, einer Hafenstadt in Cornwall, in die sich nur wenig Touristen verirren, zurückkehrt. Aber das erste Mal in seinem Leben fort von seiner Geburtsstadt, denn er musste mehrere Jahre im Gefängnis verbringen. Nun läuft er auf der Hauptstraße des Fischerdorfes entlang und fühlt sich genauso eingesperrt wie die Jahre davor. Er ist ein Aussätziger, ein Kindermörder. Niemand spricht mit ihm. Er kehrt in sein leeres Haus zurück, in seinem Leben scheint es niemanden mehr zu geben. Im ersten Kapitel führt er einen Monolog mit sich selbst. Im zweiten Kapitel hat er die Möglichkeit, mit dem pakistanischen Ladenbesitzer Rajiv zu sprechen, sich alles von der Leber zu reden. Im dritten Kapitel nähert sich ihm Betty, die junge Mutter, die im Kiosk arbeitet.

Dies ist bereits der sechste Roman von Philippe Besson, der auf Deutsch erscheint. Er schreibt von den Außenseitern der Gesellschaft. In diesem Fall von Tom, der seit seiner Kindheit sein Bein hinterherzieht, weil er einen unglücklichen Unfall hat, Rajiv, der aus London flüchtet und sich nun quasi in Cornwall versteckt, und die junge Mutter Betty, die, weil sie einen unehelichen Sohn hat, von den Einheimischen geschnitten wird.

Betty hat eine andere Formulierung: „Wir sind die Davongekommenen. Weil es ihnen nicht gelungen ist, uns zu versenken.“

An einem Tag, an dem es sehr stürmte, und Unwetterwarnungen gemeldet wurden, fährt Tom mit seinem kleinen Sohn aufs Meer hinaus. Der Junge ist vergnügt, spielt glücklich, doch plötzlich passiert das Unerhörte.

Als er seine Rettungsweste geöffnet hat, habe ich dem keine besondere Beachtung geschenkt. Und als er vom eisigen Regen und der Gischt der Wellen, in denen wir trieben, weggefegt wurde und auf den feuchten Blanken ausrutschte, war ich nicht überrascht. Ich habe mir nur gesagt: das musste passieren. Ich habe mich an mein eigenes Ausrutschen auf dem Pflaster im Hafen, fast im selben Alter, erinnert. Ich habe gedacht: es wäre zu dumm, wenn er sich das gleiche Handikap zuzöge wie ich, wenn er das Bein nachschleppen würde. Und im selben Impuls hat mich  dieser Gedanke verführt. Mit dieser Behinderung wäre er vielleicht endlich mein Sohn gewesen. Durch das Handikap wäre ich womöglich zu seinem Vater geworden. Entsteh t eine Verwandtschaftsbeziehung durch eine gleiche Versehrtheit? Man hätte ihn während der Pausen auf dem Schulhof ausgelacht. Eine Marianne wäre ihm zu Hilfe gekommen. Er hätte ein schlechtes Leben gehabt.

Plötzlich überfällt Tom Panik: er kann doch nicht mit dem Kind als Leiche wieder in den Hafen zurückkehren. In einem Impuls schmeißt er seinen Sohn ins Wasser. Die Menschen glauben nicht an einen Unfall. Er muss ihn wohl umgebracht haben. Schließlich sei Tom sowieso merkwürdig, ein Außenseiter, ein Freak. So sagt auch Rajiv zu ihm, dass er der ideale Schuldige gewesen sei, denn die Menschen sehen nur Schwarz und Weiß, und Tom stehe ganz eindeutig auf der schwarzen Seite, die des Bösen. Auch seine Frau Marianne glaubt ihm kein Wort, Marianne, die ihn seit seiner Kindheit kannte, die ihn so nahm, wie er war, die ihn liebte. Eine Zeit lang.

Betty möchte eine Beziehung mit ihm beginnen, sie kann ihm unvoreingenommen gegenübertreten. Sie verliebt sich mit ihm. Sie reden miteinander, Tom erzählt ihr alles. Doch er kann sie nicht glücklich machen, ihre Avancen nicht erwidern. Er hat die Fähigkeit verloren, für Frauen Interesse aufzubringen, sagt er. Er erzählt ihr lieber von seinen Erfahrungen im Gefängnis. Und von Luke, seinem Zellengenossen.

Wieso ist Tom zurückgekehrt? Worauf wartet er?

Auf Luke, der tatsächlich nach Falmouth kommt, und nun mit Tom zusammenlebt. Langsam hatten sie sich im Gefängnis angenähert, eine Beziehung aufgebaut. Sich lieben gelernt. So wie sich zwei lieben, die sich verstehen, ohne Worte, ohne große Gesten.

Besson gelingt es in einer sehr unprätentiösen, gefühlvollen Sprache, ein Psychogramm von Menschen zu zeichnen, die von der Gesellschaft zu Außenseitern gemacht werden. Er möchte kein Mitleid für seine Figuren erheischen, er möchte nicht auf die Tränendrüse drücken. Er versucht die Gedanken- und Gefühlswelten seiner Heldinnen und Helden zu verstehen und ohne Wertung zu beschreiben. Dabei gelingen ihm gelegentlich ganz weise Formulierungen, die den Leser zum Nachdenken animieren.

Dieser Roman ist unbedingt zu empfehlen, ein sehr lesenswertes, wertvolles Buch von einem Literaten, der auch in Deutschland eine immer größere Fangemeinde aufgebaut hat.

Der Roman „Einen Augenblick alleine“ von Philippe Besson umfasst 178 Seiten, ist im DTV Verlag im Jahre 2008 erschienen und für 12,90 Euro im Fachhandel erhältlich.

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Alles wahr von Boris von Brauchitsch

 

In diesem Roman beginnt alles mit einem geschickt inszenierten Kunstraub. Ein dreister Betrüger haut fünf Galeristen übers Ohr, die allesamt bei der gleichen Versicherung namens Concil Klienten sind. Concil wiederum möchte verhindern, dass die Versicherungssummen bezahlt werden und beauftragt Robert Landau damit, Nachforschungen anzustellen. Gleichzeitig lässt er sich allerdings auch auf einen Extra-Deal mit seinem ehemaligen Kommilitonen Reinhold Berentz über zehn Tausend Euro ein, der ein Geschädigter ist und ein besonderes Interesse daran hat, den Betrüger aufzufinden. Robert Landau verfolgt Spuren in Venedig und Bangkok, fährt wieder zurück nach Frankfurt, um erneut in Venedig zu ermitteln. Er stellt fest, dass dies ein Ort aus seiner Vergangenheit ist und lernt seinen leiblichen Vater kennen, der eine wichtige Rolle in der Geschichte spielt. Außerdem trifft  er in Bangkok auf einen jungen Mann namens Phil, der in ab diesem Zeitpunkt nicht mehr von der Seite weicht. Jeder Tag bringt neue Verstrickungen. Roberts Leben wird immer mehr der Ort von Täuschungen, Selbstzweifeln und verworrenen Gedanken.

Boris von Brauchitsch wurde 1963 in Aachen geboren, studierte Kunstgeschichte, lebt in Berlin und Ingenio (Gran Canaria) und arbeitet als Fotograf und Autor, überwiegend im Bereich der Kunst- und Fotografiegeschichte. Ihm ist mit diesem Werk ein Debüt-Roman gelungen, der in dieser Szene seinesgleichen sucht. Ab dem ersten Satz kann er mit seinem ironisch-klugen Tonfall den Leser auf seine Seite ziehen und lässt ihn mit seinem „Anti“-Helden mitfühlen und mitdenken.

Muss man Romane in einzelne Sparten kategorisieren? Ist dies ein Kriminalroman? Ist es ein Roman über Kunst und Kunstgeschichte? Ist es nicht vielleicht eine Geschichte über eine Selbstfindung? Worum geht es in diesem Werk?

Das Hauptmotiv dieses Werkes scheint der Unterschied zwischen Fälschung und Wahrheit zu sein. Dies passiert auf verschiedenen Ebenen. In mehr oder weniger kunstwissenschaftlichen und fast philosophischen Gedankengängen wird die Frage aufgeworfen, ob Kunst nicht per se eine Fälschung ist und ob nicht Fälschungen von Kunstwerken genauso Kunst sind. Auf einer anderen Ebene geht es um diesen Kunstraub, in dem nicht klar ist, wer wen betrügt und auf welche Weise, wer davon profitiert und wer nicht. Aber auch im Leben Roberts ist dies ein Motiv, das eine ungeheure Tragweite hat, stellt er doch fest, dass seine Mutter ihn jahrelang belogen hat. Erst in Venedig werden Erinnerungen wach und er beginnt, sich selbst mit neuen Augen zu sehen. Robert Landau ist ein Erzähler und am Ende stellt sich gar die Frage, ob er tatsächlich der Mittelpunkt der Geschichte ist, ob die Geschichte, die er erzählt wahr ist. Was ist denn Wahrheit? Phil, seine neue Bekanntschaft, schreibt ein ausführliches Tagebuch. Dies inspiriert Robert Landau seine Geschichte zu erzählen. Oder doch nicht?

In Murakamis Roman „Der Aufziehvogel“ sitzt der Held in einem Brunnen und denkt über sein Leben nach, stundenlang. Oder er schaut sich tage-, ja wochenlang Menschen in der City an und wartet auf eine Inspiration. In vielen Krimis gibt es Ermittler, die eher als Anti-Helden genannt werden können, die dann per Zufall oder mit beherzter Intuition ihre Fälle lösen. Die beiden Klischees vereint Brauchitsch hier in seinem Robert Landau, mit dem man mitfiebert und mit dem man sich in seinem Gefühls- und Gedankenlabyrinth verirrt.

Der Roman „Alles wahr“ von Boris von Brauchitsch ist beim Männerschwarm-Verlag erschienen, umfasst 255 Seiten und ist für siebzehn Euro im Fachhandel erhältlich.

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Ziffer und die Seinen von Benny Ziffer

 

Selten gerät man an schwule Literatur mit viel Gehalt. Gelegentlich aber doch. Ich erinnere mich an Jossi Avnis „Garten der toten Bäume“ und Christopher Isherwoods Werke. Wieso ich gerade die nenne? Weil Benny Ziffer in seinem Buch ZIFFER UND DIE SEINEN sich auf einen Park der toten Bäume bezieht – und damit genau den gleichen Park wie Jossi Avni meint. Und weil sein Roman eine große Referenz auf Christopher Isherwoods „Christopher und die Seinen“ ist.

Wer ist dieser Benny Ziffer? Er ist 1953 als Sohn türkischer Einwanderer in Tel Aviv Zur Welt gekommen. Er arbeitet als Journalist, Schriftsteller und Übersetzer. Seit 1987 ist er der Literaturchef der Zeitung Haaretz. Aufmerksam machte er auf sich durch seine wöchentliche Kolumne in dieser Zeitung, in der er die Beeinflussung des Fernsehens auf den israelischen Alltag beleuchtet. Ziffer schrieb drei Romane, die sich mit dem homosexuellen Leben und dem Alltag jüdisch-türkischer Einwanderer in Israel beschäftigen und für heftige Kontroversen sorgten. Sein Buch ZIFFER UND DIE SEINEN war dabei sein größter Erfolg und sorgte auch in Deutschland für Schlagzeilen in den Feuilletons.

Ziffer und Jo leben als schwules Paar in Tel Aviv. Sie erzählen abwechselnd aus ihrem Leben, das geprägt ist von Raketeneinschlägen, von anstrengenden Besuchen Ziffers Eltern und Nazi-Alpträumen. Jo regt sich über den Affen Ziffer auf, und dessen viele Unsitten, wie zum Beispiel neben das Klo zu pinkeln, während sich Ziffer über das tuntige Gehabe seines Partners ärgert. Letzten Endes flüchten sie nach Berlin, der Stadt Magnus Hirschfelds, der eine bedeutende Rolle in diesem Roman einnimmt.

Churi ist der vorrangige Grund, warum Ziffer und Jo nach Berlin ziehen. Doch was ist Churi? Es wird von Jo auf der Straße aufgegabelt und in das angeschlagene Zusammenleben des Paares integriert. Ist Churi ein Mensch, wie es naheliegt, wenn er Jo 300 Dollar mit angesetztem Messer abzockt, um seiner Familie beizustehen? Oder ist Churi ein Hund, wie es scheint, wenn er an die Leine genommen wird und nur noch bellt und ganz wild ist? Bis zum Schluss wird das nicht ganz offen. Aber wir lernen schnell: Araber werden als Hunde bezeichnet und sexuell ausgenutzt, Israel ist eine machistische, homophobe Gesellschaft, in welcher Schwule nicht nur in der Armee nicht zu lachen haben.

Diese homophobe israelische Gesellschaft wird uns noch oft begegnen. Doch was bewegt den Autoren dazu, diesen Roman genauso zu schreiben, wie er es tut? Das muss sich jeder Leser selbst fragen. Denn Fakt ist, dass dieser Roman nur autobiografisch erscheint. Er ist es nicht. Er ist rein fiktiv geschrieben. Benny Ziffer selbst lebt ganz anders.

Denn heute habe ich keinen Zweifel mehr, dass Judentum und Homosexualität zwei einander gegenläufige Triebe sind, beide gleich stark angelegt, die sich unmöglich miteinander vereinbaren lassen.

Das schreibt Ziffer als Aktivist in diesem Roman an den Polizeipräsidenten.

Wenn es nur gelänge, die natürliche Homosexualität der Araber mit dem subtilen Großstädtertum der jüdischen Bewohner Tel Avivs zu paaren, wäre es möglich, hier eine Rasse von Homosexuellen par excellence zu schaffen, eine schöne und gesunde Rasse, die auf der Welt nicht ihresgleichen hätte.

Diese Worte legt Ziffer im Roman Magnus Hirschfeld in den Mund. Aber auch da ist Vorsicht geboten. Viele Texte in dem Roman, die der berühmte Sexualforscher angeblich geschrieben haben soll, sind ebenso rein fiktiv.

Ziffer hat hier eine Welt erschaffen, die spannend ist, irrwitzig manchmal auch. Immer amüsant und ironisch. Er hat mehrere Ebenen intelligent miteinander verwoben und lässt den Leser immer zweifeln und überlegen, was wohl Realität ist und was Fiktion. Viele Episoden lassen sich nur nach Recherche klarer fassen. Den einen wird es stören, den anderen erfreuen. Es ist eben kein Buch zum Runterlesen, sondern eines, mit dem man sich näher beschäftigen muss. Doch die Lektüre lohnt sich auf jeden Fall.

ZIFFER UND DIE SEINEN des Autoren Benny Ziffer ist 2009 im Männerschwarm Verlag als Hardcover erschienen. Es umfasst 192 Seiten und ist für 18 Euro im Fachhandel erhältlich.

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