Das Eliteinternat von Benjamin B. Morgner

 

Der sechzehnjährige Tim darf aufgrund sehr guter Schulleistungen einen Platz in einem renommierten Internat einnehmen. Der Abschied von seinem Freund Stephan fällt ihm selbstverständlich schwer, aber schon am ersten Abend merkt er, dass er zumindest sexuell keine Not leiden wird, dafür sorgen etliche Orgien unter der Dusche beziehungsweise in sämtlichen Räumen des Internats. Tim lernt die Welt der Reichen kennen, vor allem in Person des Gleichaltrigen Sven, der ihn umgarnt.

Tja, schwierig. Es stellt sich mir die Frage, wie ich einen Roman kritisieren soll, der ein typischer Vertreter der so genannten „Einhandliteratur“ ist. Über die Sprache kann ich wohl nichts sagen, die ist eines der Hauptfiguren des Romans würdig, die Sprache eines Pennälers. Der Aufbau, na ja: es gibt einen Anfang, keine wirkliche Klimax, aber doch so etwas Ähnliches, und ein Ende ist auf jeden Fall zu finden, aber im Grunde genommen ist die Geschichte nur dazu da, um die einzelnen Sex-Episoden miteinander zu verbinden. Dies kann also kein Kriterium sein. Vielleicht eher die einzelnen Abschnitte, in denen es um Sex geht: wie lange sind sie? Kann man ausreichend aufgegeilt werden, bevor wieder der störende Text zwischen diesen Sexgeschichten auftritt? Sind diese erotisch? Und für wen? Sind sie abwechslungsreich oder hat man das Gefühl, immer wieder den selben Mist zu lesen, das ganze Buch über? Sind sie deftig? Eher für Anhänger von Blümchensex? Gibt es Analphantasien? Oder eher Wichsereien und Oralbefriedigungen?

Ich glaube, Zitate aus einem pornographischen Buch sind nicht erlaubt, doch wie kann ich dem geneigten Hörer eine Dienstleistung erbringen? Vielleicht indem ich erst einmal erwähne, für welche Menschen, dieses Buch nützlich sein könnte. Zunächst eventuell für Jugendliche, die von Sex zwischen Gleichaltrigen träumen und den nicht unbedingt bekommen; für Jugendliche, die in der Tat in einem Internat sind, leider aber keinen Mitarbeiter aus der Küche haben, der ihnen „ein Eis auf das Zimmer bringt“, dass einen Fünfziger kostet. Auf jeden Fall für Ältere, die auf Sechzehnjährige stehen. Für die ist ein besonderes Schmankerl dabei, das ihnen wohl Hoffnung bereiten soll. Erwin, der sechzigjährige Hausmeister, darf bei dem nimmersatten Hasan, einem attraktiven sechzehnjährigen Türken, ran. Diejenigen, die nicht genug von Erotik zwischen Sechzehnjährigen bekommen können, müssen aber kurz bedenken, dass diese Pennälersprache auch in den erotischen Abschnitten vorkommt. Aber es stört wohl viele der Schwulen nicht, so wie ich dies bei Gayromeo immer wieder beobachten kann, wenn Autoren solche Wörter wie „Boyfinger“ oder „Action“ benutzen. Nun, mich schon.

Ich muss sagen, dass ich zwischendurch einige Textabschnitte überlesen musste, weil ich mehr als einen Sex-Abschnitt brauchte, um mich ausreichend zu stimulieren. Doch das kann ja bei dem geneigten Zuhörer auch anders sein. Zu erwähnen ist, dass auch etwas für die Leute dabei ist, die sich am ersten Analsex zwischen zwei Jungen erfreuen können. Ansonsten sind in dem Roman eher Episoden zu finden, die viel mit Wichsen und Blasen zu tun haben.

Der Roman „Das Eliteinternat“ von Benjamin B. Morgner ist 2005 in einer im Himmelsstürmer Verlag erschienen, umfasst 164 Seiten und ist in einer Taschenbuchausgabe für vierzehn Euro neunzig im Fachhandel erhältlich.

Veröffentlicht in Buch

Jugendbücher zum Thema Homosexualität

 

Als Service für all die jüngeren Zuhörer, Eltern von homosexuellen Jugendlichen, und für alle, die sich noch einmal an ihr eigenes Coming Out  erinnern mögen. An ihre Gedanken und Gefühle, an ihre Verwirrungen und mehr oder wenigen lustigen Erlebnisse rezensiere ich hier in aller Kürze ein paar der mir am spannendsten vorkommenden Jugendbücher zu der Thematik:

Beginnen möchte ich mit Christine Nöstlingers „Bonsai“: ein eher untypisches Buch für sie, weil die Hauptperson schon fünfzehn Jahre alt ist. Bonsai heißt nicht wirklich so, sondern wird von seinen Klassenkameraden zu seinem Ärger so genannt, weil er so klein ist, kleiner als das kleinste Mädchen in der Klasse. Dafür ist er aber ein gewaltiger Intellektueller. Er hat Durchblick was seine Umgebung betrifft: Die Alleinerzieherin (sein Name für seine Mutter) durchschaut er ebenso wie den Religionsspringer, die Mitschülerdödeln, Pribil & Pribil (die herzigen Dummbaucherln, von anderen für Schickimickis gehalten) und seine dicke Tante.

Weniger sicher ist er sich bei seiner Kusine Eva-Maria – und bei sich selbst. Eva-Maria bringt ihn nämlich auf den Gedanken, er könnte homo oder bi sein, und fortan bereitet ihm sein (potentielles) Sexualleben einige Selbstfindungsqualen. Da helfen auch Eva-Marias Verführungsversuche nichts, sie verschrecken eher. Dass Eva-Maria noch ganz andere Motive hat, wird erst im letzten Kapitel klar.

Mir hat dieses Buch deswegen so gefallen, weil Bonsai einen so netten wienerischen Dialekt hat, den man quasi hört, wenn man es liest. Das Thema Homosexualität wird herzerfrischend und total charmant behandelt. Am Ende weiß man nicht, welche sexuelle Orientierung er hat, aber genau das ist das Gute.

Das Buch „Bonsai“ von Christine Nöstlinger, im Beltz und Gelberg Verlag erschienen,  ist als Taschenbuch für etwa acht Euro im Fachhandel erhältlich.

Ebenfalls fünfzehn Jahre alt ist der Held des Romans „Rollenspiele“ von Hans Olsson. Eigentlich sind seine Probleme ganz typisch für sein Alter. Neben der beginnenden Abnabelung von den Eltern ist in Schweden nach der 9. Klasse auch ein Schulwechsel angesagt. Die langjährige Clique droht aber nicht nur deswegen auseinanderzufallen. Die seit einiger Zeit eingesetzte Pärchenbildung ist wie ein schleichender Virus, der die einstige Offenheit unter den Freunden untergräbt. Johan wird dabei von seinen Freunden sogar beneidet, denn reihenweise verlieben sich die Mädchen in ihn. Johan hingegen wird immer unglücklicher, denn er ist schwul. Hans Olsson greift in ROLLENSPIELE auf eigene Erfahrungen zurück und erzählt die tragikomische Geschichte vor dem ‚Coming out‘ in der Ich-Perspektive. Johan versucht sich mit Mädchen, ähnlich wie die heterosexuellen Freunde sich zuweilen auch untereinander befriedigen, aber seine Neigung für das gleiche Geschlecht beeinträchtigt dies nicht. Wie aber macht man nun den männlichen Freunden klar, dass man weiterhin ihre Freundschaft sucht, ohne in sie verliebt zu sein, und den Mädchen, dass man eben ’nur‘ ihre Freundschaft will?

Besonders gefallen hat mir an diesem Buch, dass es so witzig ist. Johan stürzt von einem Missgeschick ins andere. Außerdem ist es ähnlich unverkrampft wie Bonsai. Der junge Held ist einfach liebenswert.

Hans Olssons „Rollenspiele“ ist bei Oetinger und in der Omnibusreihe von Bertelsmann erschienen.

Das literarisch hochwertigste Buch in dieser Kategorie hat Ted van Lieshout geschrieben. Er gibt bewegend Einblick in den Abschied eines Sechzehnjährigen von seinem verstorbenen Bruder. 

Lieber Maus … Lukas schreibt ins Tagebuch seines verstorbenen Bruders Marius. Die Mutter der beiden Jungen will Marius Zimmer räumen und dabei von ihrem Jüngsten Abschied nehmen. Lukas ist entschlossen, Marius Tagebuch vor dem Feuer zu retten, indem er es durch seine Eintragungen in Besitz nimmt. Marius und Lukas Texte, die Erinnerungen an die gemeinsamen Erlebnisse überlagern sich, nähern sich einander an. Beide Jungen waren auf ihre Art Außenseiter,  was ihre Beziehung zueinander nicht leichter machte.
Mit jeder Seite, die Lukas im Tagebuch umblättert, blättert er weitere Facetten des Themas Tod auf. Es gibt Witwen und Waisen – doch wie nennt man jemanden, der seinen Bruder verloren hat?

Tagebucheintragungen weisen auf die ersten Anzeichen einer schweren Erkrankung bei Marius hin. Mit jeder Seite, die die Leser umblättern, öffnen sich auch ihnen neue Aspekte im Verhältnis der beiden Brüder. Lukas sucht und findet im Tagebuch ein Geheimnis, das die Brüder miteinander teilten. Für Lukas geht es um weit mehr als um Tod und Abschied nehmen, er muss Frieden mit Marius Ärzten finden und sich der Angst vor dem eigenen Tod stellen. Endlich kann er sich mit seinen Eltern aussprechen.

Dies ist ein Buch zum Weinen, zum melancholisch sein, zum ganz viel Dazulernen. Es sollte eine Pflichtlektüre in der Schule sein, denn wenn Pädagogen die Ansicht haben sollten, dass Literatur auch der emotionalen Bildung dient, was ich glaube, dann ist dies das Buch, das in erster Linie gelesen werden müsste.

Das 1999 mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis prämierte Buch „Bruder“ von Ted van Lieshout ist ebenfalls bei Beltz und Gelberg erschienen.

Zum Schluss darf ich natürlich auch Andreas Steinhöfels „Die Mitte der Welt“ und „Tuchfühlung“ von Doris Meißner-Johannknecht nennen, ebenfalls Klassiker in dieser Kategorie. Ersteres genauso wie „Bruder“ von Ted van Lieshout auch ein Erwachsenenbuch und von mir unbedingt zu empfehlen.

Veröffentlicht in Buch

Mensch Engel von Gunther Geltinger

 

In den Jahren 1993 – 2004 wurde der „Literaturpreis der schwulen Buchläden“ sechs Mal verliehen. Ein Preis, der an Autoren verliehen wird, die sich in ihren unveröffentlichten Texten schwerpunktmäßig mit Aspekten des Lebens schwuler Männer beschäftigen. Der Preis verstand sich als Initiative zur Förderung deutschsprachiger schwuler Literatur, wollte Talente fördern und öffentliche Aufmerksamkeit auf diesen Bereich der Literatur lenken. Der letzte Preisträger war 2004 Gunter Geltinger.

Leonard Engel, der von allen Menschen außerhalb seiner Familie Engel genannt wird, ist 20, schwul, talentiert, hat gerade sein Abitur im mainfränkischen Idyll gemacht. Die Welt steht ihm offen und er hat eine erste Liebe namens Marius. Es könnte alles so schön sein! Doch dieser verquälte und krankhaft nach sich selbst suchende junge Mann verlässt ihn Hals über Kopf und flüchtet sich forthin jahrelang in neue glamouröse Abenteuer. Auch Volker, der ihn seit der achten Klasse schon liebt, und ihn nach Wien bringt, lässt er unbarmherzig fallen. Engel nistet sich bei Volkers Schwester Feline ein, mit der er eine Seelengefährtin findet, die ebenso destruktiv ist wie er selbst. Er studiert Drehbuch, und landet regelmäßig in der psychiatrischen Anstalt, vollgepumpt mit Pillen, Alkohol und anderen Drogen. Sein erstes großes Fiasko erlebt er mit Tiago, einem brasilianischen Stricher, den die Künstlerin Feline ihm kauft, und in den er sich verliebt, aber von dem er wenig beachtet wird. Engel findet auch in Südfrankreich bei seiner Schwester weder eine Struktur noch die Ruhe, um entspannt weiterzuleben. Er wird hinausgeschmissen und landet in Köln auf der Straße, wo er fortan lebt, bis er den jungen Lehrer Boris im Waschsalon kennenlernt. Endlich hat er einen Ort gefunden, an dem er bleiben kann, und einen Menschen, der ihn vielleicht auf den Boden bringen kann.

Gunter Geltinger, der 1974 in Erlenbach am Main geboren wurde, in Wien Drehbuch und Dramaturgie und an der Kunsthochschule für Medien in Köln studierte, hat in seinem aufregenden Erstlingswerk einen Roman über einen jungen Mann geschrieben, der an einer Borderline-Persönlichkeitsstörung leidet. Eindrucksvoll beschreibt er, wie Engel an ans andere Ufer jenseits des Flusses gelangt, womit er das Überschreiten der Grenzlinie, der Borderline, meint. Oder in der mächtigen, bildhaften und fast rauschhaften Sprache Geltingers:

Alles Scheiße, schreibt er, was er hier aus einer Welt erzählt, die hochtrabend und bedeutungsschwer jenseits des Flusses ansiedelt, die aber in Wirklichkeit nur seine kleine, armselige Welt auf der Grenze zur Menschlichkeit oder, besser gesagt, zum Menschsein überhaupt ist, ein Außenseiter-, eine Versager- und Verrücktenwelt, und er setzt ab und holt Luft und versucht, tief und ruhig zu atmen, doch der Schmerz in der Brust wird stärker, beginnt ihn zu lähmen und höhlt die Gedanken aus, und kurz bevor die Taubheit die Arme und Hände erfasst und über die Tischkante sinken lässt und mit ihnen alles bisher Erreichte in den Abgrund hinabzustürzen droht, in dem er, Engel, nur noch kauern und harren und wimmern, aus dem ihn nichts und niemand mehr herausholen kann und wo nur zwei oder drei trocken heruntergewürgte Tavor-Tabletten die Folter vorübergehend verkürzen, kurz vor dem Tod also dieses gerade erst geborenen Tages reißt er sich weg von der Fallkante, der Todesschwelle, und schreibt.

Bei der BPS sind die Bereiche der Gefühle, des Denkens und des Handelns beeinträchtigt, was sich durch negatives und teilweise paradox wirkendes Verhalten in zwischenmenschlichen Beziehungen sowie im gestörten Verhältnis zu sich selbst äußert. Dies zeigt sich in allen seinen sogenannten Liebesbeziehungen. Bei Marius, seiner ersten Liebe, den er sofort wieder verlässt. Noch mehr bei Volker, der die bösartige Zurückweisung Engels niemals verwinden wird. Selbst mit Feline verbindet ihn eine destruktive, selbstzerstörerische Beziehung. Doch alles hat viel mit der wichtigsten Beziehung in seinem Leben zu tun. Die Beziehung zu seiner Mutter, die die meiste Zeit ihres Familienlebens depressiv im abgedunkelten Schlafzimmer liegt, auf die stets Rücksicht genommen werden muss, und die er nicht erretten kann. Es ist unschwer zu erraten, dass die Liebe, die seine depressive Mutter ihrem Sohn nicht geben kann, den jungen Mann in eine tiefe Krise stürzen, ihn auf die Suche nach einem Heilmittel gegen die quälenden Brustschmerzen treiben.

Der Typ ist ein Wichser, schreibt Engel, ein Selbstficker, der andere Menschen nur als Material benutzt, um sich mit ihrer Hilfe in Stimmung zu bringen, in Lebensstimmung, und er haut seine Finger auf die Tasten: am Umgang mit Menschen interessiert ihn nur die Ausbeute an Lebensfülle, die Anzahl der Orgasmen, die sie ihm bereiten, das Maß an Aufmerksamkeit, mit dem sie sein Ego mästen, die Menge an Liebe, die sie ihm ins Brustloch stopfen, die Dosis Kultur, die sie ihm in seinen Junkintellekt spritzen.

Dieses Buch ist auch vor allem ein Buch über das Erzählen, über das Zusammenspiel von Wahrheit und Fiktion. Letztere bezeichnet die Schaffung einer eigenen Welt durch Literatur, Film, Malerei oder andere Formen der Darstellung sowie den Umgang mit einer solchen Welt. Zur Erklärung von Fiktion werden in der Literatur– und Kunsttheorie unter anderem fehlender Wahrheitsanspruch und mangelnde Übereinstimmung mit der Realität herangezogen.

Ich halte im Schreiben inne und lausche; in Wahrheit, sagt er, gehören all diese Lügen genauso wenig zu mir wie die so genannte wahre Geschichte, wie es zu all diesen Narben kam. Was meinst du damit? Frage ich. Er zögert. Obwohl ich mich an die Umstände fast jedes einzelnen Schnitts genau erinnere, sagt er, an den Ort, an die Zeit –, seine Stimme wird, während er spricht, gehetzt und gepresst –, ob vorher jemand mich verlassen hat oder ich jemanden weggejagt habe – er holt Luft und betrachtet gedankenverloren den Schmetterling auf seiner Hand –, obwohl ich also die Geschichte jedes einzelnen Schnitts in aller Ausführlichkeit erzählen könnte, so, wie du es hier gerade getan hast, fährt er dann wieder ruhiger fort, stand keine dieser Narben aus meinem tatsächlichen Leben.

Der heute dreißigjährige schreibende Engel trifft an dieser Stelle sein geschriebenes Alter Ego, welches ihm eine Wunde zufügt. Es scheint so, als bräuchte der Erzähler die Erschaffung des geschriebenen Engels, um sein Leben zu bewältigen und sich selbst zu erretten. Die einzelnen Episoden in seinem Leben werden in verschiedenen Varianten erzählt.

Alle Geschichten stimmen, aber keine davon ist wahr.

Geltinger reißt uns damit in ein Hin und Her von Glauben und Unglauben, wir fragen uns ständig: ist dies wahr? Oder ist es unwahr? Kann dies wirklich Realität sein? Träumt Engel? Erfindet Engel wieder etwas? Ein weiteres irritierendes Beispiel dafür:

Aber ist es nicht nur eine krude und ungerechte Fantasie, dass sie dir, wie an anderer Stelle behauptet, als Zeichen ihrer stillen Verbundenheit damals ihre Schlaftabletten gegeben hat, die du, Engel, gib´s zu, in der Hoffnung, von ihr eine Antwort zu bekommen, in Wirklichkeit selbst aus der Kommode mit der Hausapotheke gestohlen hast und die später, bei der Niederschrift deiner Geschichte, das Glas heiße Milch ersetzten, das sie dir an jenem Abend in dein Zimmer brachte, um mit dir zu reden, eine Geste, die du in deiner jugendlich-trotzigen Verzweiflung aber schnaubend zurückwiesest?

Dieses Werk von Gunter Geltinger ist sicherlich kein einfaches Lesevergnügen, aber es lohnt sich, den jungen Anti-Helden Engel, den man mitunter zu hassen beginnt, auf seinem Lebensweg zu begleiten. Geltinger ist mit „Mensch Engel“ ein großer Wurf gelungen: im Gegensatz zu vielen anderen Romanen, die bei radiosub besprochen wurden, und die Thematik schwullesbischen Lebens berührt, ist dies große, unbedingt lesenswerte Literatur. Sicherlich ist dieser Roman der Weihnachts-Geschenk-Tipp für all diejenigen, die ihre Mitmenschen eine spannende Lektüre wünschen.

Der Roman „Mensch Engel“ von Gunther Geltinger umfasst 272 Seiten, ist beim Schöffling & Co. Verlag 2008 erschienen und für 19,90 Euro im Fachhandel erhältlich.

Veröffentlicht in Buch

Abel von Anneke Scholtens

 

Der Student Bart sagt zu, als seine Mutter ihn fragt, ob er auf sein altes Zuhause und die Katzen aufpassen möchte. Er hat geplant mit seiner neuen Freundin Roos, die er in der Bibliothek kennen gelernt hat, eine schöne geruhsame Woche in seiner alten Heimat zu verbringen. Doch daraus möchte nicht so recht was werden. Schon am zweiten Tag findet er einen Brief, der ihn aus dem Tritt bringt. Es ist eine Einladung zur Beerdigung von Abel, Barts Schulfreund, den er seit damals nicht mehr gesehen hat. In Rückblicken erzählt er ihre gemeinsame Geschichte, die doch noch so viele Einflüsse auf Barts jetziges Leben hat. Und auf die Beziehung zu Roos, wie sich bald herausstellt.

Es stellt sich die Frage nach der Kategorie, in die dieser Roman gehört. Ein Schwulenroman in Gänsefüßchen, obwohl kein einziges Mal das Wort SCHWUL in diesem Text vorkommt? Ist es ein Werk über Coming-Out? Ist es ein Jugendbuch? Reich-Ranicki würde sagen: es gibt keine Frauen, Männer oder Schwulenbücher – es gibt nur gute und schlechte Bücher. Meiner Meinung nach ist „Abel“ ein gutes. Vor allem deswegen, weil es eben kein Coming-Out-Buch ist. Nein, es geht um ganz andere Dinge: seine Identität zu finden und dazu zu stehen. Egal, ob diese Identität der Norm entspricht oder auch nicht. Dass das Vehikel dazu die Homosexualität einer Figur ist, einem Rand-Thema, wie wir bei der Rezension von „Schwule Nachbarn“ schon bemerkt haben, ist nebensächlich. Es könnte auch ein Junge sein, der die Bäume liebt wie im gleichnamigen Roman Stefano Marcellis. Gute Bücher handeln immer von den großen Dingen. Von der Findung der Persönlichkeit, von Wahrheit und Dichtung, von Leben und Tod.

Auch hier geht es um Tod. Und um die Dichtung des Lebens. Alle wichtigen Figuren, die ihre Vergangenheit in diesem Ort verbracht haben, bauen eine Fassade auf, sehen die Dinge auf ihre Weise, verdrängen die so genannte Wahrheit. Allen voran die Mutter von Abel, die Bart erzählt, Abel sei mit einer Reisegruppe unterwegs gewesen, als er verunglückte. Doch das ist eine bereinigte Wahrheit. Mit ihm auf der Reise war sein Freund Tim, den sie einfach ignoriert. Der wiederum den Kontakt zu Bart sucht, weil er gerne alte Bilder von Abel nachmachen und sich alte Geschichten erzählen lassen möchte. Der junge Student fühlt sich aber damit überfordert. Er hat all seine alten Gefühle verdrängt. Er hat Abel aus seinem Leben verdrängt. Und er erzählt Roos ganz lange nicht die Wahrheit über einzelne vergangene Erlebnisse. Er kann sich vieles nicht eingestehen. Was fühlte er damals für Abel? Freundschaft? Liebe? War die Liebe größer als zu normalen Kumpels? Gibt es einen Namen für diese Gefühle damals?

Abel versuchte eine Annäherung, nachdem er mit dem gemeinsamen Lehrer Frijda gesprochen hatte, doch Bart blockte rüde ab. Und Bart schubste ihn ins Feuer, um eine unliebsame Berührung abzuwehren. Er verleugnet ihn judasgleich danach, als sich Abel schmerzverzerrt im Zelt windet. „Bin ich denn sein Bruder und muss ihn pflegen?“ fragt er. Er verleugnet zunächst auch Roos am Telefon, als seine Mutter ihre Kontrollanrufe macht.

Bart findet im Laufe der Geschichte zu sich und das macht diesen Roman so interessant. Anneke Scholtens beschreibt die Figuren und insbesondere Bart sympathisch, sehr detailgetreu, einfühlsam. Sie beschreibt die Ängste der Menschen und die Tabus, die es in unserer Gesellschaft gibt: über Gefühle zu sprechen, über das Anderssein, über das Verhalten, das nicht der Norm entspricht. Roos, die quirlige Frau an Barts Seite, die sich mit Tim verbündet, spielt eine große Rolle dabei.

„Abel“ ist ein sehr lesenswertes Buch, das mich sehr an ein anderes sehr empfehlenswertes Buch aus Holland erinnert. Ted van Lieshoot schrieb vor einigen Jahren einen Roman namens „Bruder“, in dem es um zwei Brüder ging. Der eine bringt sich um und der andere liest nach dessen Tod das Tagebuch und macht sich auf eine Reise in die Gedanken und Gefühle des Bruders. Dieses Buch erschien 1998 im Middelhauve Verlag in München und umfasste 173 Seiten. Es ist sicherlich noch genauso im Fachhandel erhältlich wie „Abel“ von Anneke Scholtens, das 2007 im Männerschwarm-Verlag gebunden herausgegeben wurde, 140 Seiten umfasst und siebzehn Euro kostet. Geld, das sich lohnt, denn dies ist ein Buch, das man mit an den Main nehmen und in einem Rutsch lesen kann.

Veröffentlicht in Buch