Mit seinen Augen von Jan Stressenreuter

 

In den 50er Jahren gilt in der Bundesrepublik noch folgendes Gesetz, das aus dem Jahre 1935 stammt:

§ 175

(1) Ein Mann, der mit einem anderen Mann Unzucht treibt oder sich von ihm zur Unzucht mißbrauchen läßt, wird mit Gefängnis bestraft.

(2) Bei einem Beteiligten, der zu Zeit der Tat noch nicht einundzwanzig Jahre alt war, kann das Gericht in besonders leichten Fällen von Strafe absehen.

§ 175a

Mit Zuchthaus bis zu zehn Jahren, bei mildernden Umständen mit Gefängnis nicht unter drei Monaten wird bestraft:

1. ein Mann, der einen anderen Mann mit Gewalt oder durch Drohung mit gegenwärtiger Gefahr für Leib oder Leben nötigt, mit ihm Unzucht zu treiben, oder sich von ihm zur Unzucht mißbrauchen zu lassen;

2. ein Mann, der einen anderen Mann unter Mißbrauch einer durch ein Dienst-, Arbeits- oder Unterordnungsverhältnis begründeten Abhängigkeit bestimmt, mit ihm Unzucht zu treiben oder sich von ihm zur Unzucht mißbrauchen zu lassen;

3. ein Mann über einundzwanzig Jahre, der eine männliche Person unter einundzwanzig Jahren verführt, mit ihm Unzucht zu treiben oder sich von ihm zur Unzucht mißbrauchen zu lassen;

4. ein Mann, der gewerbsmäßig mit Männern Unzucht treibt oder von Männern sich zur Unzucht mißbrauchen läßt oder sich dazu anbietet.

§ 175b

Die widernatürliche Unzucht, welche von Menschen mit Tieren begangen wird, ist mit Gefängnis zu bestrafen; auch kann auf Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte erkannt werden.

 

Felix heißt die Hauptperson in diesem Roman. Felix heißt „Der Glückliche“. Doch glücklich ist der Mitte-Vierzigjährige nicht. Seit zehn Jahren ist er mit seinem Freund Manfred zusammen. Der Alltag ist eingekehrt, er spürt keine Leidenschaft mehr. Alles erscheint ihm leer, dumpf, leidenschaftslos. Die Luft ist raus. Dann erhält er einen Anruf von der Pflegerin seiner todkranken Mutter. Kaum ist er in seinem alten Zuhause angekommen, stirbt sie auch schon. Sie hatten nicht mehr miteinander gesprochen, seitdem sie ihn, als er achtzehn war, aus dem Haus geschmissen hatte. Der Grund: sein Schwulsein, das sie nicht akzeptieren wollte. Nach ihrem Tod geht er die Sachen durch, auf der Suche nach Informationen über seinen Vater, der verstarb, als Felix ein Jahr alt war. Auf dem Dachboden entdeckt er dann eine Truhe mit alten Briefen und Tagebüchern seines Vaters. Schon bald entdeckt er das Unfassbare: Auch sein Vater war schwul gewesen. Er sucht die große Liebe dessen Lebens, der wie der Zufall es will, Felix´ Nachbar in Köln ist. Anton, der mittlerweile in einem Altenheim wohnt, erzählt die Geschichte einer gescheiterten Liebe. Felix lernt in dieser turbulenten Woche sehr viel über seinen Vater, seine Mutter, seinen Großvater, aber auch über sich und Manfred…

Jan Stressenreuter, Jahrgang 1961, hat vor diesem Roman bereits drei andere Romane im Quer-Verlag veröffentlicht. Mit dem neuen Werk „Mit seinen Augen“ hat er ein spannendes, authentisches Buch über eine Zeit geschrieben, die für schwule Männer nicht einfach war. Er schreibt über eine Liebe in den Fünfziger Jahren. Über Herbert und Anton. Doch Herbert kann nicht zu seiner Liebe stehen, verlässt Anton, und heiratet Maria. Sie zeugen ein Kind, das sie Felix nennen.

Er schreibt darüber, dass schwule Männer ihren Sex heimlich in Klappen suchen mussten, in der Öffentlichkeit sich nicht berühren durften. Nicht einmal in Kneipen, in denen sie sich trafen, durften sie sich berühren. Verhältnisse wie beim CSD, bei dem man Händchen haltend durch die Straßen zieht, sich öffentlich küsst und begrapscht, waren damals mehr als utopisch. Wenn Leute den Eindruck hatten, dass ihr Nachbar mit seinem männlichen Besuch eine sexuelle Beziehung führen könnte, wurde der denunziert. Es gab Listen, auf denen die Namen der schwulen Männer standen. Sie konnten damit rechnen, gekündigt zu werden, wenn dies bekannt wurde. Ihre Karriere war ruiniert, und somit häufig auch ihr Leben. In Klappen gab es regelmäßig Razzien. Oft wurden schwule Männer verhaftet. Im Gefängnis waren sie ganz unten in der Hierarchie. Und jeder weiß, was das bedeutet. Halbstarke versuchten Eintritt in den Kneipen zu erlangen und verprügelten die schwulen Männer.

Dies erfährt Felix in den Geschichten Antons. Zunächst hat er kein Verständnis für seinen Vater Herbert, doch mehr und mehr kommt er hinter die ganze ungeheuerliche Geschichte, wie sie sich wirklich zugetragen hat… und wie sein Vater tatsächlich zu Tode kam.

Zuhörer der Lesungen, die diese Zeit in den Fünfziger Jahren bewusst erlebt haben, sagen: Ja, genau so war es! Jan Stressenreuter hat sehr gut recherchiert und beschreibt die Zeit damals realistisch und spannend. Dieses Buch ist ein Muss für all diejenigen, die sich mit dem Thema Schwulsein befassen möchten. Das schließt heterosexuelle Menschen genauso ein wie schwule und lesbische. Noch dazu ist es spannend wie ein Krimi geschrieben und hat auch alle anderen Merkmale eines guten Romanes. Es ist flüssig zu lesen, das Emotionale kommt auch nicht zu kurz. Und in der Rahmenhandlung wirft Stressenreuter einen kritischen Blick auf schwule Beziehungen in der gegenwärtigen Zeit. Wie groß ist der Kontrast zur beschriebenen Zeit in der Vergangenheit. Interessant sind jedoch nicht nur die Unterschiede zwischen der Beziehung Felix´ mit Manfred und der von Herbert und Anton, sondern auch die Gemeinsamkeiten, die offenbart werden.

„Mit seinen Augen“ von Jan Stressenreuter ist ein absolut lesenswerter Roman, der beim Quer-Verlag erschienen ist, 333 Seiten umfasst und für 14,90 Euro im Fachhandel erhältlich ist.

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Oben ist es still von Gerbrand Bakker

 

Ich sage es gleich zu Anfang: Das ist ein Buch, das man entweder liebt oder bald weglegt. In Holland wurde dieser Roman 2006 mit den zwei wichtigsten Preisen für literarische Debuts beehrt. Er wurde bereits für die Bühne adaptiert und gerade verfilmt. Doch worum geht es in dieser Geschichte?

Ein fünfundfünfzigjähriger Mann namens Helmer lebt auf einem Bauernhof. Der Roman beginnt damit, dass er seinen im Sterben liegenden Vater nach oben schleppt, ihm ein neues Zimmer herrichtet. Das ist erst der Anfang seiner Renovierungsaktion. Nach und nach dekoriert er um, kauft sich sogar ein neues Bett. Außenkontakte hat er kaum. Seine Nachbarin Ada besucht ihn, ihre beiden Söhne tauchen auf, manchmal kommt einer der beiden Milchmänner. Der eine von beiden ist alt und mürrisch, der andere ist ewig lächelnd und gut gelaunt. Die Zeit scheint still zu stehen. Dann kriegt er einen Brief von Riet, der ehemaligen Freundin seines verstorbenen Zwillingsbruders Henk, und es verändert sich etwas. Er denkt über sein Leben nach, erinnert sich an Henk, in dessen Bett er jahrelang geschlüpft ist, bis der Riet kennenlernte. Als diese ihren Führerschein bekommt, fahren Henk und sie spazieren. Da passiert ein Unglück: Henk verunglückt tödlich, Riet wird nach einigen Tagen von Helmers Vater aus dem Haus geschmissen. Fort an muss Helmer die Rolle des um Minuten älteren Bruders auf dem Bauernhof übernehmen. Sein begonnenes Studium in Amsterdam muss er beenden. Als Riet nach so langer Zeit wieder in sein Leben tritt, macht sie dies vor allem, weil sie seine Hilfe braucht. Sie möchte ihren Sohn Henk auf den Hof schicken, damit er sich als Knecht verdingt und wieder in die richtige Spur gerät. Der Junge baut sogar eine Beziehung zu dem Vater auf. Am Ende stirbt dieser und Helmer kriegt die Gelegenheit, wieder Luft zu bekommen, und seine erste Reise anzutreten.

Helmer ist ein merkwürdiger Mensch, ein Charakter, den manche vielleicht nicht verstehen können. In einem Alter, in dem Jungen rebellieren, ihre Selbständigkeit als wichtigste Priorität setzen, traut er sich nicht Nein zu sagen. Und lebt dann mit dieser Entscheidung. Jahrzehntelang. Sein despotischer Vater entscheidet zunächst, dass Henk den Hof beerbt, wahrscheinlich weil der zu einem bestimmten Zeitpunkt am richtigen Ort war, während Helmer gerade mit dem Knecht Jaap Schlittschuhlaufen ist. Henk ist immer schneller, beim Verlieben auch, er ist kommunikativer, robuster. Helmer ist sensibel. Er möchte Literatur studieren und wird sehr unfreiwillig Bauer. Dazu muss gesagt werden, dass man nach Lektüre des Klappentextes den Eindruck gewinnt, dass er erst seit kurzem unfreiwilligerweise Landwirt ist. Doch dem ist nicht so, da darf man sich nicht täuschen lassen. Das ist auch der Punkt, der kaum verstehbar ist. Wieso braucht er mehr als fünfunddreißig Jahre, um sich zu emanzipieren?

Nun wartet er darauf, dass sein Vater stirbt. Er versorgt ihn, mehr schlecht als recht. Wenn er Lust hat, gibt er ihm etwas zu essen, wenn er dazu kommt, bringt er ihn aufs Töpfchen, wenn es ihm passt, wäscht er ihn, gelegentlich auch mit kaltem Wasser. Er schottet ihn von den anderen ab. Wenn Ada zu Besuch kommt, sagt er, dass der Vater schläft. Helmer hat keinen Fernseher, er liest keine Bücher, er hat keine Hobbies. Helmer redet auch kaum etwas. Und so kommt es grundsätzlich zu merkwürdigen Unterhaltungen, in denen man mitliest, und in Gedanken schreit: Helmer, jetzt sag das und das in Gottesnamen! Aber nein, er tut es nicht. Mit seinem Vater hat er in seinem Leben keine vernünftige Unterhaltung geführt. Bis zum Schluss. Und da flammt dann der Gedanke auf, dass dieses Dahinsiechenlassen vielleicht sogar ein Liebesdienst an ihn ist.

Helmer war noch nie in Urlaub. Doch ihn fasziniert Dänemark. Er kauft sich eine schöne Landkarte, hängt sie sich in sein Schlafzimmer und lernt die Orte auswendig. Nur wenige Erlebnisse in seinem Leben scheinen ihm Freude gemacht zu haben. Und in allen kommt der ehemalige Knecht Jaap vor, der allerdings von seinem Vater gefeuert wird. Jaap brachte ihm das Schwimmen bei, ging mit ihm Schlittschuhlaufen. Nachdem der Knecht weg ist, besucht ihn Helmer noch ein paar Mal in dessen Häuschen. Beim letzten Besuch wird er von ihm auf den Mund geküsst. Dann zieht Jaap nach Dänemark… Am Ende des Buches, zufälligerweise gerade als der Vater verstorben ist, taucht der Knecht wieder auf, und nimmt Helmer mit auf eine Reise nach Jütland.

Dieses Buch ist eine Geschichte über ungestillte Sehnsucht. Helmer ist niemals über den Verlust seines Zwillingsbruders hinweggekommen. Er hat genauso wie sein „siamesischer Bruder“ Henk einfach aufgehört zu leben. Gerbrand Bakkers Mutter sagt, dass es ein deprimierendes Buch ist. Ich stimme ihr zu. Andere werden es witzig und skurril finden. Ganz sicher. Es kommt auf den Humor an, den man hat. Für den ein oder anderen ist das eine ganz fremde Welt, die beschrieben wird. Vielleicht warten die Leser etwas, erwarten, dass etwas passiert, warten aber vergeblich. Doch eines merkt man sofort: Dieses Buch ist ungewöhnlich gut geschrieben. Man kann es nicht recht in Worte fassen, doch die Sprache Bakkers, die von Andreas Ecke hervorragend ins Deutsche übertragen wurde, hat eine Klarheit, eine Präzision, eine Stilsicherheit, wie man sie selten findet.

Homosexualität wird sehr subtil angedeutet. Sie wird kein einziges Mal benannt, ist aber immer vorhanden. Auch diese lebt Helmer nie aus. Vielleicht am Schluss? Dass sein Vater ihn verdächtigt, schwul zu sein, erfahren wir gegen Schluss des Buches. Dass Jaap damit zu tun haben könnte, vermuten wir schon früher. Und was ist mit seinem Zwillingsbruder Henk? Und was ist mit Riets Sohn Henk, der für zwei Monate bei ihm weilt?

Dies ist kein Buch für Menschen, die ungeduldig sind. Es ist kein Buch für Menschen, die keine fünf Minuten Unzufriedenheit aushalten. Es ist aber ein Buch für Menschen, die kauzigen Humor mögen, die präzise Landschaftsbeschreibungen lieben und Hollywood-Geschichten hassen.

Der Roman „Oben ist es still“ von Gerbrand Bakker, welches übrigens von einem tollen Coverbild von Marcel ter Bekke geziert wird, ist ihm Suhrkamp Verlag erschienen. Es umfasst 314 Seiten und ist für 19,80 Euro im Fachhandel erhältlich.

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Keine Helden von Uwe Szymborski

 

Der Roman spielt im Leipzig Ende der 80er Jahre: Mark ist ein junger Mann, der mitten in der Pubertät steckt und sich einfach treiben lässt. Die Schule nervt ihn natürlich, ebenso die Verpflichtungen, die mit der Tatsache verbunden sind, dass er in der DDR lebt. Er muss zu den Jungpionieren, später wird er derjenige, der für die sozialistische Wandzeitung in seiner Klasse verantwortlich ist. Vielmehr umtreiben ihn allerdings seine ersten Schwärmereien, die allerdings nicht Mädchen gelten, sondern seinen Mitschülern. Er sammelt erste Erfahrungen mit Pitti, einem Mitschüler. Nach der Schule trennen sich ihre Wege und bei seiner Kochlehre lernt Mark Raymond, der von achtzehnjährigen pornografische Fotos macht und sich hinterher mit ihnen sexuell vergnügt. Als Mark ihn besucht, lernt er Pascal kennen, einen jungen Punk, der bei Messen als Stricher arbeitet und von Wessis gutes Geld bekommt. Doch er hat kein Glück bei diesem erfahrenen Jungen. Eines Tages wird er bei einer Demo festgenommen und trifft auf seinen ehemaligen Kollegen Pitti. Mit ihm zusammen erlebt er beim Mauerfall in der Westberliner Schwulenszene ganz neue Möglichkeiten, seine sexuellen Wünsche zu entwickeln.

Der Autor Uwe Szymborski wurde 1964 in Sachsen geboren und lebt seit 1992 in Hannover. In diesem Roman erzählt er seine Erfahrungen aus der Schulzeit. Ursprünglich hieß sein Werk „Baby Bottom“, was einen bedeutenden Handlungsstrang der Geschichte charakterisiert.

Aber immerhin – SEIN Sklave, Pittis. Für ihn da sein, ganz und gar. Ihm jeden Wunsch von den Augen ablesen, nich an sich selbst denken, sondern an ihn, und nur an IHN! Und überhaupt: Sklave – das klingt doch gar nicht so schlecht. Jedenfalls in der Kombination: Pittis Sklave, Pittis persönlicher Boy. Friss den Schnee. Gesicht zur Wand. Hände hintern Kopf! Erst eine ganze Weile später merke ich, wie lange ich ihn schon wortlos anstarre.

Im Westen angekommen, entdecken sie also eine neue Lebensform, Pitti und Mark. Letzterer hat sich schon zu Schulzeiten von Ersterem rumschubsen lassen, mit ihm Mathe gelernt, mit ihm erste sexuelle Erfahrungen gesammelt, wobei natürlich Pitti eindeutig das Sagen hatte.

Das Verhältnis zwischen und mir is anders als früher, ganz anders. Seit wir uns regelmäßig treffen und seit wir zusammen Dinge tun, von denen wir den anderen nich erzählen, sind wir beiden so etwas wie ein verschworenes Team. Freundschaft? Nein, Freundschaft kann man es wohl nich nennen. Mike war mein Freund. Er war ein Kumpel, mit dem man durch dick und dünn gehen konnte. Pitti is anders. Pitti is einfach cool. Pitti is mein Boss.

Der neue Namen „Keine Helden“ steht für eine bestimmte Haltung der meisten Figuren dieses Buches. Mark ist naiv und fügt sich allen Regeln und Gesetze, die ihm aufgebürdet werden. Er sieht nichts Schlechtes am System DDR, er ist ein Mitläufer, der dringendere Probleme hat. Gegen Ende trifft er auch engagierte Menschen wie Jens, der etwas ändern möchte. Zunächst möchte Mark ihm nicht recht glauben.

Wahlfälschung, das klingt nach Betrug, nach Fernsehkrimi. Vielleicht kommt da irgendeine ungeheure Sache ans Tageslicht. Vielleicht werden ´n paar Typen in Handschellen abgeführt. Vielleicht darf man darüber gar nich laut reden. Aber, im Grunde genommen is das doch alles horrender Blödsinn, ´n Scheißwitz. Wahlen gibt es, seit es die DDR gibt. Immer war das Wahlergebnis, soweit ich mich erinnern kann, so hoch. Und hat etwa nur ein einziges Mal was in der Zeitung gestanden von wegen Wahlfälschung? Hat sich irgendwann mal irgendeine Fotze aufgeregt wegen so was?

Als Ronny, ein Mitschüler, der zusammen mit seinen Eltern in den Westen auswandern möchte, mit ihm redet, versteht er ihn nicht.

„Und was is mit dir selber? Was willste nach der Schule machen? Denkste, du kriegst dort ´ne Lehrstelle?“

„Dort haste doch gar keine Zukunft“, mein Ronald.

Das macht Ronny für einen Moment sprachlos. Aber nich lange.

„Ey, eins sag ich dir“, sagt er, „dort drüben hab ich vielleicht keine Zukunft. Aber hier hat der ganze Staat keine.“

Scheiße, was soll ich darauf sagen. Alles, was er sagt, klingt einigermaßen logisch, hört sich richtig an. Und trotzdem weiß ich, dass es insgesamt falsch is, dass es gar nich richtig sein kann. Die ganze Arbeitslosigkeit, die Kriminalität im Westen – das kann man doch auch nich einfach vergessen.

Szymborski legt seinen Helden beziehungsweise Anti-Helden die Sprache der ostdeutschen Jugend in den Mund, was für uns WESSIS ganz interessant erscheint. Formulierungen wie: „Du machst dich voll zum Klops“, „ is doch alles voll Aule“, „ich habe meinen Otto in der Hand“ und „Weichköppe“ kommen oft vor. Noch amüsanter ist für Außenstehende die Funktionärssprache der DDR, die einem allenthalben begegnete:

„Ihr konntet in den vergangenen Tagen verfolgen, wie in Anbetracht der extremen Winterwetterlage unsere sozialistischen Staatsorgane und die Werktätigen der volkseigenen Betriebe und Kombinate verstärkte Anstrengungen unternehmen, um auch unter diesen komplizierten Bedingungen die Situation zu meistern und die Planerfüllung in der Volkswirtschaft unter allen Umständen zu sichern.“

Dies ist ein ganz besonderes Coming-of-Age-Buch. Da hat einer ein Coming-Out, der in einem System aufwächst, das sicherlich nicht demokratisch und bestimmt nicht fair ist. Doch das wird unterwandert, und wir lernen, wie es Schwule in der DDR gehandhabt haben. Da ist Pascal, der auf den Strich geht, Raymond, der junge Männer pornografisch fotografiert und mit ihnen Sex hat. Und dann fällt plötzlich die Mauer und die jungen Herren erleben eine ganz neue Welt, in der es Darkrooms und Sexsklaven gibt.

Der Roman „Keine Helden“ von Uwe Szymborski ist beim Männerschwarm-Verlag erschienen, umfasst 192 Seiten und ist für zwölf Euro im Fachhandel erhältlich.

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Den Jungs geht´s gut von John Preston

 

Im Werk von John Preston geht es um das amerikanische Schwulen-Mekka Provincetown, das schon in den Sechziger-, Siebziger- und Achtzigerjahre ein Eldorado für die Schwulen war, die von überall her anreisten, um dort den Sommer zu verbringen. Im Mittelpunkt der Geschichten steht Franny, eine „auberginenförmige Transe“. Sie versammelt Bodybuilder, Tunten und Ledermänner um sich, die alle in diesem Buch zu Wort kommen. Franny kämpft darum, dass es ihren Jungs immer gut geht, egal was passiert. John Preston lässt in den einzelnen Stimmen die Geschichte der homosexuellen Befreiung Amerikas Revue passieren.

John Preston wurde in den 1950er Jahren in Medfield, Massachusetts geboren. Er begann seine Schriftstellerlaufbahn als Autor pornografischer Erzählungen in schwulen Monatsmagazinen, die ihn zwar als „Mr. S/M“ schnell berühmt machten, aber auch als „Schmuddelkind“ des schwulen Literaturbetriebs abstempelten. Als Mitherausgeber des renommierten „Advocate“ und Herausgeber zahlreicher Anthologien erwies er sich in den späten 1980er Jahren als einer der fruchtbarsten schwulen Publizisten Amerikas. Preston starb 1994 an den Folgen von Aids. Er stellte sich bewusst gegen den Violent Quill Club, einer Vereinigung von schwulen Autoren. Sie waren ihm zu elitär. Er wollte Literatur für alle verschiedenen homosexuellen Männer. Mit diesem Werk sagte er diesen elitären Herren: „Ihr könnt mich mal!“

Es ist zugegebenermaßen kein großes Buch, doch lesenswert ist es allemal. Wieso?

Gerade in diesen Zeiten, in denen viele homosexuelle Männer in Deutschland sich in absoluter Freiheit wähnen, in Großstädten wie Frankfurt händchenhaltend durch die Stadt laufen können, beim CSD mit den schrillsten Outfits auftreten können, tagelang feiern und im Zentrum des Interesses sind, tut es Not, in die Vergangenheit zu reisen. Als dies alles nicht so selbstverständlich war, als man nicht „Queer as folk“ und „L-Word“ oder „Sex and the City“ anschaute. Als man noch nicht die Trends für die ganze Gesellschaft setzte, als es noch nicht chic war, schwul zu sein.

Auch heute gibt es viele Benachteiligungen und Diskriminierungen, die homosexuelle Menschen auf der ganzen Welt erleiden müssen. Der Kampf ist noch nicht beendet. Aber viele schwule Männer versperren diesen Blick davor. Franny, die Hauptperson dieser Geschichte, wendet ihren Blick nicht ab. Nein, sie hilft jungen, aber auch älteren Schwulen bei ihrem Leben, bei ihrem Kampf, einen anderen Status für die gesamte Minderheit zu erlangen. Sie macht den Menschen Mut, diese tapfere Transe, sie opfert sich letztendlich auf, in einer Pension, die sie mit ihrer Kollegin, einer erfolgreichen Show-Transe, in der sie eine Auffangstation für an AIDS-erkrankte Männer aufbaut. So wie sie ihr ganzes Leben schon, Menschen aufgebaut, sich um sie gekümmert und sich aufgeopfert hat, tut sie dies auch in den letzten Monaten dieser todkranken Männer.

Eines Tages kauft  sich Franny einen bildhübschen rosa Angora- Pullover, der ihr wahnsinnig gut gefällt. Er ist letztendlich Schuld an ihrem ersten Aha-Effekt, der ihr weiteres Leben prägt, als sie nämlich in einem Park, durch den sie läuft, von jungen Männern als „Schwuler“ und „Tunte“ und „Trine“ beschimpft wird.

Aber dann schaltete ich. Ich hatte mich bucklig geschuftet, bis sich das Trinkgeld zusammengekratzt hatte, um den Pullover zu kaufen. Verdammt, was war denn in mich gefahren, dass ich mir von ein paar Rotznasen, die sich noch nicht mal rasieren mussten, verbieten ließ, ihn anzuziehen? So weit kam es noch! Also reckte ich das Kinn und stolzierte mit hoch erhobenem Kopf an ihnen vorbei. Seitdem hab ich mich nie mehr klein gemacht. Na schön, dachte ich bei mir, wenn ich sowieso schon so weit rauswagst, kannst Du doch gleich mal nachsehen, ob’s da draußen noch mehr gibt so wie dich.

Dies denken sich auch heute noch viele Teenies in unseren Schulen, insbesondere in kleineren Städten und Dörfern. Noch ist es nämlich schwierig, sich öffentlich zu outen, insbesondere als Junge mit Migrationshintergrund oder aus einer niederen Sozialschicht. Der Kampf ist noch nicht beendet. Feiern ist schön und gut, das machen die Helden aus diesem Buch auch, und es gehört sogar zu ihrem Programm. Wie in der Szene, als Polizisten eine Razzia in einem Club machen möchten, und jeden einsperren möchten, der mit einem anderen Mann tanzt. Sie wehren sich und letztendlich verschwinden die Polizisten. Ein kleiner Sieg. Solche kleinen Siege sind noch heute nötig. Aber so wie man deutschen Menschen seit jeher sagt, man solle einen Blick in die Geschichte dieses Volkes werfen und für die Zukunft lernen, lege ich auch jedem Schwulen die Lektüre dieses Buches nahe, gerade auch wegen des Vorwortes.

Dieses Buch ist keine große Kunst, aber es ist die Geschichte der Schwulen, es ist kämpferisch, hoffnungsvoll und damals, als es zuerst in Amerika veröffentlicht wurde, eine mutige Kampfansage an die konservativen Kräfte.

Der Roman Buch  „Den Jungs geht´s gut – Geschichten aus Provincetown“ von John Preston umfasst 155 Seiten, ist im Männerschwarmverlag erschienen und für 14 Euro in kartonierter Version im Fachhandel zu beziehen.

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