Der Einzelgänger von Christopher Isherwood

 

Der Autor Christopher Isherwood wurde 1904 in Cheshire, England, geboren, lebte Anfang der Dreißiger Jahre in Berlin, was er im Buch „Leb wohl, Berlin“ verarbeitete und womit er in der Bühnenfassung namens „Cabaret“ Weltruhm erlangte. Ab 1934 reiste er durch mehrere Länder Europas, später auch nach China, bis er dann 1939 in die Vereinigten Staaten auswanderte. Isherwood, der zur jungen englischen Literatur-Elite der Dreißiger Jahre gehörte, erinnert mit seinem Stil an die „Neue Sachlichkeit“, zu deren bekanntesten Vertretern Bert Brecht, Erich Kästner, Alfred Döblin, Arnold Zweig und Heinrich Mann zählten. Er eröffnete mit seiner Sichtweise ein neues Kapitel der Geschichte der Literatur. Er schreibt darüber in „Leb wohl, Berlin“: „Ich bin eine Kamera mit offenem Verschluss, ganz passiv, ich registriere, ich denke nicht.“

In diesem Roman beschreibt der Autor einen Tag im Leben des achtundfünfzigjährigen Einzelgängers George, der ein „fürchterlicher“ Misanthrop ist. George ist Literaturprofessor in einer amerikanischen Universität und lebt nach dem Tod seines langjährigen Beziehungspartners Jim alleine und einsam in dem gemeinsamen Haus. Obwohl er Kontakte zur Außenwelt hat, lebt er trotzdem merkwürdig isoliert von den übrigen Menschen, die sich weigern, sich mit seiner Homosexualität auseinanderzusetzen. Dies bestimmt auch seine Überlegenheit, denn er weiß mehr über sie als sie über ihn. Dieser Unterschied beschreibt seine Position. Er bleibt ein Außenseiter, ein Einzelgänger. Er spielt an diesem Tag verschiedene Rollen: in der Universität bei einer Vorlesung, beim Essen mit seinen Kollegen, beim Plausch mit einem seiner Studenten, im Fitness-Studio, bei seiner alten Freundin Charlotte…

In wenigen Wochen werde ich nicht mehr viel von der Handlung dieses Romans wissen, aber das macht nichts, darauf kommt es beim Lesen nicht an. In Büchern soll man Erfahrungen, die man gemacht hat, wieder erkennen, die Szenen aus der gegenwärtigen Lektüre mit welchen aus Filmen, aus anderen Büchern, aus dem eigenen Leben vergleichen. Es geht um die Erinnerung, um die Emotion, um das Reifen. So liest man Romane mit mehr innerer Beteiligung, wenn man ständig auf Szenen trifft, die man aus dem eigenen Erfahrungshorizont kennt. Vielleicht begreift der Leser dann, vielleicht weint er, vielleicht ist er zornig, vielleicht deprimiert. Wenn ein Buch es geschafft hat, das innere Eismeer zu durchbrechen, hat es sein Ziel erreicht.

„Der Einzelgänger“ hat dies bei mir geschafft. Wie in der Szene im Supermarkt: Der Protagonist geht einkaufen und sieht die vielen Produkte, die ihm verheißungsvoll entgegenblicken, die sagen: Nimm mich mit! und die guten Appetit versprechen, und denkt dann:

„Kaum bist du in deinem leeren Zimmer, findest du schnell heraus, dass dich die trügerische Elfe Werbung geschickt hintergangen hat. Was übrig bleibt, sind Kartons, Zellophan und Kalorien. Und dir vergeht jeder Appetit. Dieser freundliche Ort ist eigentlich gar keine Zufluchtsstätte. Im Hinterhalt all der Flaschen, Kartons und Dosen lauern erschreckend lebendige Erinnerungen an Mahlzeiten, die eingekauft, zubereitet und verspeist wurden, zusammen mit Jim. Und sie stechen auf George, während er seine Einkaufswagen vor sich herschiebt. Wer nie sein Brot alleine aß…“

Spätestens jetzt weiß der Leser, in dem Fall ich, dass es absolut normal ist; dass viele Menschen dieses Gefühl kennen: im Lidl zu stehen und verzweifelt und deprimiert die Orangensaft-Packung anzuschauen, die ich einstmals mit meinem Ex-Freund gekauft und getrunken habe;  die Dinner Mints, unsere Lieblingssüßigkeit, in den Einkaufswagen zu tun, mit Herzstichen.

Die Haustiere, die George und Jim gemeinsam hatten, gibt er aus dem gleichen Grund weg, sie erinnern ihn zu sehr an den alten Freund, den er unsäglich vermisst.

„Der Durchgang zur Küche ist zu schmal gebaut worden. Zwei Leute in Eile, mit Frühstückstellern in der Hand, müssen hier einfach zusammenstoßen. Und genau hier, fast jeden Morgen, wenn George die unterste Treppenstufe erreicht hat, überkommt ihn plötzlich das Gefühl, er stehe auf einem jäh und brutal abbrechenden Felsvorsprung – so als sei jeder weitere Weg von einem Erdrutsch verschlungen worden. Genau hier hält er unvermittelt inne, und ihm wird aufs Neue, fast als wäre es zum allerersten Male, bewusst: Jim ist tot. Ist tot. … Bewegungslos steht er still und wartet darauf, dass die Beklemmung weicht. Dann erst betritt er die Küche. Diese morgendlichen Beklemmungszustände sind viel zu schmerzhaft, als dass ihnen mit sentimentalen Mitteln beizukommen wäre. Erleichterung spürt er erst, wenn sie vorbei sind. Es ist wie das Durchstehen eines bösen Krampfes.“

Doch was heißt Durchstehen?! Jeder, der diese Beklemmungen kennt, weiß, dass diese Gefühle den ganzen Tag ihren Nachhall finden, vielleicht nicht in weiteren Beklemmungen, aber in anderen negativen Empfindungen, in Zorn, Aggression, in Niedergeschlagenheit oder Depression. So ist George den Nachbarskindern gegenüber aggressiv, für sie ist er ein Monster. Diese seine Art konnte er an der Seite von Jim vor diesem verbergen, nun kommt sie zum Ausbruch.

„Was würde Jim sagen, wenn er beispielsweise mit ansehen müsste, dass George mit fuchtelnden Armen wie ein Wilder aus dem Fenster brüllt, während Mrs. Strunks Benny und Mrs. Garfeins Joe aus purem Übermut auf der Brücke hin und her toben?“

Joana Zimmer singt: „I´ ve learned to walk alone“ und wer kennt den Schlager nicht: „Eine neue Liebe ist wie ein neues Leben“. Nach einer Trennung von einem langjährigen Beziehungspartner leben alle Menschen in diesem Spannungsfeld. George bleibt in dem gemeinsamen Haus, weil er die Hoffnung hat, eine neue Liebe zu finden, einen neuen Jim. Doch wie? Das einsame Leben bekommt ihm nicht – diese Bindungslosigkeit. Aber einen Partner zu finden, zumal in seinem fortgeschrittenen Alter? Er ist achtundfünfzig, hat aber den Körper eines Jüngeren, da er regelmäßig ins Fitness-Studio geht. Ich kenne dieses Gefühl genau: diese Perspektivlosigkeit, dieser fehlende Sinn, wenn man nur für sich alleine lebt, ohne die etwaige Freude mit einem Partner zu teilen, oder die Trauer, den Ärger. Viele können nicht alleine gehen, schon gar nicht, wenn sie das Gefühl haben, dass sie von den restlichen Menschen nicht angenommen werden. Weil sie anders sind, fremd, überlegen, gegen den Strom.

Seine Studenten schwimmen nicht gegen den Strom, sie werden die gleiche Biographie haben wie ihre Eltern, wie alle, die gleichen Gedanken, die gleichen Normen. Die Kinder verhalten sich wie im Fernsehen, imitieren ihre Serienhelden, die Werbung. George übt Gesellschaftskritik, auch in Bezug auf die Menschen in seinem Alter, wenn er im Fitness-Studio feststellt, dass er besser als sie aussieht. Warum?

„Nicht, dass die anderen in besonders schlechtem Zustand wären – es sind ganz gesunde Kerle –, was bei ihnen nicht stimmt, ist ihre fatalistische Einstellung zum Altern, dieses unwürdige Resignieren, Großvater zu sein, in Ruhestand zu treten, Golf zu spielen. George unterscheidet sich von ihnen auf eine Art, die man nicht genau beschreiben kann, die jedoch sofort ins Auge springt, wenn man ihn nackt sieht – denn er hat noch nicht aufgegeben.“

Auch bei seinen Studenten ist der Professor unbeherrscht, gerät außer Kontrolle. Er hält Predigten, redet die Jüngeren nieder. In einem Monolog spricht er vom Verhältnis von Minoritäten zu Majoritäten, ignoriert dabei den Blick eines homosexuellen Studenten.

„Angenommen, diese Minorität wird jetzt verfolgt – ganz gleich, aus welchen politischen, wirtschaftlichen oder psychologischen Gründen. Gründe gibt es immer, ganz gleich, wie falsch sie sein mögen – das ist meine Meinung. Natürlich ist Verfolgung an sich immer falsch; darin sind wir uns doch wohl alle einig. Das Schlimme dabei ist, dass wir hier auf eine weitere liberale Ketzerei stoßen. Der Liberale sagt sich: Weil die verfolgende Mehrheit gemein ist, deshalb muss die verfolgte Minderheit makellos rein sein. Sehen Sie nicht, was für ein Unsinn das ist? Müssen unbedingt alle christlichen Opfer in der römischen Arena Heilige gewesen sein?“

Auch die Minorität hat ihre Aggression, sagt George, sie fordert die Majorität heraus, sie anzugreifen. Sie hasst die Majorität, natürlich nicht ohne Grund. Aber sie hasst sogar alle anderen Minoritäten, weil sie untereinander in Konkurrenz stehen.

„Jede verkündet dass ihre Leiden die schlimmsten und die Kränkungen die tiefsten seien.“

Dabei werden die Minoritäten immer unangenehmer, je mehr sie verfolgt und gehasst werden, was natürlich absolut verständlich ist.

Dies ist meines Erachtens ein sehr kluger Roman. George ist zwar durch die vielen Bücher, die er gelesen hat, nicht weiser geworden, aber er sagt trotzdem einige weise Dinge. Die Sprache des Christopher Isherwood ist unprätentiös, etwas, das man einigen „schwulen“ Autoren wie Nathschläger oder Simon Rhys-Beck wünschen würde. Sie ist leise, aber präzise. Dieses Buch ist subtil, es fordert zum Nachdenken heraus, es macht traurig oder melancholisch, doch mitunter kann man auch über den Protagonisten herzlich lachen, weil er sich selbst nicht zu ernst nimmt.

Der Roman „Der Einzelgänger“ von Christopher Isherwood ist 2005 in einer neuen Übersetzung im MännerschwarmSkript Verlag erschienen, umfasst 182 Seiten plus einem Kommentar und ist gebunden für achtzehn Euro im Fachhandel erhältlich.

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Dunkle Flüsse von Peter Nathschläger

 

„Hochfahren und danach verbinden; welcome, Willkommen an Board, die Maschine wird es finden, ein dreckiges Wort; und… und… Denk dir eine Farbe, wünsch dir irgendeine Zahl, 19 year old redhead, das ist deine Wahl. Und du verliebst dich in Gespenster; Schwarz glänzt Strafe und Belohnung, ein Strick, einen Augenblick, du gehst in eine Wohnung, du gehst auf ´Zurück´…“

So beginnt das Lied „Gespenster“ des androgynen Heroen Jens Friebe, in dem er in kryptischer Weise von der üblen Internetsex-Industrie singt. Jedem von uns ist bekannt, dass es im Internet genügend Möglichkeiten gibt, an perverse Videos zu gelangen, in denen Jugendliche auf schlimmste Weise vergewaltigt, kleine Mädchen nackt gezeigt, kleine Jungen missbraucht werden. Davon handelt unter anderem auch dieser Roman von Peter Nathschläger. Ein siebenjähriger Junge wird von einem brutalen, gemeingefährlichen Irren entführt, der sich als Polizist ausgibt und behauptet, dass die Eltern des Kleinen tot wären. Der Wahnsinnige schafft es, sich falsche Papiere für den Jungen zu beschaffen, und sie leben fortan als Onkel und Neffe in einem kleinen Nest. Er zwingt ihn zur Prostitution und quält ihn täglich mehr und mehr, was er alles auf Video aufnimmt und für viel Geld im Internet verkauft. Erst neun Jahre später kann der Junge flüchten und damit beginnt eine Odysee durch Amerika, in der der Jäger Frank seine Beute, den sechzehnjährigen David, der Patrick genannt wird, jagt. Es ist ein Buch über die dunklen Flüsse menschlicher Grausamkeit, die David unter anderem in einem Internat für elternlose Jungen erlebt, in der grausame Aufseher die Jungen tyrannisieren. Dort lernt er einen stummen Jungen namens Mark kennen, durch den sich sein Leben verändert.

Manchmal ist es ungeheuer schwer über eine CD, einen Film oder ein Buch zu urteilen. Ich denke beispielsweise an den Film „Irreversibel“, der im letzten Jahr für Furore sorgte. Er fiel durch seine ekelhafte Brutalität auf und verstörte Zuschauer wie Kritiker. Da muss man mehrere Augenblicke innehalten, bis man in der Lage ist, etwas Vernünftiges, Objektives sagen zu können. So erging es mir auch bei diesem Buch. Ich musste mich oft dazu zwingen weiterzulesen. Während ich bei Sex hoch zwei von Sibylle Berg nach fünfzig Seiten vor lauter Ekel aufhören musste zu lesen, befahl ich mir in diesem Fall, das nicht zu tun. Ich quälte mich durch Stellen wie diese:

„Patrick kam ächzend wieder hoch und versuchte gerade zu stehen, die Hände hinter dem Kopf verschränkt. Frank boxte noch einmal auf die gleiche Stelle und Patrick übergab sich. Frank grinste zufrieden und gab ihm Ohrfeigen, verschmierte das Erbrochene in Patricks Gesicht, stieß ihn um und trat ihn mit den Füßen. Patrick brüllte vor Schmerzen, verschluckte sich an seiner Kotze. Er würgte und kreischte wie ein Vogel, dem man die Flügel brach. Frank nahm die Kamera aus der Halterung und hielt sie sich ans Gesicht. Er filmte, wie Patrick auf dem Boden kroch und schrie. Frank holte die Reitgerte und drosch damit auf Patrick ein, bis Blut floss…“

Lange Zeit war ich an solchen Stellen fassungslos und wusste nicht mehr weiter. Was sollte mir dieser Roman sagen, und vor allem was sollte ich über diesen Roman sagen? Ich konnte nur Ekel und Grauen verspüren, mehr nicht. Nach ungefähr der Hälfte des Romans fragte ich mich dann: Warum gibt es denn diese ganzen Stellen? Um das perverse Publikum zu befriedigen? Männer, die darauf stehen, wenn jugendliche Skater auf das Übelste vergewaltigt und fast umgebracht werden, um sich dann einen runterzuholen? Wieso braucht dieser Roman immer ekelhaftere, grausamere Vergewaltigungen und sogar Tode? Was bezweckt der Autor damit? Ich kann darauf keine Antwort geben. Vielleicht nahm er sich seinen Landsmann Michael Haneke zum Vorbild, der in seinen Filmen ebenfalls die sinnlose Brutalität einzelner Menschen, die sich daran aufgeilen, zum Sujet nimmt. Der allerdings eine Message hat, die er dem Publikum vermitteln kann.

Ich kann etwas anderes beurteilen. In „Irreversibel“ zeigt die zweite Hälfte des Films, die nicht brutal ist, sondern von Lebensfreude und Romantik sprüht, dass der Film ein Kunstwerk ist, von einem Regisseur, der sein Handwerk versteht. Die letzten Seiten dieses Romans offenbaren allerdings, dass der Autor Nathschläger sein Handwerk nicht versteht. Da wird David von den Internatsschülern plötzlich David genannt, obwohl sie ihn nach wie vor nur beim Namen Patrick kennen; da gelingen immer weniger die Übergänge der einzelnen Kapitel; da wiederholt der Autor innerhalb eines Absatzes ständig die gleichen Worte, die gleichen Formulierungen; da schreibt er, dass der neue Polizeichef den Internatsleiter nicht leiden kann, aber ihm mit höflichem Misstrauen entgegentritt, und wenn sie sich kurze Zeit später dann tatsächlich in dem Roman begegnen, erkennt der Internatsleiter diesen Polizeichef gar nicht, weiß noch nicht einmal, dass dieser nun diese Stelle innehat; da quält er uns arme Leser, die nach den Gewaltorgien, dieses Buch noch nicht völlig verstört weggelegt haben, mit Belanglosigkeiten, Worthülsen und schwülstigen Gemeinplätzen.

„Mark Fletcher ging durch die offene Pforte in den Garten zu den beiden hin. Die Liebe und Fürsorge lag hier wie ein Duft im Garten, ein Geruch von Reinheit. Der Geruch einer Wiese nach dem Regen.“

„Dann standen sie wohl eine Viertelstunde nebeneinander, wortlos, sprachlos.“

„David lächelte und neun Jahre Schmerz und Trauer, Angst und Terror fielen von ihm ab, in einem unsagbar schönen Lächeln; all die Pein fiel von ihm ab und sank als grauschwarzer Donner in die Geschichte ein.“

Völlig aus der Luft gegriffene Dialoge wie z.B. derjenige, den die Eltern Davids führen, nachdem sie ihn das erste Mal nach neun Jahren wieder sehen und noch gar nichts über die vergangene Zeit wissen, runden das negative Bild ab:

„Sie lieben sich.“ – „Ja, Cove. Ich weiß.“

„Irgendwann und irgendwo auf ihrer Reise haben die beiden beschlossen, sich zu lieben, oder es kam einfach so.“

„Du meinst, dass sie miteinander… du weißt schon…“

„Nein, glaub ich eigentlich nicht… Und wenn, wäre es mir völlig egal.“

„Mir auch.“ – „Sie lieben sich, wie Brüder sich lieben. Aber ihnen fehlt die Tiefe von Brüdern, die miteinander aufgewachsen sind, ihnen fehlen die Reibereien und der Streit, dieses aneinander wachsen. Glaub´ ich.“ …

Eine Kritik hat viele verschiedene Aufgaben. Eine davon ist, dem Leser bzw. der Leserin eine Orientierung zu geben, was er/ sie lesen sollte und was nicht. Doch selbst, wenn der Kritiker bzw. die Kritikerin vom Buch abraten, kann sich das Lesepublikum bewusst gegen diese Empfehlung stellen. In diesem Fall vielleicht, weil es von so viel Grausamkeit und Ekel fasziniert ist und dabei einen Kick erhält, oder weil es jemanden anmachen könnte, wenn schutzlose Kinder und Jugendliche erniedrigt und gebrochen werden, oder weil es nach so viel Ungerechtigkeit und Perversion ein schönes schwülstiges Happy-End gibt… Ich kann dazu nur sagen, dass dies für mich, auch wenn dies das Cover noch eventuell auf den ersten Blick versprochen hat, keine so genannte Einhand-Literatur ist, im Gegenteil: nichts konnte mich mehr Abtörnen als diese von Gewalt triefenden unsäglichen Vergewaltigungsszenen.

Der Roman „Dunkle Flüsse“ von Peter Nathschläger ist 2005 im Himmelsstürmer Verlag erschienen, umfasst 219 Seiten und ist für 14,90 Euro im Fachhandel erhältlich.

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Berlin Bromley von Bertie Marshall

 

Berlin Bromley ist das Pseudonym von Bertie Marshall: der Vorname ist eine Reminiszenz an das Berlin der glamourösen goldenen Zwanziger Jahre. Diese faszinieren den jungen Mann, seitdem er den Film „Cabaret“ mit Liza Minelli sah. Auch ein Album von Lou Reed heißt so, und das sollte Grund genug sein, diesen Namen auszusuchen. Der Nachname ist Bromley – der spießige Vorort Londons, in dem der nun fünfzehnjährige Tür an Tür mit Siouxsie Sioux von den späteren Banshees lebt. Der autobiografische Roman erzählt von der Zeit zwischen 1975 und 1978, als Berlin Bromley gemeinsam mit Siouxsie und vielen anderen Protagonisten der Punk-Szene im so genannten Bromley Contingent den Sex Pistols auf ihre Konzerte nachreisen und mit ihnen Partys feiern. In der Nachbarschaft wohnt ebenso die Familie David Bowies. Dessen Mutter schenkt den Marshalls als Gastgeschenk eine Platte von ihrem Sohn, einem Musiker, der gerade in den Anfängen ist.

Berlin Bromley fällt auf, denn er sieht sehr androgyn aus, bewegt sich anders als die anderen Jungen, er schminkt sich und er lernt bald die verrückte Siouxsie kennen, mit der er um die Häuser zieht. Sie machen die schwullesbische Clubszene unsicher, vertreiben sich die Zeit im Laden von Vivienne Westwood und Malcolm McLaren, und pfeifen sich permanent Drogen ins Hirn. Der schüchterne Junge redet nicht viel, aber es gefällt ihm, sich verrückt anzuziehen und im Dunstkreis DER Szene Londons zu sein. Sie sind gegen diese Hippies, die sie verschmähen und von denen sie angeekelt sind. Berlin Bromley ist auch derjenige, der mit Siouxsie in den Pub geht, er auf allen Vieren, an einer Leine, von Siouxsie geführt, im Pub eine Schale Wasser ordert und sie ausschleckt, während das irritierte Publikum zuschaut. Sie übertreiben beide die Show, so dass sie von den wütenden Menschen hinausgeschmissen werden.

Dies ist eine der Episoden, die Bertie Marshall in seiner Autobiografie erzählt. Er schildert eine verrückte, glitzernde Welt, in der ein Junge seine Homosexualität entdeckt, in die schwule Subkultur eintaucht und letztlich auf dem Straßenstrich landet. Er verlässt sein langweiliges spießiges Zuhause, das er nicht ertragen kann, um zugedröhnt in irgendwelchen Betten fremder Männer aufzuwachen. Seine Eltern verstehen seine Lebensweise, aber vor allem seine Art sich anzuziehen und seine Angewohnheit sich zu schminken, nicht. Ein ums andere Mal schmeißt die Mutter die teuren Kosmetika in den Müll. Berlin hält das nicht aus. Von der Schule ist er längst abgegangen, weil er auf der Jungsschule wegen seiner Androgynität gehänselt und verprügelt wurde.

Dieser Roman erzählt von einem Jungen, der sich selbst sucht, der einerseits desorientiert und zugedröhnt durch die Welt zieht, immer im neuesten Fummel, andererseits aber in Tagträume und alte Bücher flüchtet. Seine Lieblingsbücher sind Wild Boys von William S. Bourroughs, Tagebuch eines Diebes von Jean Genet und Goodbye to London von Christopher Isherwood. Seine Bibel hieß A to B and Back Again von Andy Warhol. Er erträumt sich und lebt die eigenen Fassungen dieser Geschichten. Häufig bezieht er sich in einzelnen Episoden auf diese Bücher, zum Beispiel als er einen Mann kennenlernt, mit dem er eine Affäre hat und der ein Krimineller ist.

Es ist eine glitzernde Welt und manchmal sehnt man sich als Leser danach, auch in diese Welt eintauchen zu dürfen. Doch gelegentlich fühlt man sich auch ein wenig von der Oberflächlichkeit dieser Welt abgestoßen:

Wenn wir keine Clubs oder Konzerte besuchten, dann strömten wir auf Partys. Jeder Anlass bot Gelegenheit, etwas Neues anzuziehen und zu posen, posen, posen.

Manchmal bemitleidet man auch den Helden der Geschichte, wenn er gnadenlos ehrlich und unprätentiös von seinem Leben damals erzählt:

Arbeitslosengeld, Blowjobs bei reichen Arabern und Geld klauen bei meinen Eltern – ich schlich mich immer noch zu Hause ein und bediente mich an der Lohntüte meines Stiefvaters. Ich hatte genug Geld, um mir ein schwarzes Fallschirmtop zu kaufen (ich bekam zehn Prozent Rabatt), eine schwarze Bondage-Hose und marineblaue Spider-Man-Stiefel aus Wildleder.

Keine eigene Wohnung, aber Hauptsache man sieht gut dabei aus. Orientierungslos streunt er durch die Gegend, auf der Suche nach sich selbst.

Liebe, Lust, Wut, Raserei, Traurigkeit, Gedankenlosigkeit? Ich stumpfte ab. Speed am Nachmittag, vielleicht eine Valium, mehr Speed, dann nach der Arbeit, je nach dem, wieviele Kunden ich bedient hatte, mindestens noch mal zwei, dann weiter zu Luise´ s, wo die anderen „anschaffenden Mädchen“ saßen und auf den Dealer warteten, den ich „The Mandy Man“ nannte.

Bertie erzählt, dass er immer neidisch war auf diejenigen, die berühmt wurden. Er hatte nur eine vage Idee, was aus ihm werden sollte, Glamour und Ruhm spielten dabei eine Rolle. Aber nur was? Später, sehr viel später, als aus ihm wieder Bertie Marshall wurde, begann er Filme zu drehen und Bücher zu schreiben, zum Beispiel der viel beachtete Roman „Psychoboys“.

Erst im Jahre 2001, lange nach seiner Zeit als Berlin Bromley, besucht er das erste Mal Berlin, Teil seiner persönlichen Mythologie. Er ist enttäuscht, weil er es provinziell, kalt, unglamourös und erbarmungslos findet. Doch auch aus dieser Episode zieht er etwas Positives. Durch Jon Savage inspiriert beschließt er diesen autobiografischen Roman zu schreiben.

Boy George schreibt im Vorwort des Romans:

Dieses Buch wurde mit wohl überlegtem Sarkasmus und Witz geschrieben und sollte von jedem aufstrebenden Modestudenten, Möchtegern-Außenseiter und jeder besorgten Mutter gelesen werden. Man kann es schlecht weglegen. Na ja, ich hätte es fast in den Kamin geworfen, als ich merkte, dass ich darin nicht ein einziges Mal Erwähnung finde.

Das Vorwort ist genauso bemerkenswert wie das Buch selbst. Nein, man kann diesen Roman nicht aus der Hand legen, zumindest ich nicht. Es macht Spaß, mehr über diese Zeit zu erfahren, berühmte Ikonen des Punk, die in der heutigen Zeit immer mehr verblassen, die von unseren Jugendlichen nicht gekannt werden, früher aber genauso verehrt wurden wie heute Bill von Tokyo Hotel. Jeder Leserin und jedem Leser ist nun selbst überlassen, Unterschiede und Gemeinsamkeiten von heute und damals herauszufinden. Es ist ein spannender Weg, den ich jeder und jedem empfehlen möchte.

Der Roman „Berlin Bromley“ von Bertie Marshall ist beim Ventil-Verlag erschienen, umfasst 170 Seiten und ist für elf Euro neunzig im Fachhandel erhältlich.

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Der Escort von Jan R. Holland

 

Jan ist ein blendend aussehender Endzwanziger, der als Escort arbeitet. An ihm ist alles perfekt: der Körper, das Lächeln, die ständige Erregtheit, und sein bestes Stück lässt auch keine Wünsche offen. Eines Tages ist er gerade bei einem Kunden und geht seiner Arbeit nach, als er zufällig einen Blick auf die Zeitung erhascht und dabei feststellt, dass einer seiner Freier ermordet wurde. Da er diesen sehr gut leiden konnte, beschließt er, auf eigene Faust im Strichermilieu zu ermitteln. Dabei lernt er Benny und Dennis kennen – zwei junge Männer, die Cousins sind, der eine etwas unerfahren, der andere schon länger dabei. Dem ersten bringt er das passive Liebesspiel bei, der zweite ist ganz fasziniert von ihm. Dennis hilft Jan bei seiner Ermittlungsarbeit, in der immer wieder genug Raum ist für „Spielchen“. Sogar der Polizeibeamte, der im Strichermilieu als Vermittler arbeitet, findet Gefallen an der Hauptfigur.

Jan R. Holland gelingt es einen Krimi zu schreiben, der hauptsächlich in der Horizontalen spielt. Jede Gelegenheit nutzt er, um seinen allzeit bereiten Helden in sexuelle Höchstgefühle zu versetzen. Die Frage, die sich dem geneigten Zuhörer bereits jetzt stellt: Wie kommt es wohl, dass die Hauptfigur auf den gleichen Vornamen hört wie der Autor? Der Verlag schreibt auf seiner Homepage, dass Jan R. Holland vielfältige Erfahrungen als Escort gesammelt habe.

Die Hauptfigur Jan stellt in diesem Roman mehrere Rekorde auf. Zum Beispiel, was die Anzahl der Orgasmen angeht, die er innerhalb zweier Tage hat. Als er bei dem S/M-Escort Sven Nachforschungen anstellt, in dem er sich als Kunde ausgibt, schafft er es beim ersten Versuch, das überdimensionierte Geschlechtsteil in sich aufzunehmen. Dies schildert der Autor seitenweise in einer Sprache, wie man sie vermutlich auch am Bahnhof hören mag.

Jan hatte derweil eine saugeile Aussicht auf Dennis´ Backenmuskeln, die sich jedes Mal spannten, wenn er in Bennys Maul hineinstieß. Der Bursche hatte einfach einen geilen Body, und dieser Arsch war zum Verrücktwerden.

In diesem Roman wundert einen nichts mehr. Ist ja ganz normal, dass man mit seinem besten Freund regelmäßig Sex hat, obwohl ja beide Escorts sind. Klar, ist ja ein pornografisches Werk! Wieso sollte das nicht so sein. Selbstverständlich gefällt jedem Stricher, der sich aus Geldnöten verkauft, der Sex mit Männern. Plötzlich lässt er sich gerne penetrieren, obwohl er das vorher nie wollte. Der Partner, in dem Fall Jan, muss einfach nur „geil“ genug sein. Übrigens ist jeder in diesem Roman so nett, hat so ein großes oder dickes Genital, sieht gut aus und ist total offen. Selbst der gut gebaute Polizist, der in dem Fall ermittelt. Aber wie gesagt: es ist ein Porno und hässliche widerwillige Menschen sind ja nicht gerade anregend.

So stellt sich die Frage, wer diesen Roman erregend finden könnte, denn wirklich realistisch wird er nicht sein. Wieso? Jan R. Holland kann viel erzählen, aber so „rosa“, positiv und wundervoll wird es nicht sein, wenn man mit fremden Männern rund um die Uhr Sex haben muss, um seinen Unterhalt zu bestreiten. Also muss es einen anmachen. Aber wen? Meiner Ansicht nach könnte jeder Spaß daran finden, der nicht auf bestimmte Sexpraktiken oder bestimmte Typen festgelegt ist. Die Sex-Abenteuer bieten eine große Varianz an. Da sind Jungs, die noch nicht ganz volljährig sind und einen knabenhaften, schlanken und schönen Körper haben, da sind aber auch kernige Männer, die muskulös und männlich sind, dabei. Da gibt es S/M-Szenen, Oralverkehr mit genauer Erklärung, wie es am schönsten ist, Anal-Erlebnisse und andere Möglichkeiten des männlichen Sexualverkehrs.

Jeder kennt den Witz: „Wieso schauen Frauen Pornos?“ – „Weil sie denken, dass die Paare am Ende heiraten!“ So kommen mir die Interaktionen in diesem Roman vor. Scheinbar verlieben sich die Männer in ihre Geschlechtspartner und man könnte meinen, dies sei DER WEG, einen Ehemann zu finden. Aber vielleicht ist das Humor. Wer hat denn gesagt, dass Humor und Sex nicht zusammenpassen?

Der Roman „Der Escort“ von Jan R. Holland ist beim Männerschwarm-Verlag erschienen, umfasst 151 Seiten und ist für zwölf Euro fünfzig im Fachhandel erhältlich.

Veröffentlicht in Buch