Selbstverständlich schwul! von Manuel Sandrino

 

Die Hauptrolle im Roman „Selbstverständlich schwul!“ vom Schweizer Autoren Manuel Sandrino spielt Timmy. Er ist ein schüchterner, verklemmter, junger Mann, gerade 20 geworden, und hat von seinen Eltern einen Auslandsaufenthalt geschenkt bekommen. Sie wünschen sich, dass er nach Sydney zur Oma fliegt. Er allerdings kriegt von einem Berner Freund den Rat, nach San Francisco zu reisen, um sechs Wochen lang, einen Sprachkurs zu besuchen. Doch weniger um seine bereits gut ausgeprägten Englischkenntnisse aufzubessern, als vielmehr nicht mehr ganz so verklemmt zu sein. Er möchte zu einer Schule, die mit dem Motto „Selbstverständlich schwul!“ wirbt. Dort entdeckt er nicht nur das Geheimnis der Erotik, sondern vor allem einen ganz neuen Sinn des Lebens.

Schon am ersten Tag erkennt Timmy an der neuen Schule, dass seine Hemmungen nichts weiter als Ängste vor seinen eigenen Stärken sind. Peinlicher als das Hasenkostüm bei seiner ersten Lektion in der Theaterklasse könnte nichts mehr werden, denkt Timmy. Doch damit beginnen erst die nackten und schamlosen Abenteuer in diesem Roman. Er wird nicht nur zum Lehrobjekt im Geschichtsunterricht, sondern auch beim Tantra-Seminar. Timmy stolpert naiv in die eine oder andere haarsträubende Situation. Er wird dabei ständig gefilmt. Zum Beispiel, wenn er sich die Schamhaare bei einem normalen Frisör vor Publikum abrasieren lässt. Oder wie er nackt mit einem Kollegen aus der Sprachschule Autos wäscht und am Ende sogar wilden Sex auf der Motorhaube hat. Timmy wird nach einem Auftritt bei einer Schwulen-Olympiade zum Symbol einer neuen Bewegung hochstilisiert. Viele Konservative sehen in ihm den Zerfall der bürgerlichen Moral. Er soll entführt und gar umgebracht werden.

Lehnen Sie sich zurück und genießen Sie die Reise eines Helden, der nackt sich selbst und der Welt begegnet.

Dies steht auf der Rückseite des Buches. Der geneigte Zuhörer kann sich an dieser Stelle gerne zurücklehnen und einen Eindruck gewinnen, wie sich das dann anhört:

Das Publikum ruft und brüllt, doch ich kann nichts verstehen. Tanze!, höre ich in einer fremden Sprache, die ich nicht zuordnen kann, aber meine Muttersprache ist. Das Licht um mich verdichtet sich. Vor mir im Kreis sitzen halbnackte Männer. Als Manifestation des Fruchtbarkeitsgottes musst du den Boden fruchten. Ich kenne das Ritual. Dass ausgerechnet ich in diesem Frühling dafür auserwählt wurde, wundert mich. Dies ist die Probe und der letzte Test. Die Männer gehören zu meinem Stamm. Stolz werfe ich meinen Kopf in den Nacken und blähe meine Brust, während mein Szepter anschwillt. Ich darf es nicht berühren. Es muss von sich aus sprudeln, so will es das Ritual. Nur so wird die Erde fruchtbar und die Ernte reich. Dann spüre ich es. Alles Leben ruht in meinem Samen. Unmanifestiert wartet es darauf zu begatten, zu keimen und zu segnen.

Timmy ist natürlich wunderschön, er ist nicht nur zwanzig, sondern auch 195 cm groß, durchtrainiert, hat das schönste männliche Geschlechtsteil auf Erden undsoweiter.

Doch weiter im Text:

Mit Augenbinden, einer Klammer auf der Nase, einen weiten Umhang und Stiefeln betreten wir den Garten. Der Umhang hindert die Luft, mich zu berühren und die Stiefel, um mit den nackten Füßen wahrzunehmen. Ich fühle nichts. Ich rieche nichts. Ich sehe nichts. Er Wind ist das Erste, was ich höre: sein Streifen durch die Büsche und die Baumwipfel. Höre mein Blut in den Ohren und durch meine Venen und Arterien fließen. Ich höre Sören atmen. Er isst den Wind, nimmt ihn auf und lässt ihn wieder frei. Das Zirpen einer Grille erfüllt mein ganzes Sein. Ein Vogel ruft seine Vogelfreunde. Wer bin ich? Ein Vogelbruder? Ein Gefäß für den Wind? Auch Sören ist nach der Übung seltsam still. Auch er ist von der Erfahrung berührt und scheint etwas weiser geworden.

Ach, ich will dem geneigten Leser nicht weitere Textproben ersparen:

Ich schleudere meine Schuhe fort, kaum dass ich den Rasen im Motelgarten betrete. Lasslo erkennt mich und winkt mir zu. Ziehe mir mein Shirt über den Kopf und knöpfe meine Hose auf. Ich will die Welt spüren. Der Wind soll mich liebkosen. Ich will ihn atmen. Lasslo steht auf und kommt auf mich zu. Ich lasse meine Boxershorts fallen. „Jetzt erst erkenne ich dich!“, sieht er mich wie verwandelt an. „Du bist doch der Junge aus dem Fernsehen?“, starrt er auf die Stelle, wo kein Härchen sprießt.

Denn Timmy ist so gut wie im ganzen Roman nackt. Und die Hälfte dieser Zeit steht sein kleines, großes Kerlchen. Nun ja.

Aus diesen Textbeispielen kann man einiges folgern. Zunächst: Wer Kitsch nicht mag, sollte dieses Buch nicht lesen. Das ist ein Buch, das garantiert zu lang und ausschweifend ist. Eher für Menschen, die auch noch die Pointe eines Witzes genauestens erklärt haben möchten. Leerstellen gibt es in diesem Roman nicht. Aber das ist ja in Ordnung. Jedem das Seine, und wen diese Zeilen noch nicht abgeschreckt haben… der kann das Buch gerne lesen. Abschrecken darf  einen aber dann auch nicht, dass das Personalpronomen ICH in den meisten Fällen ausgespart wird. Man darf sich auch nicht daran stören, dass nach wörtlicher Rede grundsätzlich falsch fortgefahren wird. Es sollte auch nicht für schlimm befunden werden, dass es praktisch keine Lektoratsarbeit gab an diesem Buch. Da werden Buchstaben vergessen, falsche Grammatik und Rechtschreibung lässt sich auf jeder Seite finden. Scheint aber dem Himmelsstürmer auch nicht allzu wichtig zu sein. So lange genug Sex vorkommt, ist doch alles in Ordnung. Wer stört sich schon an solchen Kleinigkeiten. Wen interessiert die präzise Verwendung der deutschen Sprache? Und wen interessiert die Glaubwürdigkeit des Inhalts? Ist doch nur ein Roman, oder?

Denn realistisch ist so gut wie gar nichts in diesem so genannten Abenteuerroman. Timmy verdient ungefähr den Gegenwert eines wunderschönen Wagens auf seinen unzähligen Strips, Sex-Foto-Sessions und Sex-Streifen, an denen er beteiligt ist. Auch dass ein Bürgermeister im San Francisco der Achtziger Jahre Timmy für seine Nacktheit bewundern soll, und alles tut, um ihn zu schützen, ist etwas unglaubwürdig. Zehn Männer wochenlang auf Timmys Fährte setzen? Sich mit ihm brüsten wollen, um bei den Wählern anzukommen? Nun ja.

Aber gut. Jeder sollte sich selbst ein Bild von diesem Roman machen. Manches daran ist durchaus sympathisch, manches ist unfreiwillig komisch, manches ist für jeden anderen außer mir erotisch.

Der Roman „Selbstverständlich schwul!“ von Manuel Sandrino umfasst, 372 Seiten, ist im Himmelsstürmer Verlag erschienen, und für 16,90 Euro im Fachhandel erhältlich.

Veröffentlicht in Buch

Staub im Schnee von Ernst Solèr

 

Yves Schneider, Moderator und landesweit bekannte Glücksfee der schweizerischen Zahlenlotterie, wird brutal ermordet. Die Gerüchteküche brodelt, der Kreis der Verdächtigen ist groß. Hauptmann Fred Staub von der Zürcher Kantonspolizei und seine KollegInnen müssen seinen Mörder finden. Sie geraten dabei in das flirrende Ambiente des Schweizer Fernsehens, wo zwischen grantigen Regisseuren und adretten Redakteuren die höchste Schwulendichte Zentraleuropas festzustellen ist. Fred Staub deckt binnen kürzester Zeit einen Betrugsskandal in Millionenhöhe auf. Die Öffentlichkeit ist voll des Lobes angesichts der raschen Aufklärung – doch Staub geht das Ganze eine Spur zu schnell. Bei seinen Nachforschungen stellt er fest, dass sein Misstrauen durchaus berechtigt ist und es bei Schneiders Mord um weit mehr geht als um ein paar Millionen Schweizer Franken …

Diesen Kriminalroman entdeckte ich auf der Buchmesse, als ich gerade auf der Suche nach neuen schönen Werken mit homosexuellem Inhalt für Radiosub war. Ich stolperte über den grafit-Verlag, einen kleinen Verlag mit wunderschönen Büchern. Ganz fasziniert vom Cover blieb ich am Regal stehen und schaute mir zufällig das Buch von Solèr an. Ich fragte nach einem Rezensionsexemplar mit Begründung, dass ich schwule Bücher für ein Radiomagazin bespreche. Nun, war die Antwort, das ist kein Schwulenbuch.

So möchte ich ein paar Worte zu diesem Begriff verlieren. SCHWULENBUCH.  Was ist die Schwierigkeit bei diesem Wort? Ein Gunther Geltinger mit „Mensch Engel“ ist kein Schwulenbuch, obgleich es eine Hauptfigur hat, die schwul ist. „Den Jungs geht´s gut – Geschichten aus Provincetown“ von John Preston hingegen ist ein Schwulenbuch. Wieso? Das erste Buch thematisiert nicht die Homosexualität, sie ist eine Eigenschaft der Hauptperson, die selbstverständlich erscheint. Sie ist aber nicht relevant für die Geschichte. Prestons Thema ist hingegen der Kampf von Homosexuellen gegen Ausgrenzung, für die Normalisierung einer Lebensart. Beides ist Literatur. Nur Geltingers Verlag Schöffling & Co. sagt zu Recht, dass das Buch ernst zu nehmende und bedeutende Literatur darstellt. Prestons Werk ist vor allem aufgrund seiner gesellschaftlichen Wirkungen so ein wichtiges Buch, nicht aufgrund seiner literarischen Hochwertigkeit.

Deswegen verwahrte sich die Mitarbeiterin des grafit-Verlags gegen den Begriff Schwulenbuch. Sie wollte nicht, dass das Buch in eine Ecke gedrängt wird, in die es ihrer Meinung nach nicht gehört. Das begegnete mir noch mehrmals auf der Buchmesse.

„Staub im Schnee“ ist Ernst Solèrs dritter Roman in der Reihe um Hauptkommissar Staub. Davor hatte er bereits „Staub im Wasser“ und „Staub im Feuer“ veröffentlicht. Leider wird nur noch ein Staub-Kriminalroman folgen: 2009 wird es „Staub im Paradies“ zu lesen geben. Leider ist Ernst Solèr dieses Jahr im Alter von 48 Jahren an einem Krebsleiden verstorben. Er hatte früher beim Schweizerischen Fernsehen gearbeitet. Erfahrungen, die er in „Staub im Schnee“ hat einfließen lassen.

Was kann man über diesen Roman sagen? Zunächst einmal ist es ein Roman mit Figuren, die unheimlich sympathisch und gut gezeichnet sind. Selten war ein Kommissar gleichzeitig so menschlich und so angenehm miesepetrig wie dieser Kommissar Staub. Er hat in dieser Folge Probleme mit seiner Frau. Sie hat sich auch nach zwanzig Jahren Ehe nicht mit seinen Launen und seinem Dauerdienst arrangiert. Sein Partner Michael hingegen ist schwul und hat keinen Partner. Im Laufe der Ermittlungen wird das Thema Eifersucht und Partnerschaft auch durch den Fall selbst thematisiert. Es kommt zu folgendem Gespräch zwischen den beiden:

„Und bei dir?“, frage ich ihn. „Willst du ewig solo bleiben?“ – „Ich habe eben nicht schon vor Jahrzehnten den Richtigen getroffen“, meint er. „Und im Alter wird´s nicht einfacher, für uns Schwule sowieso nicht.“ – „Du bist doch nicht mal vierzig, Michael!“ – „Aber fast! Gut, ab und zu lerne ich schon jemanden kennen, aber grundsätzlich nichts für länger. Im besten Fall ist es kurz und intensiv.“

Schön ist, dass Staub im Laufe des Romans feststellt, dass es ja einerlei sei bei Eifersucht, um welche Art Beziehung es gehe. Wieso sollte es bei Schwulen denn anders sein als bei mir und meiner Frau, denkt er sich. Nichtsdestotrotz hat er mehr Berührungsängste bei den Vernehmungen von Homosexuellen als sein Kollege.

Der Roman ist keine große Kunst, aber das will er auch nicht sein. Er ist sehr kurzweilig und man liest ihn in einem Ruck. Und mehr möchten ja die meisten Krimis auch nicht. „Staub im Schnee“ ist einfach nett, unterhaltsam, sympathisch. Letzteres auch durch die Regionalität dieses Romans. Zum Beispiel die Sprache: Begriffe wie „Natel“ oder „Lavabo“ (Handy bzw. Waschbecken). Wo sonst werden Bratwürstchen „grilliert“ und wo, wenn nicht hier, findet man noch „Rahmkrügli“? Auch die Mentalität der Schweizer und die Politik werden näher beleuchtet. Dieser Roman ist einfach nur zu empfehlen.

„Staub im Schnee“ von Ernst Solèr ist im grafit-Verlag erschienen, umfasst 220 Seiten und ist im Fachhandel für nur 8,50 Euro zu beziehen.

Veröffentlicht in Buch

Die Eignung von Michael Sollorz

 

In diesem Roman ist der Held Lars Hagner ein Hausmeister in einem Ostberliner Plattenbaugebiet. Jeder schätzt diesen Junggesellen, der so fleißig und harmlos erscheint. Völlig zurecht spürt Ljuba, die dreizehnjährige Tochter von Hagners Geliebten, dass da etwas nicht stimmt. Der ehemalige Soldat schließt sich seinem ehemaligen Zugführer Bossert an, den er wie einen Helden verehrt und vor dem er großen Respekt hat. Endlich hat er nun wieder einen Sinn im Leben, nachdem er wegen der Wende aus der Armee ausschied und erst einmal eine Weile lang den Westen Berlins und dessen Schwulenszene kennenlernte. Er lässt sich treiben, bis ihn Bossert aufgabelt und in den Dienst stellt. Hagner, der Preuße und Trotzkist ist, wird nun sein Handlanger und Vollstrecker. Monatelang muss er manchmal auf Befehle von Bossert warten. Wofür genau die beiden kämpfen, erfahren wir nicht: Der real existierende Sozialismus mag mit dem Ende der DDR dahingegangen sein, der Klassenkampf aber wird weitergeführt, so glaubt Hagner. Er tobt konspirativ und im Untergrund, mit aufrechten Genossen, die bereit sind, für ihre Überzeugung auch zu töten. Ob es dieses mysteriöse Partisanennetz tatsächlich gibt oder es lediglich eine Fantasie des Romanhelden Lars Hagner ist, bleibt für den Leser lange offen. Vielleicht sind dies alles auch nur kriminelle Machenschaften Bosserts. Der Held der Geschichte legt eine Art Rechenschaftsbericht über sein Tun ab, schonungslos, wortkarg. Letzten Endes bringt er sogar die Schnüfflerin Ljuba um, damit sie ihn nicht verraten kann.

Die Namensgebung „Die Eignung“ ist sehr tricky. Die verschiedenen Ebenen darf sich jeder Leser selbst erschließen. Am offensichtlichsten ist die, dass Hagner sich monatelang fragt, ob er weiterhin das Vertrauen Bosserts genießen darf. Als später offensichtlich wird, dass Leute auf seinen Führer angesetzt sind, und Hagner selbst nun diesen bespitzeln soll, glaubt er, dass er einen Fehler macht.

Bossert und Hagner haben keine sexuelle Beziehung, auch wenn manche der Soldatenkollegen so etwas vermuten. Hagner hat nach der Wende viele sexuelle Kontakte mit Männern, allerdings scheinen diese nur praktisch zu sein. Allerdings sind seine Beziehungen zu Frauen genauso distanziert und kühl. Vielleicht ist es also wirklich Liebe, die Hagner für Bossert fühlt. Der Opa von Hagner war auch schon schwul gewesen, wie er von einem seiner alten Freunde erfährt.

Dieser Text von Michael Sollorz ist sehr verstörend, ich habe kaum Zugang dazu finden können. Das könnte vielleicht daran liegen, dass ich aus dem Westen stamme und nicht diese Einblicke in den Osten habe. Daher verstehe ich vielleicht nicht die Mentalität des Helden dieser Geschichte. Aber es könnte andererseits auch daran liegen, dass ich Schwierigkeiten beim Dialog mit dem Erzähler habe. Denn es ist doch so bei Büchern: der Erzähler spricht mit dem Leser, wie das in einem Gespräch auch ist. Ob man das Gespräch genießt, liegt an ganz eigenen subjektiven Einstellungen. Mag ich den Ton, den der Erzähler anschlägt? Mag ich es, wie er bestimmte Sachverhalte miteinander verknüpft? Mag ich sein Tempo, seinen Witz, seinen Charme? Oder sagt mir das alles gar nichts? So ging es mir bei Sollorz nicht zum ersten Mal. Und doch merke ich als Rezensent, dass dieser Roman gelungen ist. Nicht umsonst wird er von Christoph Hein, einem angesehenen Schriftsteller, der aus dem Osten stammt, hoch gelobt: „brillant geschrieben“ lautet sein Urteil.

Wenn Menschen Informationen erhalten wollen, dann lesen sie oft Sachbücher. Aber oft kann auch ein Roman einem wertvolle Informationen, vor allem wenn es um menschliche Emotionen  geht, bieten. In diesem Fall ist dies eine geeignete Lektüre für all diejenigen, die sich dafür interessieren, wieso die deutschen Bürger im Dritten Reich ihrem Führer folgten und grässliche Taten begingen. Hannah Arendt sprach von der „Banalität des Bösen“. Neue Forschungen widersprechen ihrer Sichtweise. Man musste Juden nicht auf grausame Weise umbringen. Häufiger als gedacht, hatten die Menschen die Wahl und entschieden sich, die Opfer auf immer wieder neue Art und Weise umzubringen, die fast schon kreativ zu nennen ist. Wie sich das erklären lässt? Sollorz könnte dies vermutlich. Zumindest macht dieser Roman den Anschein danach. Die Initialzündung zu diesem Roman lieferten ihm übrigens eigene Tagbuchaufzeichnungen aus der Zeit seines Grundwehrdienstes Anfang der achtziger Jahre, den er bei der Bereitschaftspolizei am Rande Berlins abgeleistet hatte. Er habe damals trotz der Geheimhaltungsordnung versteckt Tagebuch geführt. Erst zwanzig Jahre später habe er die vielen Heftchen wieder hervorgeholt und gelesen.

Gleich im ersten Heft fand er die Beschreibung, die zum entscheidenden Ausgangspunkt seines Romans wurde: Bei einem nächtlichen Einsatz war Sollorz Zeuge bei der Suche nach russischen Fahnenflüchtigen.

Den Roman „Die Eignung“ von Michael Sollorz wurde 2008 vom Männerschwarm-Verlag herausgegeben, umfasst 158 Seiten und ist in einer gebundenen Ausgabe für 16,90 Euro zu beziehen.

Veröffentlicht in Buch

Ruhm von Daniel Kehlmann

 

In einem Internetforum kann man folgende „Postings“ lesen:

„… seine vermessung ist – ‚gähn‘, manche welche es gelesen hatten war es arg langweilig und langatmig geraten. fazit: es stört nicht wenn man seine bücher nicht gelesen hat!“ – „nanu? also ich kennen niemanden der dieses buch als langweilig bezeichnet hätte. eher das gegenteil ist der fall, typisches in-einem-durchles-buch-wenn-man-nicht-schlafen-und-arbeiten müsste…“ – „ich bin beinahe gestorben vor Langeweile. ich habs nie zu Ende gelesen. hype, hype.“ – „ich fands auch todlangweilig.“ – „Intellektualität als Autismus? Ohne mich.“ – „Sie greifen mMn zu hoch, Kulturindustrie bleibt, was sie ist. Herr Kehlmann ist aber ein Phänomen: Er ist der erste Unterhaltungsschriftsteller, der sich in jedem Interview mit Größen wie Proust, Nabokov, Bunuel etc. in Verbindung bringt oder bringen läßt, was natürlich Quatsch ist. Also postmodern im Sinne von „cross the border, close the gap“ (zwischen E und U), ganz nach dem Motto: „Mein Zeug ist auch spitze, wenn wir’s dazu machen und ein paar richtige Namen fallen lassen“.“

Im NLP gibt es eine Methode, die sich Storytelling nennt, und die viele verschiedene Einsatzbereiche kennt. Verführungskünstler zum Beispiel setzen Geschichten gezielt ein, um Frauen davon zu überzeugen, welch guten Eigenschaften sie haben. Ob es aus solchen Erwägungen heraus geschah, dass Daniel Kehlmann sich in einem Interview erneut auf Größen wie Raymond Carver, Buñuel oder Feuchtwanger bezog? Redet er sich und das Buch selbst stark, um den Kritikern (ganz nach NLP-Methode) nach seinem Erfolg von „Der Vermessung der Welt“ keine Chance zu lassen, ihn niederzuschreiben? „Ich glaube, dass es formal das Avancierteste ist, was ich je gemacht habe. Ich bin damit künstlerisch am weitesten vorangekommen.“ Das sagte er „klug“, wie der interviewende Journalist konstatiert, über sein eigenes Buch, und vieles mehr. Doch um was geht es in diesem Buch? Und kann es als ein Voranschreiten im Schaffen Kehlmanns angesehen werden?

Ein Roman in neun Geschichten nennt sich das neue Werk Kehlmanns mit dem ironisch gemeinten Titel „Ruhm“. Es sind dies neun Episoden, die sich am Ende zu einem Ganzen fügen, und die mit dem Spannungsfeld von Fiktion und Realität spielen. In der ersten Geschichte kauft ein Mann ein Mobiltelefon und bekommt in der Folge Anrufe, die nicht ihm, sondern einem Herren namens Ralf gelten. Zunächst irritiert, geht er auf dieses Spiel mit der fremden Identität ein und verzweifelt fast, als die Anrufe plötzlich aufhören. Dafür wird ein Schauspieler von einem Tag auf den anderen nicht mehr angerufen. Ein anderer scheint, sein Leben an sich gerissen zu haben. Am Ende wird er als sein eigener Doppelgänger gehalten. Ein Schriftsteller namens Leo Richter macht zwei Reisen mit seiner Freundin, die nicht nur von seinem hysterischen Verhalten genervt ist, sondern auch Angst hat, von ihm in seine Geschichten gepresst zu werden. Eine Krimiautorin geht spurlos verloren. Eine ältere Dame fleht den Schriftsteller, der sie erschaffen hat, an, nicht sterben zu müssen. Ein verwirrter Internetblogger, der Tausende Nachrichten in Foren „postet“, möchte unbedingt in einem Roman des Schriftstellers auftauchen…

Der 1975 geborene Vielschreiber Daniel Kehlmann hat seinen letzten Roman „Die Vermessung der Welt“ 1,4 Millionen Mal verkauft, die Übersetzungsrechte wurden an mittlerweile 42 Länder verkauft. Einen ähnlichen Erfolg hatte zuletzt „Das Parfüm“ von Patrick Süskind, das vor zwei Jahren ebenso kommerziell erfolgreich in den Kinos lief. Auf die Frage, ob er in der Folge nicht sehr viel Druck auf sich spüre, äußert er unbekümmert, dass „der Vorteil eines Bestsellers darin liegt, dass man nie wieder einen Bestseller schreiben muss, dass der Bestseller eine Art Querfinanzierung von allem ist, was einem an seltsamen Dingen künftig einfallen mag, so hat das etwas unglaublich Befreiendes.“

„Quinn erhält eines Abends einen Anruf, der nicht ihm gilt, sondern einem gewissen Paul Auster. Dieser wäre ein bekannter Detektiv, und dringend benötigt. Aus Neugierde, und nachdem Quinn der Anruferin nicht klarmachen konnte, er wäre nicht der Gesuchte, kommt er zu diesem Treffen…“

Dies ist der Anfang einer Inhaltsangabe des Buches „Stadtglas“ aus der New York-Trilogie Paul Austers. Merkwürdig, dass Kehlmann niemals auf ihn verweist, wenn er von den Einflüssen anderer Autoren auf seinen neuen Roman erzählt. Sämtliche Phänomene, die in diesen drei Romanen bearbeitet werden, in denen es um die Auflösung der eigenen Identität geht, um das Nicht-mehr-Unterscheiden-können von Realität und Täuschung, nimmt der Autor hier auf. Er treibt die Grundideen Paul Austers weiter und garniert sie mit den neuen Technologien Mobiltelefon und Internet. Es gibt noch weitere mögliche Vorlagen, die vermutlich keine sind: Number 23 mit Jim Carrey zum Beispiel, bei dem sich am Ende des Films herausstellt, dass er selbst der Autor ist, dessen Buch er fasziniert, ja, geradezu manisch liest, oder auch „Stranger Than Fiction“, in dem ein Angestellter aus einer US-Behörde plötzlich eine Stimme aus dem Off hört, die sein Leben kommentiert. Es stellt sich bald heraus, dass eine Autorin ihn als Figur erfunden hat und er das ihm angedichtete Leben lebt. Er möchte sich davon befreien und eigenbestimmt leben.

Also ist es sicher sehr unfair, Kehlmann anzulasten, zumindest nicht besonders originell gewesen zu sein. Natürlich wäre eine andere Lesart möglich: Dass genau diese Referenzen, die gewollt sind von dem Schriftsteller, die Stärke seines Werkes sind. Der Eindruck entsteht gelegentlich, dass er diese Bilder, die einen an Filme von Bunuel oder die gerade genannten erinnern, an Bücher von Auster, vielleicht sogar von Philip K. Dick („True Lies“, „Paycheck“ etc.), provoziert, und er gerade das bezweckt. Wenn dies der Fall wäre, dann hätte er nicht nur einen Subtext innerhalb seiner eigenen Textteile geschaffen, sondern einen Subtext außerhalb des Romans in eine Welt von Werken, die sich die Frage stellen, ob nicht alle Erzählungen, unabhängig davon, ob sie auf dem Papier oder in der Wirklichkeit geschehen, gleich real und wahr sind. Und ist nicht das der Sinn von Kunst, in der Gedankenwelt des Zuhörers/ Zuschauers/ Besuchers Bilder zu evozieren, die in anderen Kunstwerken ihren Wiederhall suchen und finden? Hat nicht Maxim Gorkij genau dies als schönste Eigenschaft des Lesens angesehen: Beim Lesen einzelner Szenen an Szenen aus anderen Büchern erinnert zu werden?

Kehlmann glaubt zu Recht, dass die neuen Medien unser Leben auf noch ungeahnte Weise verändern. Die Wissenschaften müssen erst erforschen, inwieweit sich bereits jetzt, eine Realität entwickelt hat, die sich von der vor zwanzig Jahren grundlegend unterscheidet. Wie verlieben sich beispielsweise Menschen heutzutage? Die Geschichten über Menschen, die sich aus dem Internet kennen, und sich als Paar bezeichnen, obwohl sie sich noch nie im wahren Leben begegnet sind, häufen sich. In den Augen von jüngeren Menschen wird hier kein Qualitätsunterschied zur gewöhnlichen Art des Kennenlernens bemerkt. Unsere Realität hat sich bereits gewandelt. Geschichten wie in „Gut gegen Nordwind“ von Daniel Glattauer sind heutzutage möglich. Menschen bauen sich eine Parallelwelt auf, in der sie aufblühen können. Als Beispiel lässt sich die Figur aus der siebten Episode des Romans nennen, ein Mann, der als fetter Versager, der in seinem wahren Leben nichts auf die Reihe kriegt, beschrieben wird, lebt sein Leben in vielen verschiedenen Foren, in denen er sich aufspielt, und Tag für Tag unzählige Postings ins Netz stellt. Er hat seine eigene Sprache, die Kehlmann kenntnisreich persifliert. Er hat seine eigene Welt, in der man Leute niederreden kann, nur um sich selbst zu profilieren. Ein Beispiel dafür ist der Schauspieler Ralf Tanner, der in verschiedenen Postings schlimm beschimpft wird. Ralf Tanners vermeintlicher Doppelgänger wird dabei gefilmt, wie ihn eine Frau in einem Restaurant schlägt. Es wird auf Youtube gestellt. Nicht nur der Schauspieler fragt sich nun, was die „eigentliche“ Realität heutzutage ist. Ist etwas nur wahr, wenn es in den Medien ausgestrahlt wird? Was ist Realität, was Täuschung? Und wer hat noch die Macht und die Fähigkeit, dies zu kontrollieren? Wie sieht es mit den an den Anfang dieses Artikels gestellten Postings aus? Ist der Leser überhaupt noch in der Lage, sich von diesen schwarz auf weiß gedruckten „Wahrheiten“ zu lösen, wenn er sie liest? Sind Menschen dazu fähig, sich eine eigene Meinung zu bilden?

Kehlmann greift in seinem neuen Werk ein zutiefst aktuelles Thema auf. Er schafft es in relativ kurzen Worten, Welten aufzubauen, stringente in sich geschlossene Geschichten zu erzählen, die trotzdem miteinander zusammenhängen. Er hat kluge Vorlagen genutzt und weiter um seine eigenen Ideen gesponnen, mit diesen Vorlagen kreativ gespielt und seinerseits eine ganz neue Welt entstehen lassen. Der Autor stellt wichtige Fragen, auf die wir noch keine Antworten wissen, doch er versucht einzelne Aspekte herauszuarbeiten, über die sich seine Leser ihre Gedanken machen können. Aber am schönsten sind die kleinen Ideen, die er einfließen lässt, die kleinen Running Gags, die er auch teilweise selbstironisch einsetzt, zum Beispiel, wenn er sein Alter Ego in dem Buch, Leo Richter, aus dessen Feder Episode 3 mit der vermeintlich sterbenden Rosalie stammt, ständig der Frage aussetzt: „Wie kommen Sie auf Ihre Ideen?“ Leo antwortet stets genervt, aber schon resigniert: „In der Badewanne.“ Eine weitere Lieblingsfigur könnte Miguel Auristos Blancos werden, der Beststeller-Autor, der auf jede Frage dieser Erde eine Antwort hat und diese auch auf Papier bannt. In jeder Geschichte taucht ein anderes Buch aus seiner Sammlung auf. Sein Leben nimmt ein ganz besonders tragisches Ende.

Es ist ein anderes Buch als sein Vorgänger. Besser? Sicher nicht. Bringt ihn es weiter voran in seinem künstlerischen Schaffen? Wahrscheinlich. Wir sind gespannt und erwarten nach diesem kurzweiligen „Mind Advanger“ weitere ruhmvolle Werke von ihm.

Veröffentlicht in Buch