junge_von_nebenan von Lutz Büge

 

„junge_von_nebenan“ erzählt die Geschichte einer Nacht, in der letztendlich alle Hauptfiguren dieses Romans sich am gleichen Ort treffen und alle Fäden zusammenkommen. In einem fiktiven Chatroom, den der Autor chat4gays nennt, bewegen sich mehrere Nutzer, teilweise Faker, aber auch Sexsüchtige, Coming Out´ ler, Fetisch-freaks und natürlich psychisch Gestörte. Die Hauptfiguren sind Harald, der mehrere Profile hat, in denen er sich immer als jemand anderes ausgibt, doch insgeheim am liebsten einen „echten“ Mann kennen lernen würde; Kevin, der im Chat seine erste große Liebe gefunden und gleich wieder verloren hat; Mehmet, ein Macho-Türke, der sich als Stute begreift und jeden Abend einen anderen passiven Typen sucht, den er sich nehmen kann; Torsten, der eine so genannte Tunte ist und Mehmet davon überzeugen möchte, dass ihr Treffen nicht nur ein One Night Stand darstellen sollte, sondern mehr werden könnte.

Dieser Roman ist sicher keiner, den man sich unbedingt kaufen muss, niemand wird sagen können, dass er ein großer Reißer ist. Nichtsdestotrotz ist er sehr sympathisch mit seinem Lokalkolorit: es ist ein schönes Gefühl ein Buch zu lesen, das in unserer Main-Metropole spielt. Es ist spannend, wenn eine Figur durch den Stadtteil streift, in dem man wohnt, andere Figuren in Clubs gehen, in denen man gelegentlich auch ist, oder auf Personen treffen, die man vielleicht im wahren Frankfurt auch kennt. Die Identifikation mit dem Roman gelingt auch deswegen sehr, weil jeder von uns doch diese ewigen Chattereien kennt, langweilige Litaneien des ewig Gleichen, jeden Tag die austauschbaren Typen, die auf der Suche nach schnellem Sex sind, die manchmal unangenehmen Kerle, die sich nach Fetisch-Orgien sehnen, die Psychopathen, die jemanden suchen, den sie volljammern können, weil sie bei Domian nachts nicht in die Leitung kommen. Ohja, wir kennen diese Situationen in diesem Buch, zumindest die meisten von uns, sehr gut.

Wir kennen die Charaktere, wir kennen diese Dialoge, in denen Menschen grausamste Rechtschreibung mit lausiger Grammatik vereinen, wir kennen die Gespräche über die Größe des männlichen Geschlechts, über Stellungen im Bett, über die „Szene“, über Faker und Spinner. Wir kennen natürlich auch die Stereotypen, mit denen im Chat genauso gespielt wird wie mit Realität und Fiktion. Dass da ein Mehmet ein Macho ist, der natürlich sexuell betrachtet nur aktiv agiert und ein Problem mit so genannten Tunten hat, in diesem Fall selbstverständlich ein deutscher Junge, ist zwangsläufig. Dieses Klischee ist altbekannt, kommt in der Realität auch häufiger vor und die Diskussion hatten wir in diesem Jahr schon häufiger in unseren Rezensionen. Vielleicht wäre es einmal erfrischend gewesen, die Rollen zu vertauschen, so als Tipp für unseren Autoren, der doch allzu gerne sämtliche Stereotypen und Vorurteile aus diesem Milieu herauskramt und damit den schwulen Lesern den Spiegel vorhalten möchte.

Am Ende dürfen wir lesen, dass doch alles seinen Lauf nimmt und gut wird. Wir amüsieren uns, ohne viel Tiefgang, und freuen uns daran, dass uns alles so bekannt vorkommt, ärgern uns gelegentlich, weil wir die gleichen frustrierenden Erfahrungen gemacht haben, oder sind ganz froh, in keinem dieser Chats zu sein und nicht in Etablissements wie das „Ranch“ zu gehen, in dem jeder mit jedem Sex hat. Jedem das Seine, und manch einem aus „unserer“ Szene das allermeiste. Das Buch ist harmlos und kurzweilig; er eignet sich besonders für die Straßenbahn oder den Grüneburgpark an bekannter Stelle.

Der Roman „junge_von_nebenan“ von Lutz Büge ist 2007 im Männerschwarm Verlag erschienen, umfasst 250 Seiten und ist in einer gebundenen Ausgabe für achtzehn Euro im Fachhandel erhältlich.

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Eine italienische Liebe von Phillippe Besson

 

Es ist eine banale Weisheit: In Romanen kommt es auf die Sprache an. Wieso ich das so hervorhebe? Ist das nicht zu trivial, um es extra zu betonen? Ist es nicht. Den meisten Lesern ist das so nicht bewusst. Muss es auch nicht. Das Lesen hat verschiedene Funktionen. Manche schalten ab, manche fliehen in fremde Welten, manche möchten erregt werden, andere wollen Gänsehaut bekommen. In erster Linie geht es in diesen Leseweisen um Inhaltliches. Der Text muss leicht lesbar sein, aber nicht zwangsläufig sprachlich niveauvoll. Die Handlung ist spannend, aufregend, attraktiv. Wieso sollte es in einem Roman von Elizabeth George Schachtelsätze geben wie in Thomas Bernhards Texten? Trotzdem kann sie sehr gut schreiben. Nur macht man sich keine Gedanken über den Satzbau, die Formulierungen. Und selten denkt man: Wow, welch wahrer Gedanke!

In Philippe Bessons Bücher ist das anders. Er hat die Fähigkeit, Wahrheiten in einfacher und doch wunderschöner Art und Weise zu äußern. Ähnlich wie bei Sachbüchern ist man ständig dazu geneigt, Sätze zu unterstreichen, Bemerkungen daneben zu schreiben. Sie üben eine Faszination aus, sie erfreuen in einem Maße, das etwa mit der Energie zu vergleichen ist, die Gläubige durch schöne Psalmen erhalten.

In Bessons Roman „Eine italienische Liebe“ erzählt er eine ganz besondere Liebesgeschichte, die eine Dreieckskonstellation darstellt, was allerdings Anna, die feste Freundin von Luca, nicht weiß. Er hatte nebenher mit dem Bahnhofsstricher Leo eine Affäre. Doch davon erfährt die Frau erst nach dem Tod Lucas, während Leo bereits die ganze Zeit als Geliebter Bescheid weiß. Er wiederum gerät in Verdacht, den unter ungeklärten Umständen im Fluss Arno Verstorbenen umgebracht zu haben. Der Roman wird in fragmentarischen und alternierend angeordneten Sequenzen aus der jeweiligen Ich-Perspektive seiner drei Hauptfiguren erzählt. Dabei besteht eine eigenwillige und humorvolle Besonderheit darin, dass Luca, unmittelbar bevor er zum ersten Mal das Wort ergreift, verstorben ist. Das ist der Rahmen, den Besson für Reflexionen auf die großen Themen der Literatur, bietet: Leben und Tod, Zeitlichkeit und Zeitlosigkeit, die Nähe von Glück, körperliche und emotionale Liebe, Eigen- und Fremdwahrnehmung. Für Anna stellt sich die Frage, wie gut sie ihren ehemaligen festen Freund tatsächlich kannte, und was wohl noch alles ans Tageslicht gerät. Leo hingegen denkt vor allem darüber nach, dass Luca der einzige Mann in seinem Leben war, zu dem er eine Beziehung aufbauen konnte.

Luca liebte beide, auf seine Weise. Anna weil sie ihn nicht ausfragte, ihn so sein ließ, wie er war, ihn nicht drängte. Weil sie ihn AC Florenz- Fan sein ließ, ihn nicht zur Hochzeit zwang, und vor allem, weil sie ihm innere Ruhe gab. Er war wunschlos glücklich mit ihr. Und dann kam Leo. Und er wurde noch glücklicher. Vom ersten Moment hatte er ein Glücksgefühl, während sie miteinander schliefen, und das blieb bis zum Schluss so.

Luca erzählt Leo von Anna:

„Es gibt eine junge Frau in meinem Leben. Sie heißt Anna. Ich weiß nicht, wie lange sie in meinem Leben bleiben wird. Vielleicht das ganze Leben lang. Heute jedenfalls ist ihre Anwesenheit unanfechtbar.“ Ich habe darauf nur geantwortet: „Ich fechte sie nicht an. Ich bin anderswo.“

Es gibt Sätze, die spricht man fast zufällig aus, ohne viel zu überlegen, ohne sie auszufeilen, unbesorgt um ihre Wirkung. Sie sprudeln einfach heraus, auf eine völlig naive Weise, ohne jeden Hintergedanken. Es sind irgendwie kindliche, intuitive, unbeabsichtigte Sätze. Und plötzlich treffen sie ins Schwarze. Sind absolut richtig, vollkommen adäquat. Wir können wie eine Offenbarung. Staunend befällt einen. Das Staunen der Kinder, ihre ungläubige Freude.

„Ich bin anderswo“ war einer jener Sätze für Luca. Dieser Satz hatten blitzartig aufgeklärt, hat ihn der Unschuld zurückgegeben. Der Satz hat alle Probleme aus der Welt geschafft. Er hat ihn von der Last befreit, Erklärungen geben zu müssen.

Luca analysiert die Situation der beiden zurückgelassenen geliebten Menschen:

Armer Leo. Sie werden ihn demütigen, ihn über die Grenzen des Schamgefühls hinaustreiben, ihn zwingen, das Unsagbare zu sagen. Und ihm wird nichts anderes zur Verfügung stehen als sein armseliges Vokabular, das der glücklichen Menschen, und seine Brutalität, die der kleinen, miesen Halunken, denn so nennt man Leute wie ihn leichthin. Sie werden Details, Daten, Orte, Umstände wissen wollen. Werden seine Aussagen auf gemeine Weise infrage stellen. Werden ihm zu verstehen gegeben, dass sie sich nichts vormachen lassen, dass man sie nicht für Dummköpfe halten darf. Und er wird in Rage geraten, Ausflüchte benutzen und sich, ohne es zu wollen, ins Unrecht setzen. Sie werden ihn manipulieren, ihm drohen, ihm schmeicheln, je nachdem, schließlich wird er nachgeben. In solchen Situationen behält immer die Schwäche die Oberhand. Die Kleine hat ihre Wurzeln in der Kindheit, sie hat ihn nie verlassen. Seine Härte tritt nur nach außen in Erscheinung.

Arme Anna. Sie wird sich in den Qualen eines endlosen Knäuels von Fragen verlieren. Sie wird wie ein Stück Holz sein, das in einem tiefen Brunnen geworfen wird und mit einem dumpfen Geräusch gegen die Umrandung schlägt, und dessen unterhaltsamer Fall sich beschleunigt, bis es einen immer weiter entfernten Grund berührt. Auf der Suche nach einer immer weiter von ihr zurückweichenden Grenze wird sie neue und trostlose Territorien entdecken. Annäherungen und Interpretationen werden ihr nicht erspart bleiben. Sie wird allen Mut zusammennehmen und sich an jedem Strohhalm festhalten müssen. Um vom Treibsand, in dem sie ums Überleben kämpft, nicht verschlungen zu werden, wird sie sich mit den Händen an dem Stock festklammern, den man ihr hinhält. Sie wird zu spät erkennen, dass es sich um eine scharfe Klinge handelt.

„Eine italienische Liebe“ von Phillippe Besson ist eine wundervolle Lektüre, gerade für die Osterferien. Diese Geschichte ist psychologisch feinsinnig geschrieben, lebt von wunderschönen Bildern über die geliebten Personen. Faszinierend ist, wie präzise und unpathetisch Phillippe Besson die menschlichen Abgründe beschreiben kann. Er benötigt kein Brimborium, keine großen Worte. Es ist daher schade, dass ihn noch viel zu wenig Menschen kennen. Das muss sich ändern.

Der Roman „Eine italienische Liebe“ ist bereits 2004 im Deutschen Taschenbuchverlag erschienen und sollte unbedingt noch bekannter werden. Er umfasst 178 Seiten und ist für 14 Euro im Fachhandel erhältlich.

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Der Abgrund von Fernando Vallejo

 

„Als sie ihm die Tür öffneten, trat er grußlos ein, ging die Treppe hinauf, durchquerte den ersten Stock, gelangte ins hintere Zimmer, sank aufs Bett und fiel ins Koma. Dergestalt von sich selbst befreit, keinen Schritt vor dem Abgrund des Todes, den er wenig später hinabstürzen würde, verbrachte er die, wie ich glaube, einzigen friedvollen Tage seit seiner fernen Kindheit.“

So beginnt der in die Sprache verliebte Ich-Erzähler diesen gleichermaßen amüsanten wie bedrückenden Roman über das Sterben. Der Plot lässt sich leicht zusammenfassen: Der Erzähler kehrt zurück nach Hause, also nach Medellin, Kolumbien, um seinen nächst jüngeren Bruder,  auf dessen letztem Weg zu begleiten. In einem Bewusstseinsstrom berichtet er nebenbei über seine Kindheit und Jugend, seine 25köpfige Familie. Er berichtet von der Sterbehilfe an seinem Vater, schimpft über seine wahnsinnige Mutter, die jedes Jahr ein Kind gebar und sich ansonsten von ihrem Mann und ihren Kindern bedienen ließ. Er ärgert sich über seine jüngeren Geschwister, insbesondere dem jüngsten, den er „der große Sack“ nennt, einem debilen Muskelprotz. Er lästert auch über sein Heimatland Kolumbien und noch öfter über den Papst. Bei seiner Kritik ist er rigoros und schreckt vor nichts zurück:

„Ich verabscheue Samba. Samba ist das Schäbigste, was die Erde hervorgebracht hat, einmal abgesehen von Wojtyla, dem Pfaffenpapst, diesem Geschmeiß, dem weißen schlüpfrigen fiesen Wurm mit seinen Schleichwegen. Hach, die weißen Schühchen, weißen Strümpfchen, das weiße Regenkäppi, weiße Soli Dechen! Ist dir das nicht peinlich, du alte Schwuchtel, die ganze Zeit als Transe rumzulaufen, als wärst du unterwegs zu einer Schwulenparade?“

Ihm ist nichts heilig, auch Gott nicht:

„Wie viele Flugzeuge ziehen wohl gerade durch den Himmel, dachte ich. Und wie viele Menschen und Tiere wurden eben jetzt geboren. Oder starben. Und wozu das alles? Wozu die Plackerei, wie Großmutter gesagt hätte? Um den Plan Gottes zu erfüllen? Ja, Großmutter, um den Plan des Monsters zu erfüllen.“

Aus ihm spricht die Verzweiflung, er sieht keinen Sinn im menschlichen Tun. Alles erscheint ihm negativ:

„Draußen machte das Radio des Leichenwagens ein Brimborium um die neuesten Nachrichten: Gavarita habe verkündet, Samperita erlassen, Pastranita gedroht. Papi wurde mit Scheiße verabschiedet. Nichts zu machen, zwischen Scheiße werden wir geboren, leben und enden wir.“

Es sterben nur die Falschen, aber niemals die Richtigen, wie etwa der Papst oder seine grässliche Mutter:

„Solange Papi in seinem Zimmer im Sterben lag, lümmelte die Wahnsinnige in einem Ruhesessel in der Bibliothek vor dem Fernseher und sah Serien. Zählt man die fünf Jahre Verlobungszeit mit, lebten die beiden seit sechzig Jahren zusammen, von denen mein Vater mindestens während der letzten zwanzig Jahre ihr Dienstmädchen gewesen war: Nicht ein Glas brachte ihm Doňa Wahnwitz während dieses nicht enden wollenden Monats, in dem ich ihn sterben sah.“

Der Erzähler ist das älteste der 23 Kinder dieser Familie und musste dementsprechend die kleineren Geschwister erziehen. Sein ein Jahr jüngerer Bruder Dario liegt nun im Sterben, er hat Aids, und es beginnt das letzte Stadium. Er isst nichts mehr – weil er auch das Kiffen aufgehört hat, das ihm wenigstens ein paar Fressattacken beschert hatte. Er hat überall Flecken und sämtliche Krankheiten, die einen befallen, wenn das Immunsystem am Ende ist. Der Ältere, Chemiker von Beruf, versucht ihm die letzte Zeit so angenehm wie möglich zu machen. Gegen den Durchfall gibt er ihm z.B. ein Mittel, das normalerweise bei Verdauungsproblemen von Kühen genommen wird. Gemeinsam erinnern sie sich an die vergangenen Jahre. Zueinander gefunden haben sie erst, als sie irgendwann entdeckten, dass sie beide schwul sind. Der Ältere schenkte Dario den ersten Knaben.

„Du erinnerst dich doch an den Studebaker, Dario, an den Neid von ganz Medellin? „Das fahrende Bett“ nannten sie den, und diese abgehalfterte Stadt, in der nur die Reichen ein Auto besaßen, spuckte Gift und Galle. „Schwule Bande!“ brüllten sie, wenn wir in unserem wunderbaren, mit Knaben gefüllten Gefährt vorbeirollten.“

Die beiden sind sehr unterschiedlich. Der Erzähler, der seine Sprache liebt und sich an verbalen Kleinoden erfreut…

„Der Cauca! Der Magdalena! Tosende Flüsse des Zorns, die eine reine Seele hatten und sich Respekt zu verschaffen wussten. Nicht wie diese tuntigen Bächlein von heute mit der Seele eines Kanalrohrs.“

…der alles so schwarz sieht und so wütend ist:

„Das Leben ist ein einziges Aids. Sehen Sie sich die Alten doch an: schwach, abgemagert, immungeschwächt, mit Flecken am ganzen Körper und Haaren in den Ohren, die länger und länger werden, während ihnen der Pimmel wegschrumpft. Wenn das kein Aids ist, weiß ich nicht.“

…und sein Bruder Dario:

„„Leb, Dario. Rauch, trink, f…, das Leben ist kurz. Das Leben ist dazu da, im Hier und Jetzt verschwendet zu werden, hat Horaz gesagt, hat Ovid gesagt, sage ich.““

Dario, der Verantwortungslose:

„Im Übrigen, wäre ich der Aids-Kranke gewesen und er gesund, ich schwöre bei Gott, der mich hört, Dario hätte mich mit einem Tritt in den Arsch auf die Straße gesetzt. So war er, mein Bruder, auf seine Verantwortungslosigkeit war Verlass.“

Dario, der sein ganzes Leben gesoffen, gef…, gekokst und was auch immer hat, der nie ein Quäntchen Willensstärke zeigte und immer süchtig war.

Dies ist ein Roman für nachdenkliche Menschen, aber auch für jene, die feinen und manchmal auch sehr derben Humor und Gesellschaftskritik mögen.

„„Nichts, Großmutter, tagein, tagaus dasselbe: Tote, Tote, Tote. Eben haben sie bei mir im Bus, in dem nach Laureles, viermal auf einen Herrn eingestochen. Wer hier lebt, muss auf alles gefasst sein, umso mehr, wenn´ s ihm gutgeht und er lacht. In diesem Land ist jedes Lebenszeichen eins zu viel.““

Der Roman „Der Abgrund“ von Fernando Vallejo ist 2002 im Suhrkamp Verlag erschienen, umfasst 191 Seiten und ist für ca. 20 Euro als gebundene Ausgabe im Fachhandel erhältlich.

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Einen Augenblick alleine von Philippe Besson

 

Ich habe die genaue, physische Erinnerung an eine Befreiung. Es war, es würde man ein Gewicht ablegen, als wäre Schluss mit dem, was nicht hätte sein dürfen, als bekäme man Gelegenheit, endlich sein Schicksal zu beherrschen. Man behauptet, es gäbe Menschen, die lange brauchten, um das zu werden, was sie sind. Ich gehöre zu ihnen.

So charakterisiert sich Tom Scheppard, der Held dieses Buches von Philippe Besson, der wieder nach Falmouth, einer Hafenstadt in Cornwall, in die sich nur wenig Touristen verirren, zurückkehrt. Aber das erste Mal in seinem Leben fort von seiner Geburtsstadt, denn er musste mehrere Jahre im Gefängnis verbringen. Nun läuft er auf der Hauptstraße des Fischerdorfes entlang und fühlt sich genauso eingesperrt wie die Jahre davor. Er ist ein Aussätziger, ein Kindermörder. Niemand spricht mit ihm. Er kehrt in sein leeres Haus zurück, in seinem Leben scheint es niemanden mehr zu geben. Im ersten Kapitel führt er einen Monolog mit sich selbst. Im zweiten Kapitel hat er die Möglichkeit, mit dem pakistanischen Ladenbesitzer Rajiv zu sprechen, sich alles von der Leber zu reden. Im dritten Kapitel nähert sich ihm Betty, die junge Mutter, die im Kiosk arbeitet.

Dies ist bereits der sechste Roman von Philippe Besson, der auf Deutsch erscheint. Er schreibt von den Außenseitern der Gesellschaft. In diesem Fall von Tom, der seit seiner Kindheit sein Bein hinterherzieht, weil er einen unglücklichen Unfall hat, Rajiv, der aus London flüchtet und sich nun quasi in Cornwall versteckt, und die junge Mutter Betty, die, weil sie einen unehelichen Sohn hat, von den Einheimischen geschnitten wird.

Betty hat eine andere Formulierung: „Wir sind die Davongekommenen. Weil es ihnen nicht gelungen ist, uns zu versenken.“

An einem Tag, an dem es sehr stürmte, und Unwetterwarnungen gemeldet wurden, fährt Tom mit seinem kleinen Sohn aufs Meer hinaus. Der Junge ist vergnügt, spielt glücklich, doch plötzlich passiert das Unerhörte.

Als er seine Rettungsweste geöffnet hat, habe ich dem keine besondere Beachtung geschenkt. Und als er vom eisigen Regen und der Gischt der Wellen, in denen wir trieben, weggefegt wurde und auf den feuchten Blanken ausrutschte, war ich nicht überrascht. Ich habe mir nur gesagt: das musste passieren. Ich habe mich an mein eigenes Ausrutschen auf dem Pflaster im Hafen, fast im selben Alter, erinnert. Ich habe gedacht: es wäre zu dumm, wenn er sich das gleiche Handikap zuzöge wie ich, wenn er das Bein nachschleppen würde. Und im selben Impuls hat mich  dieser Gedanke verführt. Mit dieser Behinderung wäre er vielleicht endlich mein Sohn gewesen. Durch das Handikap wäre ich womöglich zu seinem Vater geworden. Entsteh t eine Verwandtschaftsbeziehung durch eine gleiche Versehrtheit? Man hätte ihn während der Pausen auf dem Schulhof ausgelacht. Eine Marianne wäre ihm zu Hilfe gekommen. Er hätte ein schlechtes Leben gehabt.

Plötzlich überfällt Tom Panik: er kann doch nicht mit dem Kind als Leiche wieder in den Hafen zurückkehren. In einem Impuls schmeißt er seinen Sohn ins Wasser. Die Menschen glauben nicht an einen Unfall. Er muss ihn wohl umgebracht haben. Schließlich sei Tom sowieso merkwürdig, ein Außenseiter, ein Freak. So sagt auch Rajiv zu ihm, dass er der ideale Schuldige gewesen sei, denn die Menschen sehen nur Schwarz und Weiß, und Tom stehe ganz eindeutig auf der schwarzen Seite, die des Bösen. Auch seine Frau Marianne glaubt ihm kein Wort, Marianne, die ihn seit seiner Kindheit kannte, die ihn so nahm, wie er war, die ihn liebte. Eine Zeit lang.

Betty möchte eine Beziehung mit ihm beginnen, sie kann ihm unvoreingenommen gegenübertreten. Sie verliebt sich mit ihm. Sie reden miteinander, Tom erzählt ihr alles. Doch er kann sie nicht glücklich machen, ihre Avancen nicht erwidern. Er hat die Fähigkeit verloren, für Frauen Interesse aufzubringen, sagt er. Er erzählt ihr lieber von seinen Erfahrungen im Gefängnis. Und von Luke, seinem Zellengenossen.

Wieso ist Tom zurückgekehrt? Worauf wartet er?

Auf Luke, der tatsächlich nach Falmouth kommt, und nun mit Tom zusammenlebt. Langsam hatten sie sich im Gefängnis angenähert, eine Beziehung aufgebaut. Sich lieben gelernt. So wie sich zwei lieben, die sich verstehen, ohne Worte, ohne große Gesten.

Besson gelingt es in einer sehr unprätentiösen, gefühlvollen Sprache, ein Psychogramm von Menschen zu zeichnen, die von der Gesellschaft zu Außenseitern gemacht werden. Er möchte kein Mitleid für seine Figuren erheischen, er möchte nicht auf die Tränendrüse drücken. Er versucht die Gedanken- und Gefühlswelten seiner Heldinnen und Helden zu verstehen und ohne Wertung zu beschreiben. Dabei gelingen ihm gelegentlich ganz weise Formulierungen, die den Leser zum Nachdenken animieren.

Dieser Roman ist unbedingt zu empfehlen, ein sehr lesenswertes, wertvolles Buch von einem Literaten, der auch in Deutschland eine immer größere Fangemeinde aufgebaut hat.

Der Roman „Einen Augenblick alleine“ von Philippe Besson umfasst 178 Seiten, ist im DTV Verlag im Jahre 2008 erschienen und für 12,90 Euro im Fachhandel erhältlich.

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