Weekend Sex von Mario Dieringer

 

Der Autor Mario Dieringer will mit seinem Buch „Weekendsex“ unterhalten, aber auch helfen. Deshalb stellt er die Erlöse aus dem Verkauf der Jahre 2008 und 2009 in vollem Umfang dem Verein bHIVore e.V. zur Verfügung.

Doch bevor der Autor dazu mehr sagen darf, möchte ich sein Buch vorstellen. Dank seiner Kürze von 124 Seiten, habe ich hier die Möglichkeit, auf viele der Texte einzugehen. In der ersten Geschichte befinden wir uns in einer U-Bahn und beobachten die Menschen, die hineinkommen. Bald sehen wir uns einem Hetero-Pärchen gegenüber, das aus einer schlechten RTL 2-Sendung entstiegen sein könnte. Die Frau trägt schwarze Leggings und hat ein ganz tief ausgeschnittenes Dekolleté, das nur das Nötigste verdeckt. Dicke Lippen, ein Überbiss sonders gleichen und eine blonde wallende Löwenmähne. Dem Mann kleben die langen fettigen Haare am aufgerissenen Kragen der Lederjacke. Er trägt eine knallenge Jeans, ein verblichenes T-Shirt über der Hühnerbrust und spitze, schwarze, ausgelatschte Cowboystiefel. Lautstark reden die beiden über Ihr Sexualleben, so dass es schwer fällt, es nicht mit anzuhören. Die unfreiwilligen Zeugen dieser Unterhaltung verlassen traumatisiert und verstört die U-Bahn. Nicht weniger amüsant ist die Geschichte „Das erste Mal“, in der ein fünfundzwanzigjähriger Mann davon berichtet, wie seine Versuche scheitern, das erste Mal in seinem Leben mit einem Mann Sex zu haben. Mario Dieringer schildert lustig und mit sehr viel Wiedererkennungswert diese Erlebnisse.

Weekendsex beschreibt die Summe der gesammelten Erfahrungen in der grotesken Realität unser aller Tages- und Lebensabläufe. Dabei hat er ein besonderes Augenmerk auf die Tatsache gelegt, dass Menschen in der heutigen Zeit sehr viel Zeit mit neuen Medien verbringen.

Dieringer glaubt zu Recht, dass die neuen Medien unser Leben auf noch ungeahnte Weise verändert haben. Die Wissenschaften müssen erst erforschen, inwieweit sich bereits jetzt, eine Realität entwickelt hat, die sich von der vor zwanzig Jahren grundlegend unterscheidet. Wie verlieben sich beispielsweise Menschen heutzutage? Die Geschichten über Menschen, die sich aus dem Internet kennen, und sich als Paar bezeichnen, obwohl sie sich noch nie im wahren Leben begegnet sind, häufen sich. In den Augen von jüngeren Menschen wird hier kein Qualitätsunterschied zur gewöhnlichen Art des Kennenlernens bemerkt. Unsere Realität hat sich bereits gewandelt. Geschichten wie in „Gut gegen Nordwind“ von Daniel Glattauer sind heutzutage möglich. Menschen bauen sich eine Parallelwelt auf, in der sie aufblühen können.

Bei Schwulen ist die Plattform, in der sie diese Parallelwelt aufbauen, Gayromeo. Hier möchten sie ihren Mann fürs Leben kennenlernen, sich einen Freundeskreis aufbauen und meistens einfach ihren Trieben nachgehen und ein Sex-Date ausmachen. Die Möglichkeiten, sich interessant und attraktiv zu machen, sind zahlreich: Bilder vom besten Stück zählen dazu, aber auch kreativ ausgedachte Headlines. Die witzigsten, interessantesten oder sexuellsten Beispiele hat Mario Dieringer in den Zwischentexten Headlines 1 – 6 zusammengetragen.

„Wenn ich online bin, suche ich meist ein livedate am liebsten Outdoor oder bei mir in meiner Nähe. Bin gerne passiv“ – „Alles kann nix muss“ – „Mens Sana in Campari Soda“ – „Sei geweckt, Du Interesse, Du!“ – „Echte XXL Hengste gesucht“ – „Was ich hier will, finds heraus!“ usw.

Im letzten Text „Log out“ beschreibt Dieringer, wie sich ein Mensch fühlt, der sich in diesem Forum bewegt, mit welchem Frust er zu kämpfen hat. Am Ende trifft er für sich die Entscheidung, dem Ganzen zu entfliehen und sich wieder der herkömmlichen Art, jemanden kennenzulernen, anzunähern.

In weiteren Texten beschäftigt sich der Autor mit vielen Themen, die den schwulen Mann von heute bewegen: In „Partnertest“ gibt er Tipps, worauf man achten sollte, wenn man einen potenziellen Beziehungspartner kennenlernt. In „Affäre“ berichtet er den Alltag eines Mannes, der Geliebter eines Menschen ist, der in einer Beziehung lebt. In „Erinnerungsbilder“ erzählt er vom nächsten Morgen nach einem Besäufnis, das zum Filmriss führte. „Heiratswillig“ begeistert mit der witzigen Schilderung eines stressigen Alltags eines Mannes, der verzweifelt auf der Suche nach seinem Mister Right ist. Letztendlich bemerkt er, dass er doch in Wirklichkeit nur seinen Spaß sucht. Die „Scheiß Bratwurst“ beendet eine Beziehung? Nun, Mario Dieringer reflektiert in diesem Text, wie es zum Ende einer Beziehung kommt, und erklärt, dass manchmal Kleinigkeiten zum Ausbruch führen. Eine altbekannte Weisheit, die aber immer wieder neu gefühlt wird.

Das Buch wird aufgelockert durch Gedichte und Karikaturen des Autoren, die das kleine Sammelsurium von Alltagsbeobachtungen liebevoll komplettieren.

Erschienen ist das Buch unter der ISBN: 3837067602 im BoD-Verlag und kostet 11,99 Euro. Erhältlich ist es im regulären und im Online-Buchhandel.

Veröffentlicht in Buch

Sanssouci von Andreas Maier

 

„Das Paradies ist voller Geschichten, die jeder über jeden erzählt und in denen es weder Wahrheit noch Unwahrheit gibt, sondern alles zusammen wahr ist…“

Dies sagt eine Figur aus Andreas Maiers viertem Roman Sanssouci und gibt damit die Marschrichtung des Textes vor: Der Autor setzt seine im 2005 erschienenen Buch Kirilow schon eingesetzte Stil des Bramarbasierens fort, dem beinahe undurchschaubaren fortwährenden Gequassel und Gerede der Figuren. Diesmal wird es verglichen mit dem Singen der Vögel und zumindest vom „Evangeliusmhorst“ als Wort Gottes angesehen, was er am Luisenplatz, dem „Paradies“, äußert.

Das Schwatzen beginnt schon auf der in Frankfurt stattfindenden Beerdigungsfeier Max Hornungs, dem West-Regisseur, der in den Osten ging, um die Serie „Oststadt“ zu drehen. Die Lebensgeschichten der Gäste, die aus Potsdam anreisen, sind miteinander verwoben und sie teilen einige mehr oder wenige dunkle Geheimnisse. Der russisch-orthodoxe Mönch Alexej begibt sich in die Ostprovinz und nimmt an dem Leben derjenigen teil, die sein verstorbener Freund Max in seiner Serie porträtierte und damit für sehr viel Aufruhr sorgte. In einem Erzählreigen gewinnt die Leserin bzw. der Leser immer mehr Einblicke in diese teils lichte, teils dunkle Welt. Von christlichem Glauben ist hier die Rede, von Moral und Anstand, aber auch vom Gegenteil: Dem Tunnelsystem unter dem Park von Sanssouci mit seinen weitverzweigten Räumen und den S/M-Sitzungen, die darin abgehalten werden, und vom Sozialschmarotzertum.

Andreas Maier stellt seinem Roman einen Ausschnitt aus der Apostelgeschichte aus dem Kapitel Der Aufstand des Demetrius  voran: „Die einen nun schrien dies, die anderen jenes; denn die Versammlung war in Verwirrung, und die meisten wußten nicht, weshalb sie zusammengekommen waren.“ Die Beerdigungsfeier ist die erste chaotisch verlaufende Versammlung, die der 1967 in Bad Nauheim geborene Autor beschreibt. Der Tumult beginnt, wenn die eigenwilligen Zwillinge Heike und Arnold, auftauchen. Im weiteren Verlauf kommt es zu weiteren Zusammentreffen mit Diskussionen, egal, ob im Stadtrat oder auf dem Luisenplatz. Der Höhepunkt folgt am Ende des Romans, wenn gegen die Wiederrichtung der Garnisonskirche demonstriert wird. Die christliche Entsprechung von Demonstrationen sind Prozessionen, in denen man das Allerheiligste (die Monstranz) durch die Straßen trägt. Beispielsweise im Fronleichnamszug zeigen sich die Katholiken in der Öffentlichkeit und demonstrieren ihre Glaubenshaltung. Dass diese Lesart in Bezug auf das Ende gewollt oder zumindest möglich ist, beweist die Teilnahme von Alexej, und vor allem die vorrangige Rolle der beiden Zwillinge, die in diesem Roman viele Beinamen bekommen.

Heike und Arnold werden von mehreren Personen als Engel benannt. Dies ist aus mehreren Gründen spannend. Der Autor Andrej Plesu schreibt: „So wie die Mönche ein irdisches Analogon der Engel sind, sind die Vögel ein Analogon der Mönche in der Natur.“ Dies erklärt das große Interesse der Zwillinge an Alexej und verbindet ihre Schicksale miteinander. Es bringt auch den Luisenplatz mit ins Spiel. Der Topos des Verkünders wird hier vom „Evangeliumshorst“ ausgefüllt, Alexej bekommt diese Funktion unverhofft, wenn er auf dem Kapellenberg nach den Gottesdiensten mit den Gläubigen redet und er zu seinem Erstaunen von ihnen verehrt wird – er strahlt für die Menschen ein Licht aus, das eine dunkle Kammer erstrahlen lässt. Die Obdachlosen am Luisenplatz sind wie die Vögel, die bei den alten Griechen als Lehrmeister der Glückseligkeit galten. In Matthäus Kapitel 6 heißt es: „Seht hin auf die Vögel des Himmels, dass sie nicht säen noch ernten, noch in Scheunen sammeln, und euer himmlischer Vater ernährt sie (doch). Seid ihr nicht viel vorzüglicher als sie? Wer aber unter euch kann mit Sorgen seiner (Lebens-) Länge eine Elle zusetzen?“ Also wieso arbeiten, wenn es auch anders geht? Die alleinerziehende Merle Johansson, deren Sohn Jesus heißt, deutet andere Möglichkeiten an: Sie lässt sich schwängern und in der Folge von einem Mann aushalten.

Doch zurück zu den Engeln: Sie sind Sendboten und Mittler zwischen Gott und Mensch. Diese Rolle üben auch Heike und Maurer in Potsdam aus. Sie verkünden nicht nur Gottes Wort, sondern sie richten auch. Nicht von ungefähr werden sie von Max Hornung in der „Oststadt“ Richter mit Nachnamen genannt. Wenn Grigorij davon erzählt, dass alle Menschen Engel sind, dann muss er sich auch eingestehen, dass es eine Hierarchie gibt: Thomas von Aquin schrieb, „dass die höheren Engel die niederen erleuchten und nicht umgekehrt.“ Von diesem Licht spricht auch der Bulgare, der in Heike diejenige entdeckt, die ihm das Licht gezeigt hat, und die er deswegen wie eine Madonna verehrt. Engel vermengen dunkel und hell, das Dunkle zeigt sich zum Beispiel an ihrer bürokratischen Funktion. Bei den Zwillingen zeigt sich das Dunkle allerdings an der Rolle, die sie im unterirdischen Tunnelsystem spielen. Es ist keineswegs so, dass nur Heike die Verführerin ist, sondern auch Arnold erfüllt diese Aufgabe. Gelegentlich werden sie Adam und Eva genannt, was in die Metaphorik des Luisenplatzes, des „Paradieses“, passt. Die beiden erinnern allerdings andererseits an die beiden Halb- bzw. Zwillingsbrüder Kastor und Pollux (in der griechischen Mythologie Kastor und Polydeukes), den beiden sagenumwobenen Dioskuren. Nach dem Tod des sterblichen Kastor, wird der unsterbliche Polydeukes von Zeus vor die Wahl gestellt, entweder ewig jung zu bleiben und unter den Göttern zu wohnen oder mit Kastor jeweils einen Tag im unterirdischen Reich des Hades (Reich der Toten) und einen Tag im Olymp bei den Göttern zu weilen und dabei zu altern und letztlich zu sterben. Ohne zu überlegen, wählt Polydeukes die zweite Variante und wandert von da an mit seinem Bruder zwischen dem Olymp und dem Hades. Auch hier könnte man eine Analogie zu Heike und Arnold finden.

„Der Glaube braucht keine Worte. Das heißt, der Glaubende braucht keine Worte.“ Dies sagt Alexej, der Schweigende. Die weltliche Gegenmeinung äußert Nils, ein Freund der Zwillinge: „Weißt du, was von der Welt ohne Reden übrigbleibt?“ In diesem Spannungsfeld bewegt sich der Roman von Andreas Maier. Der Glauben wird den Medien und dem Konsum entgegensetzt, das Schweigen und Meditieren dem Quasseln und Schreien, die innere Ruhe, das Licht in einem selbst, dem nach Außen Expandieren, dem Konsumieren. Als Beispiel kann hier Alexejs zufälliges Erscheinen bei der Eröffnung des neuen Karstadt gezählt werden. Der Autor leistet hier Kulturkritik auf andere Weise: Selbst das Ende, das man religiös lesen kann, endet mit einem filmischen Trick, einer Abblende, und symbolisiert den Sieg des Trivialen über das Geistige.

Es gibt Bücher, die einem ans Herz gehen, oder nach Kafka, das innere Eismeer in einem zum Schmelzen bringen. Es gibt aber auch Bücher, die man mit ein bisschen Distanz und auf intellektuelle Weise lesen muss, damit man seinen Spaß hat. Zum Letzteren zähle ich Andreas Maiers Werk. Gelegentlich muss man in der Literatur manche Abschnitte mehrmals lesen, um die Tragweite zu verstehen. Andreas Maier, der 2004 Stadtschreiber in Potsdam werden sollte – was allerdings in einem Fiasko endete, das an Sanssouci erinnert –, lässt die Leserin bzw. den Leser mit ihm durch das „sorgenfreie“ Potsdam, das für die menschlichen Abgründe steht, gehen (fast so wie die „Spaziergängerin“ Romy Schneider), dabei spart er nicht an Lichtgestalten und dunklen Geheimnissen. Ein Kopfkino für Menschen, die das Aufspüren einer Tiefe unter der Oberfläche schätzen.

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Mit seinen Augen von Jan Stressenreuter

 

In den 50er Jahren gilt in der Bundesrepublik noch folgendes Gesetz, das aus dem Jahre 1935 stammt:

§ 175

(1) Ein Mann, der mit einem anderen Mann Unzucht treibt oder sich von ihm zur Unzucht mißbrauchen läßt, wird mit Gefängnis bestraft.

(2) Bei einem Beteiligten, der zu Zeit der Tat noch nicht einundzwanzig Jahre alt war, kann das Gericht in besonders leichten Fällen von Strafe absehen.

§ 175a

Mit Zuchthaus bis zu zehn Jahren, bei mildernden Umständen mit Gefängnis nicht unter drei Monaten wird bestraft:

1. ein Mann, der einen anderen Mann mit Gewalt oder durch Drohung mit gegenwärtiger Gefahr für Leib oder Leben nötigt, mit ihm Unzucht zu treiben, oder sich von ihm zur Unzucht mißbrauchen zu lassen;

2. ein Mann, der einen anderen Mann unter Mißbrauch einer durch ein Dienst-, Arbeits- oder Unterordnungsverhältnis begründeten Abhängigkeit bestimmt, mit ihm Unzucht zu treiben oder sich von ihm zur Unzucht mißbrauchen zu lassen;

3. ein Mann über einundzwanzig Jahre, der eine männliche Person unter einundzwanzig Jahren verführt, mit ihm Unzucht zu treiben oder sich von ihm zur Unzucht mißbrauchen zu lassen;

4. ein Mann, der gewerbsmäßig mit Männern Unzucht treibt oder von Männern sich zur Unzucht mißbrauchen läßt oder sich dazu anbietet.

§ 175b

Die widernatürliche Unzucht, welche von Menschen mit Tieren begangen wird, ist mit Gefängnis zu bestrafen; auch kann auf Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte erkannt werden.

 

Felix heißt die Hauptperson in diesem Roman. Felix heißt „Der Glückliche“. Doch glücklich ist der Mitte-Vierzigjährige nicht. Seit zehn Jahren ist er mit seinem Freund Manfred zusammen. Der Alltag ist eingekehrt, er spürt keine Leidenschaft mehr. Alles erscheint ihm leer, dumpf, leidenschaftslos. Die Luft ist raus. Dann erhält er einen Anruf von der Pflegerin seiner todkranken Mutter. Kaum ist er in seinem alten Zuhause angekommen, stirbt sie auch schon. Sie hatten nicht mehr miteinander gesprochen, seitdem sie ihn, als er achtzehn war, aus dem Haus geschmissen hatte. Der Grund: sein Schwulsein, das sie nicht akzeptieren wollte. Nach ihrem Tod geht er die Sachen durch, auf der Suche nach Informationen über seinen Vater, der verstarb, als Felix ein Jahr alt war. Auf dem Dachboden entdeckt er dann eine Truhe mit alten Briefen und Tagebüchern seines Vaters. Schon bald entdeckt er das Unfassbare: Auch sein Vater war schwul gewesen. Er sucht die große Liebe dessen Lebens, der wie der Zufall es will, Felix´ Nachbar in Köln ist. Anton, der mittlerweile in einem Altenheim wohnt, erzählt die Geschichte einer gescheiterten Liebe. Felix lernt in dieser turbulenten Woche sehr viel über seinen Vater, seine Mutter, seinen Großvater, aber auch über sich und Manfred…

Jan Stressenreuter, Jahrgang 1961, hat vor diesem Roman bereits drei andere Romane im Quer-Verlag veröffentlicht. Mit dem neuen Werk „Mit seinen Augen“ hat er ein spannendes, authentisches Buch über eine Zeit geschrieben, die für schwule Männer nicht einfach war. Er schreibt über eine Liebe in den Fünfziger Jahren. Über Herbert und Anton. Doch Herbert kann nicht zu seiner Liebe stehen, verlässt Anton, und heiratet Maria. Sie zeugen ein Kind, das sie Felix nennen.

Er schreibt darüber, dass schwule Männer ihren Sex heimlich in Klappen suchen mussten, in der Öffentlichkeit sich nicht berühren durften. Nicht einmal in Kneipen, in denen sie sich trafen, durften sie sich berühren. Verhältnisse wie beim CSD, bei dem man Händchen haltend durch die Straßen zieht, sich öffentlich küsst und begrapscht, waren damals mehr als utopisch. Wenn Leute den Eindruck hatten, dass ihr Nachbar mit seinem männlichen Besuch eine sexuelle Beziehung führen könnte, wurde der denunziert. Es gab Listen, auf denen die Namen der schwulen Männer standen. Sie konnten damit rechnen, gekündigt zu werden, wenn dies bekannt wurde. Ihre Karriere war ruiniert, und somit häufig auch ihr Leben. In Klappen gab es regelmäßig Razzien. Oft wurden schwule Männer verhaftet. Im Gefängnis waren sie ganz unten in der Hierarchie. Und jeder weiß, was das bedeutet. Halbstarke versuchten Eintritt in den Kneipen zu erlangen und verprügelten die schwulen Männer.

Dies erfährt Felix in den Geschichten Antons. Zunächst hat er kein Verständnis für seinen Vater Herbert, doch mehr und mehr kommt er hinter die ganze ungeheuerliche Geschichte, wie sie sich wirklich zugetragen hat… und wie sein Vater tatsächlich zu Tode kam.

Zuhörer der Lesungen, die diese Zeit in den Fünfziger Jahren bewusst erlebt haben, sagen: Ja, genau so war es! Jan Stressenreuter hat sehr gut recherchiert und beschreibt die Zeit damals realistisch und spannend. Dieses Buch ist ein Muss für all diejenigen, die sich mit dem Thema Schwulsein befassen möchten. Das schließt heterosexuelle Menschen genauso ein wie schwule und lesbische. Noch dazu ist es spannend wie ein Krimi geschrieben und hat auch alle anderen Merkmale eines guten Romanes. Es ist flüssig zu lesen, das Emotionale kommt auch nicht zu kurz. Und in der Rahmenhandlung wirft Stressenreuter einen kritischen Blick auf schwule Beziehungen in der gegenwärtigen Zeit. Wie groß ist der Kontrast zur beschriebenen Zeit in der Vergangenheit. Interessant sind jedoch nicht nur die Unterschiede zwischen der Beziehung Felix´ mit Manfred und der von Herbert und Anton, sondern auch die Gemeinsamkeiten, die offenbart werden.

„Mit seinen Augen“ von Jan Stressenreuter ist ein absolut lesenswerter Roman, der beim Quer-Verlag erschienen ist, 333 Seiten umfasst und für 14,90 Euro im Fachhandel erhältlich ist.

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Oben ist es still von Gerbrand Bakker

 

Ich sage es gleich zu Anfang: Das ist ein Buch, das man entweder liebt oder bald weglegt. In Holland wurde dieser Roman 2006 mit den zwei wichtigsten Preisen für literarische Debuts beehrt. Er wurde bereits für die Bühne adaptiert und gerade verfilmt. Doch worum geht es in dieser Geschichte?

Ein fünfundfünfzigjähriger Mann namens Helmer lebt auf einem Bauernhof. Der Roman beginnt damit, dass er seinen im Sterben liegenden Vater nach oben schleppt, ihm ein neues Zimmer herrichtet. Das ist erst der Anfang seiner Renovierungsaktion. Nach und nach dekoriert er um, kauft sich sogar ein neues Bett. Außenkontakte hat er kaum. Seine Nachbarin Ada besucht ihn, ihre beiden Söhne tauchen auf, manchmal kommt einer der beiden Milchmänner. Der eine von beiden ist alt und mürrisch, der andere ist ewig lächelnd und gut gelaunt. Die Zeit scheint still zu stehen. Dann kriegt er einen Brief von Riet, der ehemaligen Freundin seines verstorbenen Zwillingsbruders Henk, und es verändert sich etwas. Er denkt über sein Leben nach, erinnert sich an Henk, in dessen Bett er jahrelang geschlüpft ist, bis der Riet kennenlernte. Als diese ihren Führerschein bekommt, fahren Henk und sie spazieren. Da passiert ein Unglück: Henk verunglückt tödlich, Riet wird nach einigen Tagen von Helmers Vater aus dem Haus geschmissen. Fort an muss Helmer die Rolle des um Minuten älteren Bruders auf dem Bauernhof übernehmen. Sein begonnenes Studium in Amsterdam muss er beenden. Als Riet nach so langer Zeit wieder in sein Leben tritt, macht sie dies vor allem, weil sie seine Hilfe braucht. Sie möchte ihren Sohn Henk auf den Hof schicken, damit er sich als Knecht verdingt und wieder in die richtige Spur gerät. Der Junge baut sogar eine Beziehung zu dem Vater auf. Am Ende stirbt dieser und Helmer kriegt die Gelegenheit, wieder Luft zu bekommen, und seine erste Reise anzutreten.

Helmer ist ein merkwürdiger Mensch, ein Charakter, den manche vielleicht nicht verstehen können. In einem Alter, in dem Jungen rebellieren, ihre Selbständigkeit als wichtigste Priorität setzen, traut er sich nicht Nein zu sagen. Und lebt dann mit dieser Entscheidung. Jahrzehntelang. Sein despotischer Vater entscheidet zunächst, dass Henk den Hof beerbt, wahrscheinlich weil der zu einem bestimmten Zeitpunkt am richtigen Ort war, während Helmer gerade mit dem Knecht Jaap Schlittschuhlaufen ist. Henk ist immer schneller, beim Verlieben auch, er ist kommunikativer, robuster. Helmer ist sensibel. Er möchte Literatur studieren und wird sehr unfreiwillig Bauer. Dazu muss gesagt werden, dass man nach Lektüre des Klappentextes den Eindruck gewinnt, dass er erst seit kurzem unfreiwilligerweise Landwirt ist. Doch dem ist nicht so, da darf man sich nicht täuschen lassen. Das ist auch der Punkt, der kaum verstehbar ist. Wieso braucht er mehr als fünfunddreißig Jahre, um sich zu emanzipieren?

Nun wartet er darauf, dass sein Vater stirbt. Er versorgt ihn, mehr schlecht als recht. Wenn er Lust hat, gibt er ihm etwas zu essen, wenn er dazu kommt, bringt er ihn aufs Töpfchen, wenn es ihm passt, wäscht er ihn, gelegentlich auch mit kaltem Wasser. Er schottet ihn von den anderen ab. Wenn Ada zu Besuch kommt, sagt er, dass der Vater schläft. Helmer hat keinen Fernseher, er liest keine Bücher, er hat keine Hobbies. Helmer redet auch kaum etwas. Und so kommt es grundsätzlich zu merkwürdigen Unterhaltungen, in denen man mitliest, und in Gedanken schreit: Helmer, jetzt sag das und das in Gottesnamen! Aber nein, er tut es nicht. Mit seinem Vater hat er in seinem Leben keine vernünftige Unterhaltung geführt. Bis zum Schluss. Und da flammt dann der Gedanke auf, dass dieses Dahinsiechenlassen vielleicht sogar ein Liebesdienst an ihn ist.

Helmer war noch nie in Urlaub. Doch ihn fasziniert Dänemark. Er kauft sich eine schöne Landkarte, hängt sie sich in sein Schlafzimmer und lernt die Orte auswendig. Nur wenige Erlebnisse in seinem Leben scheinen ihm Freude gemacht zu haben. Und in allen kommt der ehemalige Knecht Jaap vor, der allerdings von seinem Vater gefeuert wird. Jaap brachte ihm das Schwimmen bei, ging mit ihm Schlittschuhlaufen. Nachdem der Knecht weg ist, besucht ihn Helmer noch ein paar Mal in dessen Häuschen. Beim letzten Besuch wird er von ihm auf den Mund geküsst. Dann zieht Jaap nach Dänemark… Am Ende des Buches, zufälligerweise gerade als der Vater verstorben ist, taucht der Knecht wieder auf, und nimmt Helmer mit auf eine Reise nach Jütland.

Dieses Buch ist eine Geschichte über ungestillte Sehnsucht. Helmer ist niemals über den Verlust seines Zwillingsbruders hinweggekommen. Er hat genauso wie sein „siamesischer Bruder“ Henk einfach aufgehört zu leben. Gerbrand Bakkers Mutter sagt, dass es ein deprimierendes Buch ist. Ich stimme ihr zu. Andere werden es witzig und skurril finden. Ganz sicher. Es kommt auf den Humor an, den man hat. Für den ein oder anderen ist das eine ganz fremde Welt, die beschrieben wird. Vielleicht warten die Leser etwas, erwarten, dass etwas passiert, warten aber vergeblich. Doch eines merkt man sofort: Dieses Buch ist ungewöhnlich gut geschrieben. Man kann es nicht recht in Worte fassen, doch die Sprache Bakkers, die von Andreas Ecke hervorragend ins Deutsche übertragen wurde, hat eine Klarheit, eine Präzision, eine Stilsicherheit, wie man sie selten findet.

Homosexualität wird sehr subtil angedeutet. Sie wird kein einziges Mal benannt, ist aber immer vorhanden. Auch diese lebt Helmer nie aus. Vielleicht am Schluss? Dass sein Vater ihn verdächtigt, schwul zu sein, erfahren wir gegen Schluss des Buches. Dass Jaap damit zu tun haben könnte, vermuten wir schon früher. Und was ist mit seinem Zwillingsbruder Henk? Und was ist mit Riets Sohn Henk, der für zwei Monate bei ihm weilt?

Dies ist kein Buch für Menschen, die ungeduldig sind. Es ist kein Buch für Menschen, die keine fünf Minuten Unzufriedenheit aushalten. Es ist aber ein Buch für Menschen, die kauzigen Humor mögen, die präzise Landschaftsbeschreibungen lieben und Hollywood-Geschichten hassen.

Der Roman „Oben ist es still“ von Gerbrand Bakker, welches übrigens von einem tollen Coverbild von Marcel ter Bekke geziert wird, ist ihm Suhrkamp Verlag erschienen. Es umfasst 314 Seiten und ist für 19,80 Euro im Fachhandel erhältlich.

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