Keine Helden von Uwe Szymborski

 

Der Roman spielt im Leipzig Ende der 80er Jahre: Mark ist ein junger Mann, der mitten in der Pubertät steckt und sich einfach treiben lässt. Die Schule nervt ihn natürlich, ebenso die Verpflichtungen, die mit der Tatsache verbunden sind, dass er in der DDR lebt. Er muss zu den Jungpionieren, später wird er derjenige, der für die sozialistische Wandzeitung in seiner Klasse verantwortlich ist. Vielmehr umtreiben ihn allerdings seine ersten Schwärmereien, die allerdings nicht Mädchen gelten, sondern seinen Mitschülern. Er sammelt erste Erfahrungen mit Pitti, einem Mitschüler. Nach der Schule trennen sich ihre Wege und bei seiner Kochlehre lernt Mark Raymond, der von achtzehnjährigen pornografische Fotos macht und sich hinterher mit ihnen sexuell vergnügt. Als Mark ihn besucht, lernt er Pascal kennen, einen jungen Punk, der bei Messen als Stricher arbeitet und von Wessis gutes Geld bekommt. Doch er hat kein Glück bei diesem erfahrenen Jungen. Eines Tages wird er bei einer Demo festgenommen und trifft auf seinen ehemaligen Kollegen Pitti. Mit ihm zusammen erlebt er beim Mauerfall in der Westberliner Schwulenszene ganz neue Möglichkeiten, seine sexuellen Wünsche zu entwickeln.

Der Autor Uwe Szymborski wurde 1964 in Sachsen geboren und lebt seit 1992 in Hannover. In diesem Roman erzählt er seine Erfahrungen aus der Schulzeit. Ursprünglich hieß sein Werk „Baby Bottom“, was einen bedeutenden Handlungsstrang der Geschichte charakterisiert.

Aber immerhin – SEIN Sklave, Pittis. Für ihn da sein, ganz und gar. Ihm jeden Wunsch von den Augen ablesen, nich an sich selbst denken, sondern an ihn, und nur an IHN! Und überhaupt: Sklave – das klingt doch gar nicht so schlecht. Jedenfalls in der Kombination: Pittis Sklave, Pittis persönlicher Boy. Friss den Schnee. Gesicht zur Wand. Hände hintern Kopf! Erst eine ganze Weile später merke ich, wie lange ich ihn schon wortlos anstarre.

Im Westen angekommen, entdecken sie also eine neue Lebensform, Pitti und Mark. Letzterer hat sich schon zu Schulzeiten von Ersterem rumschubsen lassen, mit ihm Mathe gelernt, mit ihm erste sexuelle Erfahrungen gesammelt, wobei natürlich Pitti eindeutig das Sagen hatte.

Das Verhältnis zwischen und mir is anders als früher, ganz anders. Seit wir uns regelmäßig treffen und seit wir zusammen Dinge tun, von denen wir den anderen nich erzählen, sind wir beiden so etwas wie ein verschworenes Team. Freundschaft? Nein, Freundschaft kann man es wohl nich nennen. Mike war mein Freund. Er war ein Kumpel, mit dem man durch dick und dünn gehen konnte. Pitti is anders. Pitti is einfach cool. Pitti is mein Boss.

Der neue Namen „Keine Helden“ steht für eine bestimmte Haltung der meisten Figuren dieses Buches. Mark ist naiv und fügt sich allen Regeln und Gesetze, die ihm aufgebürdet werden. Er sieht nichts Schlechtes am System DDR, er ist ein Mitläufer, der dringendere Probleme hat. Gegen Ende trifft er auch engagierte Menschen wie Jens, der etwas ändern möchte. Zunächst möchte Mark ihm nicht recht glauben.

Wahlfälschung, das klingt nach Betrug, nach Fernsehkrimi. Vielleicht kommt da irgendeine ungeheure Sache ans Tageslicht. Vielleicht werden ´n paar Typen in Handschellen abgeführt. Vielleicht darf man darüber gar nich laut reden. Aber, im Grunde genommen is das doch alles horrender Blödsinn, ´n Scheißwitz. Wahlen gibt es, seit es die DDR gibt. Immer war das Wahlergebnis, soweit ich mich erinnern kann, so hoch. Und hat etwa nur ein einziges Mal was in der Zeitung gestanden von wegen Wahlfälschung? Hat sich irgendwann mal irgendeine Fotze aufgeregt wegen so was?

Als Ronny, ein Mitschüler, der zusammen mit seinen Eltern in den Westen auswandern möchte, mit ihm redet, versteht er ihn nicht.

„Und was is mit dir selber? Was willste nach der Schule machen? Denkste, du kriegst dort ´ne Lehrstelle?“

„Dort haste doch gar keine Zukunft“, mein Ronald.

Das macht Ronny für einen Moment sprachlos. Aber nich lange.

„Ey, eins sag ich dir“, sagt er, „dort drüben hab ich vielleicht keine Zukunft. Aber hier hat der ganze Staat keine.“

Scheiße, was soll ich darauf sagen. Alles, was er sagt, klingt einigermaßen logisch, hört sich richtig an. Und trotzdem weiß ich, dass es insgesamt falsch is, dass es gar nich richtig sein kann. Die ganze Arbeitslosigkeit, die Kriminalität im Westen – das kann man doch auch nich einfach vergessen.

Szymborski legt seinen Helden beziehungsweise Anti-Helden die Sprache der ostdeutschen Jugend in den Mund, was für uns WESSIS ganz interessant erscheint. Formulierungen wie: „Du machst dich voll zum Klops“, „ is doch alles voll Aule“, „ich habe meinen Otto in der Hand“ und „Weichköppe“ kommen oft vor. Noch amüsanter ist für Außenstehende die Funktionärssprache der DDR, die einem allenthalben begegnete:

„Ihr konntet in den vergangenen Tagen verfolgen, wie in Anbetracht der extremen Winterwetterlage unsere sozialistischen Staatsorgane und die Werktätigen der volkseigenen Betriebe und Kombinate verstärkte Anstrengungen unternehmen, um auch unter diesen komplizierten Bedingungen die Situation zu meistern und die Planerfüllung in der Volkswirtschaft unter allen Umständen zu sichern.“

Dies ist ein ganz besonderes Coming-of-Age-Buch. Da hat einer ein Coming-Out, der in einem System aufwächst, das sicherlich nicht demokratisch und bestimmt nicht fair ist. Doch das wird unterwandert, und wir lernen, wie es Schwule in der DDR gehandhabt haben. Da ist Pascal, der auf den Strich geht, Raymond, der junge Männer pornografisch fotografiert und mit ihnen Sex hat. Und dann fällt plötzlich die Mauer und die jungen Herren erleben eine ganz neue Welt, in der es Darkrooms und Sexsklaven gibt.

Der Roman „Keine Helden“ von Uwe Szymborski ist beim Männerschwarm-Verlag erschienen, umfasst 192 Seiten und ist für zwölf Euro im Fachhandel erhältlich.

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Den Jungs geht´s gut von John Preston

 

Im Werk von John Preston geht es um das amerikanische Schwulen-Mekka Provincetown, das schon in den Sechziger-, Siebziger- und Achtzigerjahre ein Eldorado für die Schwulen war, die von überall her anreisten, um dort den Sommer zu verbringen. Im Mittelpunkt der Geschichten steht Franny, eine „auberginenförmige Transe“. Sie versammelt Bodybuilder, Tunten und Ledermänner um sich, die alle in diesem Buch zu Wort kommen. Franny kämpft darum, dass es ihren Jungs immer gut geht, egal was passiert. John Preston lässt in den einzelnen Stimmen die Geschichte der homosexuellen Befreiung Amerikas Revue passieren.

John Preston wurde in den 1950er Jahren in Medfield, Massachusetts geboren. Er begann seine Schriftstellerlaufbahn als Autor pornografischer Erzählungen in schwulen Monatsmagazinen, die ihn zwar als „Mr. S/M“ schnell berühmt machten, aber auch als „Schmuddelkind“ des schwulen Literaturbetriebs abstempelten. Als Mitherausgeber des renommierten „Advocate“ und Herausgeber zahlreicher Anthologien erwies er sich in den späten 1980er Jahren als einer der fruchtbarsten schwulen Publizisten Amerikas. Preston starb 1994 an den Folgen von Aids. Er stellte sich bewusst gegen den Violent Quill Club, einer Vereinigung von schwulen Autoren. Sie waren ihm zu elitär. Er wollte Literatur für alle verschiedenen homosexuellen Männer. Mit diesem Werk sagte er diesen elitären Herren: „Ihr könnt mich mal!“

Es ist zugegebenermaßen kein großes Buch, doch lesenswert ist es allemal. Wieso?

Gerade in diesen Zeiten, in denen viele homosexuelle Männer in Deutschland sich in absoluter Freiheit wähnen, in Großstädten wie Frankfurt händchenhaltend durch die Stadt laufen können, beim CSD mit den schrillsten Outfits auftreten können, tagelang feiern und im Zentrum des Interesses sind, tut es Not, in die Vergangenheit zu reisen. Als dies alles nicht so selbstverständlich war, als man nicht „Queer as folk“ und „L-Word“ oder „Sex and the City“ anschaute. Als man noch nicht die Trends für die ganze Gesellschaft setzte, als es noch nicht chic war, schwul zu sein.

Auch heute gibt es viele Benachteiligungen und Diskriminierungen, die homosexuelle Menschen auf der ganzen Welt erleiden müssen. Der Kampf ist noch nicht beendet. Aber viele schwule Männer versperren diesen Blick davor. Franny, die Hauptperson dieser Geschichte, wendet ihren Blick nicht ab. Nein, sie hilft jungen, aber auch älteren Schwulen bei ihrem Leben, bei ihrem Kampf, einen anderen Status für die gesamte Minderheit zu erlangen. Sie macht den Menschen Mut, diese tapfere Transe, sie opfert sich letztendlich auf, in einer Pension, die sie mit ihrer Kollegin, einer erfolgreichen Show-Transe, in der sie eine Auffangstation für an AIDS-erkrankte Männer aufbaut. So wie sie ihr ganzes Leben schon, Menschen aufgebaut, sich um sie gekümmert und sich aufgeopfert hat, tut sie dies auch in den letzten Monaten dieser todkranken Männer.

Eines Tages kauft  sich Franny einen bildhübschen rosa Angora- Pullover, der ihr wahnsinnig gut gefällt. Er ist letztendlich Schuld an ihrem ersten Aha-Effekt, der ihr weiteres Leben prägt, als sie nämlich in einem Park, durch den sie läuft, von jungen Männern als „Schwuler“ und „Tunte“ und „Trine“ beschimpft wird.

Aber dann schaltete ich. Ich hatte mich bucklig geschuftet, bis sich das Trinkgeld zusammengekratzt hatte, um den Pullover zu kaufen. Verdammt, was war denn in mich gefahren, dass ich mir von ein paar Rotznasen, die sich noch nicht mal rasieren mussten, verbieten ließ, ihn anzuziehen? So weit kam es noch! Also reckte ich das Kinn und stolzierte mit hoch erhobenem Kopf an ihnen vorbei. Seitdem hab ich mich nie mehr klein gemacht. Na schön, dachte ich bei mir, wenn ich sowieso schon so weit rauswagst, kannst Du doch gleich mal nachsehen, ob’s da draußen noch mehr gibt so wie dich.

Dies denken sich auch heute noch viele Teenies in unseren Schulen, insbesondere in kleineren Städten und Dörfern. Noch ist es nämlich schwierig, sich öffentlich zu outen, insbesondere als Junge mit Migrationshintergrund oder aus einer niederen Sozialschicht. Der Kampf ist noch nicht beendet. Feiern ist schön und gut, das machen die Helden aus diesem Buch auch, und es gehört sogar zu ihrem Programm. Wie in der Szene, als Polizisten eine Razzia in einem Club machen möchten, und jeden einsperren möchten, der mit einem anderen Mann tanzt. Sie wehren sich und letztendlich verschwinden die Polizisten. Ein kleiner Sieg. Solche kleinen Siege sind noch heute nötig. Aber so wie man deutschen Menschen seit jeher sagt, man solle einen Blick in die Geschichte dieses Volkes werfen und für die Zukunft lernen, lege ich auch jedem Schwulen die Lektüre dieses Buches nahe, gerade auch wegen des Vorwortes.

Dieses Buch ist keine große Kunst, aber es ist die Geschichte der Schwulen, es ist kämpferisch, hoffnungsvoll und damals, als es zuerst in Amerika veröffentlicht wurde, eine mutige Kampfansage an die konservativen Kräfte.

Der Roman Buch  „Den Jungs geht´s gut – Geschichten aus Provincetown“ von John Preston umfasst 155 Seiten, ist im Männerschwarmverlag erschienen und für 14 Euro in kartonierter Version im Fachhandel zu beziehen.

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Selbstverständlich schwul! von Manuel Sandrino

 

Die Hauptrolle im Roman „Selbstverständlich schwul!“ vom Schweizer Autoren Manuel Sandrino spielt Timmy. Er ist ein schüchterner, verklemmter, junger Mann, gerade 20 geworden, und hat von seinen Eltern einen Auslandsaufenthalt geschenkt bekommen. Sie wünschen sich, dass er nach Sydney zur Oma fliegt. Er allerdings kriegt von einem Berner Freund den Rat, nach San Francisco zu reisen, um sechs Wochen lang, einen Sprachkurs zu besuchen. Doch weniger um seine bereits gut ausgeprägten Englischkenntnisse aufzubessern, als vielmehr nicht mehr ganz so verklemmt zu sein. Er möchte zu einer Schule, die mit dem Motto „Selbstverständlich schwul!“ wirbt. Dort entdeckt er nicht nur das Geheimnis der Erotik, sondern vor allem einen ganz neuen Sinn des Lebens.

Schon am ersten Tag erkennt Timmy an der neuen Schule, dass seine Hemmungen nichts weiter als Ängste vor seinen eigenen Stärken sind. Peinlicher als das Hasenkostüm bei seiner ersten Lektion in der Theaterklasse könnte nichts mehr werden, denkt Timmy. Doch damit beginnen erst die nackten und schamlosen Abenteuer in diesem Roman. Er wird nicht nur zum Lehrobjekt im Geschichtsunterricht, sondern auch beim Tantra-Seminar. Timmy stolpert naiv in die eine oder andere haarsträubende Situation. Er wird dabei ständig gefilmt. Zum Beispiel, wenn er sich die Schamhaare bei einem normalen Frisör vor Publikum abrasieren lässt. Oder wie er nackt mit einem Kollegen aus der Sprachschule Autos wäscht und am Ende sogar wilden Sex auf der Motorhaube hat. Timmy wird nach einem Auftritt bei einer Schwulen-Olympiade zum Symbol einer neuen Bewegung hochstilisiert. Viele Konservative sehen in ihm den Zerfall der bürgerlichen Moral. Er soll entführt und gar umgebracht werden.

Lehnen Sie sich zurück und genießen Sie die Reise eines Helden, der nackt sich selbst und der Welt begegnet.

Dies steht auf der Rückseite des Buches. Der geneigte Zuhörer kann sich an dieser Stelle gerne zurücklehnen und einen Eindruck gewinnen, wie sich das dann anhört:

Das Publikum ruft und brüllt, doch ich kann nichts verstehen. Tanze!, höre ich in einer fremden Sprache, die ich nicht zuordnen kann, aber meine Muttersprache ist. Das Licht um mich verdichtet sich. Vor mir im Kreis sitzen halbnackte Männer. Als Manifestation des Fruchtbarkeitsgottes musst du den Boden fruchten. Ich kenne das Ritual. Dass ausgerechnet ich in diesem Frühling dafür auserwählt wurde, wundert mich. Dies ist die Probe und der letzte Test. Die Männer gehören zu meinem Stamm. Stolz werfe ich meinen Kopf in den Nacken und blähe meine Brust, während mein Szepter anschwillt. Ich darf es nicht berühren. Es muss von sich aus sprudeln, so will es das Ritual. Nur so wird die Erde fruchtbar und die Ernte reich. Dann spüre ich es. Alles Leben ruht in meinem Samen. Unmanifestiert wartet es darauf zu begatten, zu keimen und zu segnen.

Timmy ist natürlich wunderschön, er ist nicht nur zwanzig, sondern auch 195 cm groß, durchtrainiert, hat das schönste männliche Geschlechtsteil auf Erden undsoweiter.

Doch weiter im Text:

Mit Augenbinden, einer Klammer auf der Nase, einen weiten Umhang und Stiefeln betreten wir den Garten. Der Umhang hindert die Luft, mich zu berühren und die Stiefel, um mit den nackten Füßen wahrzunehmen. Ich fühle nichts. Ich rieche nichts. Ich sehe nichts. Er Wind ist das Erste, was ich höre: sein Streifen durch die Büsche und die Baumwipfel. Höre mein Blut in den Ohren und durch meine Venen und Arterien fließen. Ich höre Sören atmen. Er isst den Wind, nimmt ihn auf und lässt ihn wieder frei. Das Zirpen einer Grille erfüllt mein ganzes Sein. Ein Vogel ruft seine Vogelfreunde. Wer bin ich? Ein Vogelbruder? Ein Gefäß für den Wind? Auch Sören ist nach der Übung seltsam still. Auch er ist von der Erfahrung berührt und scheint etwas weiser geworden.

Ach, ich will dem geneigten Leser nicht weitere Textproben ersparen:

Ich schleudere meine Schuhe fort, kaum dass ich den Rasen im Motelgarten betrete. Lasslo erkennt mich und winkt mir zu. Ziehe mir mein Shirt über den Kopf und knöpfe meine Hose auf. Ich will die Welt spüren. Der Wind soll mich liebkosen. Ich will ihn atmen. Lasslo steht auf und kommt auf mich zu. Ich lasse meine Boxershorts fallen. „Jetzt erst erkenne ich dich!“, sieht er mich wie verwandelt an. „Du bist doch der Junge aus dem Fernsehen?“, starrt er auf die Stelle, wo kein Härchen sprießt.

Denn Timmy ist so gut wie im ganzen Roman nackt. Und die Hälfte dieser Zeit steht sein kleines, großes Kerlchen. Nun ja.

Aus diesen Textbeispielen kann man einiges folgern. Zunächst: Wer Kitsch nicht mag, sollte dieses Buch nicht lesen. Das ist ein Buch, das garantiert zu lang und ausschweifend ist. Eher für Menschen, die auch noch die Pointe eines Witzes genauestens erklärt haben möchten. Leerstellen gibt es in diesem Roman nicht. Aber das ist ja in Ordnung. Jedem das Seine, und wen diese Zeilen noch nicht abgeschreckt haben… der kann das Buch gerne lesen. Abschrecken darf  einen aber dann auch nicht, dass das Personalpronomen ICH in den meisten Fällen ausgespart wird. Man darf sich auch nicht daran stören, dass nach wörtlicher Rede grundsätzlich falsch fortgefahren wird. Es sollte auch nicht für schlimm befunden werden, dass es praktisch keine Lektoratsarbeit gab an diesem Buch. Da werden Buchstaben vergessen, falsche Grammatik und Rechtschreibung lässt sich auf jeder Seite finden. Scheint aber dem Himmelsstürmer auch nicht allzu wichtig zu sein. So lange genug Sex vorkommt, ist doch alles in Ordnung. Wer stört sich schon an solchen Kleinigkeiten. Wen interessiert die präzise Verwendung der deutschen Sprache? Und wen interessiert die Glaubwürdigkeit des Inhalts? Ist doch nur ein Roman, oder?

Denn realistisch ist so gut wie gar nichts in diesem so genannten Abenteuerroman. Timmy verdient ungefähr den Gegenwert eines wunderschönen Wagens auf seinen unzähligen Strips, Sex-Foto-Sessions und Sex-Streifen, an denen er beteiligt ist. Auch dass ein Bürgermeister im San Francisco der Achtziger Jahre Timmy für seine Nacktheit bewundern soll, und alles tut, um ihn zu schützen, ist etwas unglaubwürdig. Zehn Männer wochenlang auf Timmys Fährte setzen? Sich mit ihm brüsten wollen, um bei den Wählern anzukommen? Nun ja.

Aber gut. Jeder sollte sich selbst ein Bild von diesem Roman machen. Manches daran ist durchaus sympathisch, manches ist unfreiwillig komisch, manches ist für jeden anderen außer mir erotisch.

Der Roman „Selbstverständlich schwul!“ von Manuel Sandrino umfasst, 372 Seiten, ist im Himmelsstürmer Verlag erschienen, und für 16,90 Euro im Fachhandel erhältlich.

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Staub im Schnee von Ernst Solèr

 

Yves Schneider, Moderator und landesweit bekannte Glücksfee der schweizerischen Zahlenlotterie, wird brutal ermordet. Die Gerüchteküche brodelt, der Kreis der Verdächtigen ist groß. Hauptmann Fred Staub von der Zürcher Kantonspolizei und seine KollegInnen müssen seinen Mörder finden. Sie geraten dabei in das flirrende Ambiente des Schweizer Fernsehens, wo zwischen grantigen Regisseuren und adretten Redakteuren die höchste Schwulendichte Zentraleuropas festzustellen ist. Fred Staub deckt binnen kürzester Zeit einen Betrugsskandal in Millionenhöhe auf. Die Öffentlichkeit ist voll des Lobes angesichts der raschen Aufklärung – doch Staub geht das Ganze eine Spur zu schnell. Bei seinen Nachforschungen stellt er fest, dass sein Misstrauen durchaus berechtigt ist und es bei Schneiders Mord um weit mehr geht als um ein paar Millionen Schweizer Franken …

Diesen Kriminalroman entdeckte ich auf der Buchmesse, als ich gerade auf der Suche nach neuen schönen Werken mit homosexuellem Inhalt für Radiosub war. Ich stolperte über den grafit-Verlag, einen kleinen Verlag mit wunderschönen Büchern. Ganz fasziniert vom Cover blieb ich am Regal stehen und schaute mir zufällig das Buch von Solèr an. Ich fragte nach einem Rezensionsexemplar mit Begründung, dass ich schwule Bücher für ein Radiomagazin bespreche. Nun, war die Antwort, das ist kein Schwulenbuch.

So möchte ich ein paar Worte zu diesem Begriff verlieren. SCHWULENBUCH.  Was ist die Schwierigkeit bei diesem Wort? Ein Gunther Geltinger mit „Mensch Engel“ ist kein Schwulenbuch, obgleich es eine Hauptfigur hat, die schwul ist. „Den Jungs geht´s gut – Geschichten aus Provincetown“ von John Preston hingegen ist ein Schwulenbuch. Wieso? Das erste Buch thematisiert nicht die Homosexualität, sie ist eine Eigenschaft der Hauptperson, die selbstverständlich erscheint. Sie ist aber nicht relevant für die Geschichte. Prestons Thema ist hingegen der Kampf von Homosexuellen gegen Ausgrenzung, für die Normalisierung einer Lebensart. Beides ist Literatur. Nur Geltingers Verlag Schöffling & Co. sagt zu Recht, dass das Buch ernst zu nehmende und bedeutende Literatur darstellt. Prestons Werk ist vor allem aufgrund seiner gesellschaftlichen Wirkungen so ein wichtiges Buch, nicht aufgrund seiner literarischen Hochwertigkeit.

Deswegen verwahrte sich die Mitarbeiterin des grafit-Verlags gegen den Begriff Schwulenbuch. Sie wollte nicht, dass das Buch in eine Ecke gedrängt wird, in die es ihrer Meinung nach nicht gehört. Das begegnete mir noch mehrmals auf der Buchmesse.

„Staub im Schnee“ ist Ernst Solèrs dritter Roman in der Reihe um Hauptkommissar Staub. Davor hatte er bereits „Staub im Wasser“ und „Staub im Feuer“ veröffentlicht. Leider wird nur noch ein Staub-Kriminalroman folgen: 2009 wird es „Staub im Paradies“ zu lesen geben. Leider ist Ernst Solèr dieses Jahr im Alter von 48 Jahren an einem Krebsleiden verstorben. Er hatte früher beim Schweizerischen Fernsehen gearbeitet. Erfahrungen, die er in „Staub im Schnee“ hat einfließen lassen.

Was kann man über diesen Roman sagen? Zunächst einmal ist es ein Roman mit Figuren, die unheimlich sympathisch und gut gezeichnet sind. Selten war ein Kommissar gleichzeitig so menschlich und so angenehm miesepetrig wie dieser Kommissar Staub. Er hat in dieser Folge Probleme mit seiner Frau. Sie hat sich auch nach zwanzig Jahren Ehe nicht mit seinen Launen und seinem Dauerdienst arrangiert. Sein Partner Michael hingegen ist schwul und hat keinen Partner. Im Laufe der Ermittlungen wird das Thema Eifersucht und Partnerschaft auch durch den Fall selbst thematisiert. Es kommt zu folgendem Gespräch zwischen den beiden:

„Und bei dir?“, frage ich ihn. „Willst du ewig solo bleiben?“ – „Ich habe eben nicht schon vor Jahrzehnten den Richtigen getroffen“, meint er. „Und im Alter wird´s nicht einfacher, für uns Schwule sowieso nicht.“ – „Du bist doch nicht mal vierzig, Michael!“ – „Aber fast! Gut, ab und zu lerne ich schon jemanden kennen, aber grundsätzlich nichts für länger. Im besten Fall ist es kurz und intensiv.“

Schön ist, dass Staub im Laufe des Romans feststellt, dass es ja einerlei sei bei Eifersucht, um welche Art Beziehung es gehe. Wieso sollte es bei Schwulen denn anders sein als bei mir und meiner Frau, denkt er sich. Nichtsdestotrotz hat er mehr Berührungsängste bei den Vernehmungen von Homosexuellen als sein Kollege.

Der Roman ist keine große Kunst, aber das will er auch nicht sein. Er ist sehr kurzweilig und man liest ihn in einem Ruck. Und mehr möchten ja die meisten Krimis auch nicht. „Staub im Schnee“ ist einfach nett, unterhaltsam, sympathisch. Letzteres auch durch die Regionalität dieses Romans. Zum Beispiel die Sprache: Begriffe wie „Natel“ oder „Lavabo“ (Handy bzw. Waschbecken). Wo sonst werden Bratwürstchen „grilliert“ und wo, wenn nicht hier, findet man noch „Rahmkrügli“? Auch die Mentalität der Schweizer und die Politik werden näher beleuchtet. Dieser Roman ist einfach nur zu empfehlen.

„Staub im Schnee“ von Ernst Solèr ist im grafit-Verlag erschienen, umfasst 220 Seiten und ist im Fachhandel für nur 8,50 Euro zu beziehen.

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